Überraschung für Fans :"Krimi kann sie auch"

Zum 100. Geburtstag der Bestseller-Autorin Utta Danella erscheint posthum ein Frühwerk. Das Manuskript "Begegnung in der Nacht" lag lange vergessen in einer Kiste im Keller

Von Yvonne Poppek

Die hinterste Kiste in einem Keller ist meistens nicht diejenige, die noch Spannendes zu offenbaren hat. Alte Steuerunterlagen verbergen sich dort gerne, Rechnungen, volle Notizbücher. Aber ein ganzer Roman? Eher unwahrscheinlich. Sollte das doch einmal passieren, klingt es wie eine allzu gute Geschichte. Eine, wie sie zur Bestseller-Autorin Utta Danella passen würde. Von ihr ist bereits eine andere gute Geschichte bekannt, wonach sie ihre Autorenkarriere heimlich auf einem Münchner Dachboden begonnen hat. Und jetzt ist im Heyne-Verlag "Begegnung in der Nacht" erschienen. Ein Frühwerk Danellas - basierend auf einem "Sensationsfund", wie der Verlag mitteilt.

An diesen Fund kann sich die Nichte von Utta Danella, Katja Sauermann, gut erinnern. 30 Jahre habe ihre Tante in einer Jugendstilwohnung in Schwabing gelebt. Zur Wohnung gehörte ein geräumiges Kellerabteil. Und dort, "ganz hinten im Eck", hinter Steuerunterlagen und Leseexemplaren hätten sie nach Danellas Tod zwei Kisten gefunden, angefüllt mit allem, was die Autorin in den Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren geschrieben habe: Artikel, Hörspiele, Bemerkungen zum Zeitgeschehen. Und dazwischen mehrere hundert eng beschriebene Schreibmaschinenseiten, die sich zu einem Krimi zusammenfügten.

Die deutsche Schriftstellerin Utta Danella an ihrer Schreibmaschine in ihrem Haus in München Deutsc

Ihre Romane schrieb Utta Danella auf der Schreibmaschine.

(Foto: imago)

43 Romane hat Utta Danella veröffentlicht, 70 Millionen verkaufte Exemplare. Geboren wurde sie als Utta Denneler 1920 in Leipzig. 1950 heiratete sie - nicht aus Liebe, sondern eher aus gesellschaftlichem Usus - und zog nach München. 1956 erschien ihr erster Liebesroman "Alle Sterne vom Himmel" unter ihrem Pseudonym. Der Erfolg stellte sich nicht sofort, aber sehr bald ein. Danella traf mit ihren Büchern den Geschmack der Zeit. Im Zentrum der Handlung platzierte sie eine Frau zwischen zwei Männern oder einen Mann zwischen zwei Frauen. Umgebung und Randbedingungen gestaltete sie nicht exotisch, sondern bodenständig, ließ ihre Figuren Täuschungen und Enttäuschungen durchlaufen, um sie am Ende zum Happy End zusammenzuführen.

Für ihre Popularität sorgte neben den vielen Millionen Büchern, die ihre Leserinnen fanden, auch die Fernsehverfilmungen. Mit denen war Danella allerdings nicht immer einverstanden, die Inhalte empfand sie bisweilen als verkürzt. Teil des etablierten Kulturbetriebs wurde die Autorin indes nicht. Besonders boshaft zeigt sich dies, als der Kritiker Fritz J. Raddatz Martin Walser einmal höhnisch in einem Verriss als "Martin Danella" betitelte.

Überraschung für Fans : Ende der Vierzigerjahre, als die Bestseller-Autorin auf dem Gartenstuhl sitzend fotografiert wurde, arbeitete sie vermutlich an einem Krimi.

Ende der Vierzigerjahre, als die Bestseller-Autorin auf dem Gartenstuhl sitzend fotografiert wurde, arbeitete sie vermutlich an einem Krimi.

