Flüchtlinge aus der Ukraine„Können wir je zurückkehren?“

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Sie haben sich in Sicherheit gebracht und versuchen nun, ihr Leben in München zu meistern: Iryna Artyomova, Bohdan Mielichow, Lina Morozova (v. links).
Sie haben sich in Sicherheit gebracht und versuchen nun, ihr Leben in München zu meistern: Iryna Artyomova, Bohdan Mielichow, Lina Morozova (v. links). Stephan Rumpf

Zwischen Hoffnung und Ungewissheit: Zwei Frauen und ein Schüler aus der Ukraine erzählen, wie sie sich nach der Flucht ihr neues Leben in München eingerichtet haben.

Von Emiliia Dieniezhna

Drei Jahre sind vergangen, seit Russland die Ukraine angegriffen hat. Während der Krieg in ihrer Heimat unvermindert weitergeht, versuchen viele ukrainische Geflüchtete in Bayern, ein neues Leben aufzubauen. Die Geschichten von drei Menschen aus München zeigen ein breites Spektrum an Emotionen: tiefe Sorgen um Angehörige in der Ukraine, Unsicherheit über die Zukunft, aber auch Dankbarkeit gegenüber den Deutschen, die bei der Integration helfen. „Ohne die Hilfe meiner Gastfamilie hätte ich es nicht geschafft“, betont zum Beipiel Iryna Artyomova. Trotz zahlreicher Herausforderungen geben diese Menschen nicht auf, versuchen, ihren Platz in einer neuen Gesellschaft zu finden. Und so lange Schritt für Schritt weiterzugehen, bis sie eines Tages wieder in ein friedliches Zuhause zurückkehren können.

„Ich sehe keine klare Zukunft“: Lina Morozova

Lina Morozova stammt aus Slawutytsch, einer Stadt in der Nähe des stillgelegten Atomkraftwerks Tschernobyl. Als der Krieg ausbrach, lebte sie mit ihren vier Töchtern in Tscherkassy. Obwohl sie lange zögerte, ihre Heimat zu verlassen, zwang sie letztlich ein eindringlicher Anruf ihres Ex-Mannes, eines Soldaten in Gostomel, zur Flucht. „Er bat mich, dass ich mich für ihn von den Kindern verabschiede, weil er nicht sicher war, ob er den nächsten Morgen erleben würde“, erinnert sich Lina Morozova. Dieser Moment war für sie der Wendepunkt. Nach einem fünf Tage langen, beschwerlichen Weg erreichten sie schließlich München.

Morozovas älteste Tochter ist inzwischen in die Ukraine zurückgekehrt – eine Entscheidung, die Lina sehr belastet. „Ich mache mir jeden Tag Sorgen um sie“, sagt sie. Die jüngeren Kinder gehen in München zur Schule, doch der Alltag bleibt schwierig. „Meine jüngste Tochter ist in der ersten Klasse. Ohne meine Unterstützung könnte sie nicht lernen – ich muss alles für sie übersetzen.“

Und die Wohnsituation verschärft die Belastung. „Wir leben in einer Art Wohnheim mit Fahrern, die im Schichtdienst arbeiten. Es fühlt sich nicht sicher an.“ Trotz aller Schwierigkeiten gibt es auch Gutes. Lina Morozova ist etwa sehr stolz auf ihren Bruder. Er war ein führender Ingenieur am Tschernobyl-Kraftwerk und kämpft nun als Offizier in der ukrainischen Armee. „Er hat alles hinter sich gelassen und sich der Verteidigung unseres Landes verschrieben. Er hat mehrere Auszeichnungen erhalten, aber der Preis ist hoch“: Dreimal habe er durch Explosionen schwere Gehirnerschütterungen erlitten und sei auch psychisch traumatisiert. Für Morozova ist es besonders wichtig, dass die Menschen nicht vergessen, dass es dem Mut und der Opferbereitschaft von Menschen wie ihrem Bruder zu verdanken sei, dass die Ukraine weiterhin standhält und auf dem europäischen Kontinent relativer Frieden herrsche.

