Süddeutsche Zeitung

Umfrage unter Münchnern:Die Vermessung der Münchner

Wie viel verdienen Sie? Stört Sie Kinderlärm? Haben Sie Schulden? Jetzt geht es ans Eingemachte: 10.000 Münchner werden derzeit befragt.

Dominik Hutter

Haben Sie Zahlungsverpflichtungen oder Schulden? Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage Ihres Haushalts? Und wie hoch ist Ihr monatliches Nettoeinkommen? Es geht durchaus ans Eingemachte in dem Fragenkatalog, den die Stadt derzeit einem Teil ihrer Bürger vorlegt. 10.000 zufällig ausgewählte Münchner haben über Ostern Post von Oberbürgermeister Christian Ude erhalten - mit der Bitte um Teilnahme an einer großen Befragungsaktion sowie der Zusicherung, dass alles vertraulich und gemäß den Bestimmungen des Datenschutzes abläuft.

Die bis zu 180.000 Euro teure Erhebung, von der sich die Stadt wichtige Erkenntnisse über die soziale Lage, Lebenssituation sowie das Meinungsbild ihrer Bürger erhofft, läuft bis Ende Mai.

Die "Münchner Bürgerinnen- und Bürgerbefragung 2010" findet wahlweise am Telefon oder im Internet statt - für Letzteres erhalten die Angeschriebenen einen Zugangscode für eine eigens installierte Webseite. Alle anderen bekommen einen Anruf vom Umfrageinstitut "Schäfenacker Marktforschung & Unternehmensberatung", das bereits mit der Vorgängeraktion im Jahr 2005 betraut war. Die Befragung findet im fünfjährigem Turnus unter immer wieder neu ausgewählten Münchnern statt - das ermöglicht eine gewisse Plausibilitätsprüfung sowie die Beobachtung längerfristiger Entwicklungen. Die Ergebnisse von 2010 werden erstmals auch detailliert nach Stadtbezirken aufgeschlüsselt.

Die Umfrage startet zunächst harmlos: mit Fragen nach Staatsangehörigkeit, Alter, Geschlecht, Wohnungsgröße und der Zahl der minder- wie volljährigen Mitbewohner. Mieter, Untermieter, Eigentümer oder WG-Mitglied? Danach geht es um Höhe und Aufschlüsselung der Miete - und um die im kostspieligen München stets aktuelle Frage, ob man den Preis für die eigenen vier Wände als angemessen oder eher doch als überhöht empfindet.

Klar, dass derlei Einschätzungen relativ sind - sie hängen vor allem davon ab, wie viel Geld man insgesamt zur Verfügung hat. Derlei breiten die meisten Leute jedoch nicht allzu gerne in der Öffentlichkeit aus - daher taucht bei dieser heiklen Frage erneut der Hinweis auf, dass alle Daten völlig anonym erhoben werden.

Wie ist das München-Bild?

Die neu gewonnenen Erkenntnisse, so berichtet Thorsten Vogel vom Planungsreferat, "fließen ins Verwaltungshandeln der städtischen Referate ein". Gerade die Fragen nach der Wohnsituation berührten einen "zentralen Punkt" - zumal es nicht nur um nackte Daten geht, sondern auch um Stimmungsbilder sowie eine Erwartungshaltung für die Zukunft. Aber natürlich lässt sich auch herauslesen, wo besonders viele Kinder wohnen, wie viele Quadratmeter jedem Bewohner zur Verfügung stehen und ob die Zahl der Kindertagesstätten und Spielplätze ausreichend ist.

Da aus der Differenz zwischen Haushalts-Nettoeinkommen und Miete plus Nebenkosten schnell klar wird, wie viel Geld fürs tägliche Leben übrig bleibt, verwendet das Sozialreferat die Ergebnisse für den Armutsbericht. Das ist für einige sonst nur schwer ermittelbare Fakten wichtig, berichtet Behördensprecher Fabian Riedl. Einmal, um die Zahl derer herauszufinden, die zwar Hartz-IV-berechtigt sind, aber keinen Antrag gestellt haben. Und um zu erfahren, wie viele Münchner ganz knapp oberhalb der offiziellen Armutsgrenze einzustufen sind.

Auch Politiker werden sich mit Interesse auf die für Herbst erwartete Auswertung stürzen. Enthält sie doch diverse Fingerzeige, was den Münchnern gut gefällt und wo es ganz gewaltig hapert. So kann man ankreuzen, ob man mit den Einkaufsmöglichkeiten, dem Kultur- und Sportangebot, der Grünversorgung oder der Volkshochschule zufrieden ist. Und ob man im eigenen Stadtvierteln unbedingt den Lärmpegel absenken möchte - den der Autos und Kneipen oder vielleicht auch den der Kinder.

Besonders spannend ist ein Themenkomplex, in dem die Bürger selbst auswählen können, für welche Angebote der Stadt mehr und für welche weniger Geld ausgegeben werden sollte. Und natürlich die Frage, welches München-Bild zutrifft: modern, tolerant, traditionsbewusst, international? Oder das genaue Gegenteil.

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Quelle:
SZ vom 07.04.2010/wib
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