Die Entscheidung, auf welche Schule Söhne und Töchter nach der Grundschule gehen sollen, gerät in manchen Familien zum Marathonprojekt. Die ersten Informationsabende besuchen engagierte Eltern in der dritten Klasse, die heiße Phase beginnt spätestens im zweiten Halbjahr der vierten Klasse. Auch in diesen Tagen teilen Eltern sich mehrmals pro Woche auf, spannen Großeltern und Patentanten ein, um möglichst viele Eindrücke von möglichst vielen Schulen zu bekommen. Die SZ hat Experten nach Tipps gefragt, die eine Entscheidung erleichtern können.
Durchatmen
Fragt man nach der goldenen Regel für einen gelungenen Übertritt, antworten Psychologen, Wissenschaftler und Lehrer übereinstimmend: erst einmal durchatmen! Es gibt viele Wege zum Abschluss. Kinder spüren, unter welchem Druck sie stehen. Gerade das kann sich auf die Leistung auswirken. Schüler sollten nicht zwei Jahre lang auf den Schnitt für Gymnasium (2,33) oder Realschule (2,66) hingetrieben werden. Helga Ulbricht, Leiterin der staatlichen Schulberatungsstelle in München, warnt davor, um jeden Preis das Kind aufs Gymnasium zu schicken. "Den Aufwand mit Nachhilfe und Sondercoaching hält keine Familie auf Dauer durch." Klar, alle Eltern wollten das Beste für ihr Kind, aber eine stabile Persönlichkeit ist für die Schulpsychologin die halbe Miete. "Das wird unterschätzt, aber Kinder, die sich wohlfühlen und gerne in die Schule gehen, haben Selbstvertrauen und auch bessere Noten."
Das Kind im Mittelpunkt
So banal der Rat ist, so oft wird er laut Experten ignoriert: Das Kind muss im Mittelpunkt der Entscheidung stehen. Der Übertritt wird zum Problem, wenn der Wunsch der Eltern und die Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Bildungsträume der Eltern oder ein "Das war in der Familie immer so" sind der falsche Weg. Überflieger-Geschwister oder Verwandte, denen Abitur und Studium extrem leicht fielen, können sensiblen Kindern sogar zur Belastung werden. Die Psychologen der Beratungsstelle raten dazu, lieber erst einmal Druck rauszunehmen.

Die richtige Schulart
Den richtigen Weg weisen die Zensuren des Übertrittszeugnisses. In die Bewertung fließen Fleiß, Aufmerksamkeit, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen oder Konzentrationsfähigkeit mit ein. Gespräche mit den Lehrern helfen, mehr über Stärken und Schwächen der Schüler herauszufinden. Aber schon bevor das Übertrittszeugnis vorliegt, können Eltern Schlüsse aus dem Verhalten ihrer Kinder ziehen: Geht es gern in die Schule? Muss es zum Lernen gescheucht werden oder lernt es gerne, auch mal länger und von alleine? Bringt der Sohn Dinge zu Ende, fragt er nach mehr oder reichen oberflächliche Antworten? Ist die Tochter auch bei Themen neugierig, die nichts mit ihren Interessen zu tun haben? "Das ist fürs Gymnasium entscheidend, gerade in der Mittelstufe mit bis zu 16 Fächern", sagt Michael Storch, der sich in der Schulberatungsstelle besonders um das Gymnasium kümmert. In 30 Lehrerjahren habe er oft erlebt, dass fleißige, strukturierte Schüler in der Pubertät die besonders Schlauen überholen. Wichtig ist Storch die Frage nach Abschluss und Berufsziel: Manche Schüler seien auf der Realschule glücklicher, "dort wird einem auch nichts geschenkt". Auch dort sind zwei Fremdsprachen Usus, und wer nach der Mittleren Reife noch Abitur machen oder studieren möchte, kann eine duale Ausbildung machen, an Fachoberschulen oder die Einführungsklassen der Gymnasien wechseln. 114 gibt es mittlerweile in Bayern. "Diese Schüler sind oft sehr erfolgreich und motiviert", sagt Storch.
Gymnasium, aber welches?
