Münchner Übersetzer:Die Lust am kreativen Spiel

Münchner Übersetzer: Blick nach Norden: Maximilian Murmann hat sich als Übersetzer aus dem Finnischen und Estnischen einen Namen gemacht.

Blick nach Norden: Maximilian Murmann hat sich als Übersetzer aus dem Finnischen und Estnischen einen Namen gemacht.

(Foto: Robert Haas)

Maximilian Murmann übersetzt aus dem Finnischen - und wird dafür mit Arbeitsstipendien vom Freistaat Bayern und der Stadt München ausgezeichnet.

Von Jutta Czeguhn, München

Leena mag nicht mehr leben. In ihrem taltiefen Kummer will sie Gott um Hilfe bitten. Die Achtjährige durchstreift die Straßen von Wyborg und landet in der kleinen katholischen Hyazinthkirche. Das Gotteshaus ist leer, doch ist da diese Orgelmusik, die Leena überwältigt, Bach. Im Buch "Das Mädchen auf der Himmelsbrücke", das Maximilian Murmann gerade übersetzt, ist das die Schlüsselszene. Die Akustik der Kirche, der Lichteinfall, die Temperatur, Eeva-Liisa Manner hat das alles aus der Erinnerung beschrieben, denn 1951, als ihr stark autobiografisch geprägter Roman in Finnland erschien, war ihre Heimatstadt längst Teil der Sowjetunion. Und sie lebte in Helsinki. Bis zu ihrem Tod 1995 ist sie nie wieder nach Wyborg zurückgekehrt. Gern hätte Maximilian Murmann diese Reise jetzt für sie angetreten. Um die Atmosphären dort zu Rate zu ziehen und so Manners besonderer Prosa so nahe wie möglich zukommen, wollte er die legendäre Stadt in Karelien mit eigenen Augen sehen, dort, wo Alvar Aalto in den Dreißigerjahren die Architektur neu definierte. Doch dann kam Corona, und das mit dem Visum für Russland ist auch nicht unkompliziert.

Irgendwo hat Murmann dann Fotos von der Hyazinthkirche aufgetrieben, die er nun an die Wand werfen möchte, wenn er an diesem Dienstag, 19 Uhr, im Literaturhaus mit dem Bayerischen Übersetzerstipendium geehrt wird. Für seine Arbeit am "Mädchen auf der Himmelsbrücke". Das Buch soll im Herbst 2022 erscheinen, es wird die erste vollständige deutsche Übersetzung eines Werks von Eeva-Liisa Manner sein. Erstaunlich, ist sie doch eine der wichtigsten finnischen Autorinnen und vor allem eine Lyrik-Avantgardistin des 20. Jahrhunderts.

Die Sache mit dieser zumindest angeträumten Reise nach Wyborg erzählt viel über den Menschen und Übersetzer Maximilian Murmann. Über Achtsamkeit, Loyalität und eine Lust am kreativen Spiel. Ein Besuch in diesen Septembertagen im Institut für Finnougristik an der Ludwigstraße, gleich beim Siegestor. Die eigentümliche Leere, die Corona über das gesamte Universitätsuniversum gebracht hat, hier, wo hinter den grünen Türen sonst die Sprachen und Kulturen von Finnen, Esten oder Saamen erforscht werden, ist sie besonders spürbar. Verlassene Büros, leere Regale in der kleinen Bibliothek, denn die ist schon ins neue Philologicum umgezogen. Laut Murmann soll das ganze kleine Finnougristik-Institut folgen. Da wird er allerdings nicht mehr dabei sein wird. Sein Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter läuft aus. Nach 15 Jahren wird er das Institut verlassen, hier und in Helsinki hat er 2018 mit Summa cum laude promoviert. Er wird künftig ganz als freier Übersetzer arbeiten. "Ich habe den Eindruck, dass es wirklich passt und ich bereit bin für diesen Schritt." Die beiden Arbeitsstipendien - ein weiteres erhält Murmann von der Landeshauptstadt - kommen in dieser Übergangsphase gerade recht. Der 34-Jährige hat zwei Kinder.

Aus der Liebe zu finnischer Musik entwickelte sich auch eine zur Sprache

Unterbezahlt und unsichtbar. Wer diesen Beruf wählt, muss wohl mit beidem irgendwie leben und beharrlich dagegen anarbeiten. Zumal wenn er im Feld der sogenannten kleinen Sprachen unterwegs ist, in Murmanns Fall neben Finnisch vor allem auch Estnisch. "Talo", "Mökki", Haus, Hütte ... In den leeren Seminarsaal hinein lässt Murmann diese finnischen Worte schwingen. Vokalharmonien mit einem melodischen Rhythmus. Ausgerechnet über die Musik habe ihn die Liebe zu dieser Sprache erwischt, erzählt er. Einstiegsdroge für den Jugendlichen im mittelfränkischen Treuchtlingen war eine erzlaute finnische Melodic Death Metal Band. Nach Reisen in die schönen Städte und stillen Landschaften des Nordostens war's dann nachhaltig um ihn geschehen.

Unsichtbar ist der Übersetzer Murmann heute nicht mehr. Sein Name steht etwa auf dem Cover des estnischen Klassikers "Die Nacht der Seelen" von Karl Ristikivi, oder unter dem von Joonas Sildre, dem Verfasser von "Zwischen zwei Tönen", einer vom Musikfeuilleton bejubelten Graphic Novel über das Leben des Arvo Pärt. Die wäre übrigens nie auf Deutsch erschienen, wenn Murmann nicht zufällig in den Tagesthemen einen Bericht über das Pärt-Zentrum gesehen hätte und da jemand im Bildhintergrund durch den Comic blätterte. Über Facebook hat er Kontakt mit Sildre aufgenommen und ihn und den Verlag Voland & Quist vom Projekt überzeugt. So laufe es oft, sagt Murmann. Der Übersetzer als Kulturvermittler, Detektiv, wenn man so will Trüffelschwein guter Literatur. Denn in den seltensten Fällen können Lektoren Bücher aus kleinen Sprachen im Original lesen. Demnächst erscheint ein Buch, das für Maximilian Murmann eine besondere Herausforderung war: In "Meine Freundin Natalia" von Laura Lindstedt bleibt bis zum Schluss offen, wer hier erzählt. Mann? Frau? Im Finnischen gibt es kein "Er, Sie, Es", nur ein einziges geschlechtsneutrales Pronomen, "Hän". Wie ihm dieses Übersetzer-Kunststück gelungen ist? Im November wissen wir mehr.

© SZ/aw/arga
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