Ukrainische Freie Universität:Daheim ist Krieg, hier ist Seminar

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Ukrainische Freie Universität: Viel Platz in neuen Räumen: Doch die ukrainischen Studenten sind in diesen Tagen nicht nur auf das Lernen fokussiert.

Viel Platz in neuen Räumen: Doch die ukrainischen Studenten sind in diesen Tagen nicht nur auf das Lernen fokussiert.

(Foto: Catherina Hess)

Wie kann man studieren, wenn zuhause Menschen sterben und Bomben fallen? Damit müssen Studierende und Lehrende an der Ukrainischen Freien Universität in München umgehen. Kanzlerin Yanina Lipski kümmert sich längst nicht mehr ausschließlich um universitäre Fragen.

Von Philipp Crone

Die Kanzlerin der Universität zeigt auf ihrem Handy ein Bild von einem Rettungswagen in Tarnfarben. Yanina Lipski sitzt am Donnerstagnachmittag in ihrem neuen Büro am Münchner Tor im nördlichen Schwabing und wischt von einem Bild zum nächsten. Einmal ist ein Rettungswagen zu sehen, weiß und rot, dann das Bild nach der Bearbeitung: die Karosserie in verschiedenen Grünfarben, innen voll geladen mit Verbandsmaterial. So haben sie den Wagen in die Ukraine geschickt, an die Front.

Die Frau im dunkelblauen Hosenanzug beschäftigt sich gerade nicht nur mit Belegungsplänen, Studiengängen oder Prüfungen, sie verbringt viele der täglich 16 Stunden ihrer Arbeit damit, ihrem Land zu helfen, oder den Menschen, die vom Krieg in der Ukraine gezeichnet sind. Schon bevor sie die neuen Räume im fünften Stock des Ergo-Gebäudes gegenüber den Highlight-Towers am Mittleren Ring zeigt und die laufenden Vorlesungen erklärt, ist klar: Auch wenn es ganz still ist und nur ruhige Worte aus zwei Räumen dringen, aus dem Psychologie-Seminar und der Wirtschaftsvorlesung - es knistert vor Anspannung. Eine Atmosphäre irgendwo zwischen Aufbruch und Erschöpfung, Trauer und Wut, Beherrschung und Emotion, auch bei der Kanzlerin der Ukrainischen Freien Universität (UFU).

Ukrainische Freie Universität: Viel zu organisieren: Yanina Lipski, Kanzlerin der Ukrainischen Freien Universität.

Viel zu organisieren: Yanina Lipski, Kanzlerin der Ukrainischen Freien Universität.

(Foto: Catherina Hess)

Lipski lehnt sich zurück und schaut aus dem Fenster. Am Montag ging das Semester für die 380 Studierenden wieder los, und weil die Uni völlig überlastet ist, haben die Münchener Rück und die MEAG, die zugehörige Vermögensverwaltung, ein Stockwerk für die UFU freigeräumt, die bislang in Nymphenburg beheimatet war. Lipskis Telefon klingelt, und sie ist froh, wenn es um universitäre Fragen geht. "Es gibt auch Anrufe, bei denen es heißt: Wir haben hier eine 18-Jährige, für die das Jugendamt nicht mehr zuständig ist und deren Eltern in Mariupol erschossen worden sind. Können Sie uns weiterhelfen?" Das ist Alltag. Und irgendwie müssen hier alle, ob Lernende oder Lehrende, damit umgehen, dass daheim Krieg ist und hier Seminar. Wobei die Universität Erfahrung hat mit Kriegen.

Gegründet wurde die UFU 1921 in Wien, zog im gleichen Jahr noch nach Prag. Studierende und Lehrkräfte wurden 1945 nach Bayern evakuiert, "aus Angst vor der Roten Armee", sagt Lipski, "und in der Hoffnung, dass man in der amerikanischen Besatzungszone sicher sein würde". Deshalb München. Die Idee der einzigen freien ukrainischen Universität war schon immer, "ein Studium anzubieten auf Basis der westlichen Werte", sagt Lipski.

Sie war zehn Jahre Dozentin, ehe sie Anfang dieses Jahres Kanzlerin der UFU wurde. Lipski hat Dolmetschen und Unternehmenswissenschaften studiert, wobei sie derzeit letzteres ganz besonders gut gebrauchen kann. Sie muss Hilfen organisieren, Studenten betreuen, Aufnahmeanträge bearbeiten und das Semester in Gang bringen, was allerdings rein räumlich gut funktioniert.