Reichen die Noten für die gewünschte Schulart, und in München ist das für weit mehr als die Hälfte der Viertklässler das Gymnasium, folgt die nächste Frage: Welche Schule ist die beste? Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders rät zur Skepsis. Viele Infoabende der Gymnasien empfindet er als "Werbeveranstaltungen für Disneyland". Eine gute Schule informiere offen über Leistungsanforderungen - die zunächst überfordern können. Pädagogen sollten rauskitzeln, was in Schülern steckt. Fordern und fördern. Wichtig sei, wie Lehrer sich für Buben und Mädchen engagieren und ob sie Wert auf Persönlichkeitsentwicklung legen. Hinweise sind stolz präsentierte Kunstwerke der Schüler. Als gutes Zeichen gilt auch, wenn diese am Infoabend eingebunden sind. Weitere Indikatoren sind Projektunterricht, Austauschfahrten oder Theater- sowie Kunst-AGs, Streitschlichter oder Schulsanitäter. An einem guten Gymnasium können Kinder ihre Interessen vertiefen und fühlen sich in der Umgebung wohl. Eltern sollten auf ihre Intuition hören, rät die Leiterin der Schulberatungsstelle. Ein Schnupperunterricht zeige, wie offen eine Schule sei. Die Reaktion der Beratungslehrer auf besondere Eigenschaften, ob auf Sohn oder Tochter eingegangen wird. "Eine gute Schule sollte mit dem Betreuungsangebot den Tagesablauf einer Familie unterstützen", sagt Ulbricht. Nachmittagsbetreuung in der Unterstufe sei das Mindeste, ob mit Kiosk oder Mittagsküche, sei Geschmackssache.
Welcher Zweig soll es sein?
Der erste Tipp ist einfach: Wem schon in der Grundschule Deutsch schwer fällt, sollte nicht auf ein sprachliches Gymnasium gehen, an dem mindestens drei Fremdsprachen Standard sind. Die Entwicklung von Kindern verläuft nicht linear, Zehnjährige wissen oft noch nicht, wo mit 14 ihre Interessen liegen. In so einem Fall rät Gymnasialexperte Storch zu großen Schulen mit vielen Zweigen und mehreren möglichen Sprachenfolgen, vor allem aber der gängigsten: Englisch als erste, Französisch als zweite Fremdsprache. In der siebten Klasse müssen sich Gymnasiasten auf Zweige und Profilfächer festlegen. In der achten Klasse beginnen dann je nach Zweig die dritte Fremdsprache, Wirtschaft, Sozialkunde, Recht oder Wirtschaftsinformatik sowie im naturwissenschaftlich-technologischen Zweig Chemie und Physik.
Sprachen oder Mathe?
Anders als früher im G 9 müssen im G 8 alle in Mathematik Abitur schreiben. Die Unterschiede machen vor allem die Profilfächer. Der Sprachenzweig gilt bei Lehrern und Bildungsforschern als besonders anspruchsvoll, denn gerade in der Mittelstufe des Gymnasiums, wenn die Schüler in der Pubertät stecken und die meisten Fächer haben, erfordert das Erlernen der dritten Fremdsprache viel Disziplin. Wer in dieser Zeit schludert, bekommt Probleme.
Kleine Schule oder große?
Für die große Schule spricht mehr Auswahl bei Zweigen oder Aktivitäten am Nachmittag. Aber wie immer gilt: Es kommt aufs Kind an. Sensible Seelen könnten überfordert sein, und in kleinen Gymnasien ist die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern zuweilen enger. Bei allem Abwägen schafft die Realität in München Fakten: Alle Gymnasien sind übervoll und Eltern müssen hoffen, dass an der Lieblingsschule überhaupt noch Platz ist. Durch die große Nachfrage haben sich laut Helga Ulbricht so etwas wie Sprengel gebildet. Die nächstgelegene Schule sollte die Kinder nehmen. Leichter sei es, in Klassen einen Platz zu bekommen, die mit Latein beginnen, oder an Profilschulen wie dem neuen Sportgymnasium München Nord oder den beiden musischen Gymnasien. Wenn Musik der fachliche Wunsch der Eltern ist, müsse eines der beiden das Kind nehmen.
Freunde?
Schulleiter sprechen von Schwarmwirkung. Wenn die tonangebende Gruppe eine Wahl trifft, folgen viele Mitschüler nach. Den Faktor Freunde sollten Eltern laut Experten nicht ignorieren, ihm aber auch nicht zu viel Gewicht geben. Manche Zehnjährige fühlen sich wohler, mit Geschwistern und Freunden in die Schule zu gehen. Bildungsforscher Reinders rät zur Gelassenheit: Der Wechsel sei immer aufregend, aber neue Freunde schnell gefunden. Und: "Die Kinder sind härter im Nehmen als in unserer Wattebäuschchen-Gesellschaft oft gedacht wird."