(Foto: privat)

Der Autorin scheinen diese Anwürfe nicht besonders zugesetzt zu haben. Katja Sauermann beschreibt sie als selbstbewusste Frau. "Wenn Utta da war, war die Wohnung voll", sagt sie. Ihre Tante sei eine Exotin gewesen in der Familie. Sie habe sich weder ein Leben in der Ehe noch mit Kindern vorstellen können, weil ihr dann nicht genug Zeit zum Schreiben bliebe. Eine freie und unabhängige Frau sei sie gewesen. "Aber den Weg hat sie sich hart erkämpft." Die Schwierigkeiten in einer Welt, die von Männern dominiert wurde, drücke sich in ihren Büchern aus. Über ihre Tante sagt Sauermann: "Sie hat sich in die Freiheit geschrieben."

Wie stark sie das Thema der vom Mann abhängigen Frau beschäftigte, liest sich auch aus "Begegnungen in der Nacht" heraus. Im Zentrum stehen die Figuren Frank Bender und Miriam Brandon, Schauplatz ist eine tropische Insel in den Dreißigerjahren. Der Mann möchte nach enttäuschter Ehe ein einsames Leben als Plantagenverwalter beginnen. Die Frau ist auf der Flucht vor ihrem Ehemann. Ihre Wege kreuzen sich in einem Gästehaus, sie verbringen eine Nacht miteinander, verlieben sich. Schließlich stellt sich heraus, dass Miriams Mann ermordet wurde und es beginnen Ermittlungen, die in einer Kammerspielszene à la Edgar Wallace oder Agatha Christie enden.

Die deutsche Schriftstellerin Utta Danella mit ihrem Hund vor ihrem Anwesen in München Deutschland

Ihren Wohnsitz hatte Utta Danella die letzten Jahrzehnte in einer Altbauwohnung in Schwabing.

(Foto: imago)

"Krimi kann sie auch", sagt Sauermann dazu. Das Genre taucht in Danellas Veröffentlichungen sonst nicht auf. Auch der Schauplatz ist ungewöhnlich, Tropen statt Deutschland. Das sei überraschend, zumal ihre Tante keine Weltreisende gewesen sei, sagt ihre Nichte. Der Plot indes ist schlicht angelegt, das Innenleben der Figuren breitet Danella wortreich und gefühlsintensiv vor den Lesern aus. Mit dem Krimi zeigt sich also keine völlig andere Autorin. Hier ist schon eine zu erkennen, die mit Schnittmustern perfekt arbeiten kann, um sich eher den Beschreibungen der Gefühlswogen zu widmen, die sie dann in steter Intensität auf dieselbe Küste zurollen lässt.

Für Danella-Fans dürfte dieses Buch sicher eine Entdeckung sein, fünf Jahre nach ihrem Tod, im Jahr, in dem sie 100 geworden wäre. Darüber hinaus ist es interessant zu beobachten, wie eine Frau Ende der Vierzigerjahre - auf diese Zeit datiert ihre Nichte das Buch - eine Frau in den Dreißigerjahren porträtiert: abhängig vom Mann, aber sich bewusst werdend, dass sie sich befreien muss, koste es, was es wolle.

Warum Utta Danella den Krimi selbst nicht veröffentlicht hat, kann heute nur gemutmaßt werden. Sauermann schätzt, dass ihre Tante das Manuskript schlicht vergessen hat. Zudem sei sie auf ein anderes Genre - den Liebesroman - abonniert gewesen. Und es sei auch möglich, das "Begegnungen in der Nacht" als Hörspiel gedacht gewesen sei. Zumindest habe Danella mit dem Stoff experimentiert. Die Fassung, die nun erschienen ist, entspreche in weiten Teilen der Urfassung aus der Kiste, sagt Sauermann. Begriffe aus den Fünfzigerjahren seien aber getilgt, die Hörspielversion geglättet worden. Sauermann, die selbst als Buchhändlerin in Olching arbeitet, ist nun gespannt, ob das "späte Frühwerk" heute noch seine Leser findet. Denn: "Wer kennt heute noch Utta Danella?" Das wird sich bald zeigen. Die anspruchsvolle Marke indes hat die Autorin zu Lebzeiten selbst gesetzt: Bestseller.

Utta Danella: Begegnungen in der Nacht, Heyne Verlag, Taschenbuch, 400 Seiten, 10,99 Euro

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