Doch sie fühlt sich in ständiger Unsicherheit gefangen. „Ich kann die Zukunft nicht planen, weil ich nicht weiß, was auf uns zukommt. Wird der Krieg enden? Können wir in die Ukraine zurückkehren oder müssen wir hier ein dauerhaftes Leben aufbauen? Diese Ungewissheit macht es unmöglich, langfristige Entscheidungen zu treffen“, erklärt sie. Besonders die Bildung ihrer Kinder bereitet ihr Sorgen. „Meine 17-jährige Tochter steht kurz vor dem Schulabschluss, aber ihr Deutschniveau reicht nicht aus, um ein Studium oder eine gute Ausbildung zu beginnen. Diese Ungewissheit macht mir große Angst.“

Neue Wurzeln finden:  Iryna Artyomova

Iryna Artyomova kommt aus Otschakiw, einer Kleinstadt nahe Cherson. Als russische Truppen die Kinburn-Halbinsel besetzten, floh sie auf Drängen ihrer Mutter Richtung Westen. „Ich wusste nicht, wohin ich fuhr – ich wollte nur weg.“ Ihre Mutter hatte große Angst, dass russische Soldaten in die Stadt einmarschieren und ihr oder ihrer Tochter Gewalt antun könnten. Aus Sorge um ihre Sicherheit bat sie Iryna, so schnell wie möglich zu fliehen. Zwei Tage nach ihrer Flucht erreichte sie München, wo sie von einer deutschen Familie, den Langers, aufgenommen wurde.

„Ohne sie hätte ich es emotional nicht geschafft“, erzählt Iryna Artyomova. Astrid Langer begleitete sie zu Behörden und half bei der Dokumentenbeschaffung. „Sie behandelten mich wie ein Familienmitglied – ihre Unterstützung war unbezahlbar.“ Dank dieser Hilfe fand sie einen Weg zur beruflichen Neuorientierung. Sie begann mit Deutschkursen, erreichte das B2-Niveau und absolvierte eine Weiterbildung im Bereich SAP. „Jetzt suche ich nach einer Stelle in meinem Fachgebiet. Wenn alles klappt, möchte ich bald eine eigene Wohnung finden.“

In der Ukraine arbeitete Iryna Artyomova für einen Energieeffizienzfonds, der Fördermittel vergab. Sie hat einen Abschluss im Bereich Finanzen – ein Fach, das im deutschen Bildungssystem am ehesten mit Betriebswirtschaftslehre vergleichbar ist. „Es war anfangs schwierig, das deutsche System zu verstehen, aber mit der Zeit fand ich mich zurecht.“ Heute blickt sie hoffnungsvoll in die Zukunft. „Ich bin der Familie Langer unendlich dankbar – sie haben mir nicht nur ein Zuhause gegeben, sondern auch den Mut, weiterzumachen.“

Zwischen Unsicherheit und Ehrgeiz:  Bohdan Mielichow

Bohdan Mielichow ist 15 Jahre alt und besucht die neunte Klasse einer  Mittelschule in München. Er kam aus der besetzten Stadt Kachowka in der Region Cherson nach München, weil die Situation dort sehr gefährlich war. Doch jetzt ist die Lage noch schlimmer geworden. Die Russen beschießen ihr eigenes Territorium und üben enormen Druck auf die Einheimischen aus, um sie zur Annahme russischer Pässe zu zwingen.

Für den jungen Mann war die Umstellung eine Herausforderung. „Am Anfang war alles fremd. Ich dachte, ich könnte online an meiner ukrainischen Schule weiterlernen, aber dann wurde ich in eine deutsche Schule geschickt.“ Die fremde Sprache war zunächst eine große Hürde. „Es dauerte Monate, bis ich Freunde fand und mich einigermaßen verständigen konnte.“ Dank intensiver Sprachkurse hat Bohdan Mielichow erhebliche Fortschritte gemacht. „Ich verstehe jetzt den Großteil des Unterrichts und helfe meinen Eltern bei Übersetzungen.“ Dennoch bleibt die Zukunft unklar. „Je nach meinen Noten entscheide ich, ob ich weiter zur Schule gehe oder eine Ausbildung im IT-Bereich beginne – das interessiert mich am meisten.“

Er ist stolz auf seine Fortschritte, sieht aber auch die Herausforderungen. „Die Sprache bleibt eine Barriere, besonders bei komplexen Aufgaben“, sagt er. Aber: „Aber wenn ich zurückblicke, sehe ich, wie weit ich schon gekommen bin.“

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer Tochter aus Kiew nach Pullach bei München. Sie engagiert sich gegen Korruption in der Ukraine, außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder. Für die SZ schreibt sie regelmäßig über Themen, die die ukrainische Community in München bewegen.

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