Lipski tritt auf den Gang des noch nicht wieder eingerichteten Stockwerks, graue Baustellenteppiche auf dem Boden neben nagelneuen, mit Folie überzogenen. Die bringen jeden von Lipskis Schritten zum Knistern. Ein Geräusch, das zu diesem Ort gerade passt. Es knistert, als wären hier alle und alles leicht unter Strom. "Natürlich sprechen wir auch viel über den Krieg", sagt die Kanzlerin.

Studierende organisieren Benefizaktionen - um Nachtsichtgeräte kaufen zu können

Knister, knister, knister. Lipski betritt das Psychologie-Seminar. Zwölf Lehramtsstudierende sitzen hier, der Beamer läuft, jede Veranstaltung wird selbstverständlich digital übertragen, die Professorin erklärt gerade, wie man mit autistischen Schülern umgehen sollte, die nicht ruhig bleiben können. "Nicht schimpfen, nicht niedermachen und nicht mit den braven vergleichen." Lieber anschließend in einer Zweier-Sitzung darauf eingehen.

Unterrichtspause. Das bedeutet zum Beispiel für Tetiana Merzhanova, die auch Musik studiert, dass sie sich in einen der Wartebereiche setzt, um das nächste Benefizkonzert am 28. Mai mit zu organisieren. Beim jüngsten kamen 2000 Euro zusammen, "das reicht genau für ein Nachtsichtgerät", sagt die 39-Jährige. Mit Hilfe von weiteren Spenden amerikanischer Freunde konnte sie vier bestellen, "die heute angekommen sind und die wir jetzt in verschiedene Dörfer in der Ukraine bringen", sagt die Frau mit den kurzen blonden Haaren. "Nachtsichtgeräte retten Leben, damit können die Bewohner nachts früh sehen, wenn der Feind kommt."

Der Krieg ist an diesem Ort im fünften Stock auf Münchner Boden, der von allem so weit weg zu sein scheint, eben doch ganz nah. Wie kann man studieren, lernen, sich konzentrieren, wenn daheim Menschen sterben und Bomben fallen? Merzhanova sagt: "Ich denke pausenlos daran, und mir hilft, dass ich etwas tun kann." Merzhanova macht lange Pausen, holt tief Luft. "Ich bin immer wieder sehr emotional, wenn ich darüber spreche. Aber ja, Studieren ist nicht leicht, zum Glück habe ich wenige Vorlesungen." Sie war in den ersten beiden Wochen des Krieges in der Ukraine, in der nicht angegriffenen Stadt Winnyzja, kam dann nach München. Nicht geflüchtet, sondern geplant.

Die freiheitliche Lehre ist ein Anreiz für viele Studierende

Merzhanova studiert an der UFU, weil sie dadurch mit anderen Universitäten und Studierenden aus anderen Ländern besser verbunden ist. "Wir haben auch einfach eine andere Studienordnung", sagt Kanzlerin Lipski. Während an ukrainischen Universitäten oft noch sehr strenge Regeln üblich seien. "Zum Beispiel war es für unsere Studierenden überraschend, dass man hier auch in einer Kombination von zum Beispiel Chemie und Deutsch Lehramt studieren kann." Und natürlich ist die Nähe zu Europa, "die freiheitliche Lehre", wie Lipski das nennt, ein Anreiz für viele Studierende. "Ein Seminar war bei uns jetzt auch völlig überbucht, und zwar das über die Europäische Union."

Lipski ist geübt im eleganten Bitten. Man brauche ein Studentenwohnheim und einen Stipendienfonds, mit den 600 Euro Semesterbeitrag der Studierenden kämen sie derzeit kaum hin. Umso erfreulicher, wenn ihnen dann von der Munich Re und MEAG gratis Räume zur Verfügung gestellt werden - mit Platz für immerhin 400 Menschen. Räume, in denen sich am anderen Ende des Stockwerks an diesem Donnerstagnachmittag gerade 13 Studierende bei einer Wirtschaftsvorlesung über Negativzinsen austauschen. Yanina Lipski schaut ihnen eine Weile zu und sagt dann: "Wenn man diese jungen Menschen sieht, will man alles tun, damit sie einen guten Blick in die Zukunft bekommen. Das hier sind doch diejenigen, die später die Ukraine wieder aufbauen."

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Maximilian Moll, 31, lehrt Mathe und Informatik an der Bundeswehr-Universität in Neubiberg. Mit Algorithmen geht er ebenso souverän um wie mit Zaubertricks. Das Etikett "sehr begabt" will er sich aber nicht aufkleben lassen.

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