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Übergangslösung:Nur eine Frage der Zeit

Freiluftkino im Autohaus, Straßenkunst in der Stadtbücherei oder Nachtbiergarten im Viehhof - Zwischennutzungen schaffen an ungewöhnlichen Orten Raum für Konzerte, Ausstellungen, Märkte oder Nachtleben. Sieben Beispiele

Lovelace

Foyer im ehemaligen HVB-Forum in München, 2017
(Foto: Florian Peljak)

In der Kardinal-Faulhaber-Straße 1 wartet ein Großprojekt auf die Eröffnung. "This is really happening", das hier passiert wirklich, ist an der Tür des "Lovelace" zu lesen. Das Projekt stemmt eine Reihe Münchner Veranstalter um Gastronom Michi Kern. Ein "Hotel Happening" wollen die Betreiber in der ehemaligen königlichen Filialbank auf 4800 Quadratmetern schaffen, einen kulturellen Treffpunkt nach dem Vorbild früherer Grand Hotels, in denen nicht nur gewohnt wurde, sondern auch gegessen, getanzt, debattiert. Ein Café in der Lobby steht allen offen, es gibt 30 Hotelzimmer, Bars, Eventräume, in denen Filmpremieren stattfinden sollen, Shops, in denen die Einrichtungsgegenstände gekauft werden können. Die Eröffnung war eigentlich für Mai geplant, man wartet wie so oft noch auf die ein oder andere Genehmigung, um voll loslegen zu können. Bis 2019. Der Hauseigentümer, die Bayerische Hausbau, will dann selbst ein Hotel dort verwirklichen.

Viehhof

(Foto: Massimo Fiorito/Auge)

Hunderte Wohnungen sollen auf dem Gelände einmal entstehen, das Volkstheater hier eine neue Bleibe finden. Dessen Bau soll schon nächstes Frühjahr beginnen. Gerade aber stehen im früheren Viehhof Bierbänke, ein Planschbecken und ein Zirkuszelt; wenn es dunkel wird, flimmert das Freiluftkino auf. Auf dem weitläufigen Areal, groß wie zehn Fußballfelder, haben sich einige Projekte angesiedelt, die im nächstem Jahr keinen Platz mehr hier finden werden. Als eine Art alternativer Biergarten hat sich der Nachtbiergarten mit seinem urbanen Flair etabliert. Im Winter veranstaltete das Kollektiv Wannda einen verwunschenen Weihnachtsmarkt, der ausrangierte Eisenbahnwaggon Bahnwärter Thiel lud zu Tanz, Flohmarkt, Konzerten und Lesungen. Nach aktuellem Stand wird für den Bahnwärter auch im nächsten Jahr ein Fleck gefunden, der Viehhofbiergarten findet hingegen zum letzten Mal statt.

Flostern

Flostern 2
(Foto: Flostern)

Von Zwischennutzung zu Zwischennutzung: Die Veranstalter des Flostern 2 haben sich 2016 bei einem anderen kulturellen Pop-up-Projekt kennengelernt, damals in Pasing, und damals nannte sich das Team "Flostern" (Aussprache: Flo-Stern). In der ehemaligen Stadtteilbibliothek in Giesing läuft seit Dezember 2016 ihre gemeinsame Unternehmung Nummer zwei: Mit einem sonntäglichen Weißwurstfrühstück, regelmäßigen Flohmärkten, Lesungen oder Live-Gigs. Auf den 370 Quadratmetern befindet sich auch ein Tagescafé, eine Tischtennisplatte steht dort, und stets sieht man hier viele junge Familien. Momentan ist die Zwischennutzung bis Ende 2017 genehmigt. Das Flostern-Team um Fotodesigner Edward Beierle, Hermann Hiller vom Atelier Held und Matthias Stadler vom Künstlerkollektiv "Tam Tam" wird unter anderem vom städtischen Kulturreferat unterstützt. Die "Tam Tam"-Crew betreibt die gleichnamige Bar in den Kammerspielen, ebenfalls ein temporäres Projekt mit einem umfangreichen, subkulturellen Abendprogramm. Das Erdgeschoss des Hauses, in dem Flostern 2 residiert, wird gerade umgebaut, dort sollen Geschäfte und Lokale einziehen.

Köşk

(Foto: Robert Haas)

Der Name des Köşk hat Hintersinn: Köşk steht im Türkischen für Pavillon - und die Veranstalter freuten sich, als sie die weitläufigen Räumlichkeiten der ehemaligen Stadtteilbibliothek an der Schrenkstraße im Westend für ihre Zwischennutzung bekamen. Von Köşk leitet sich außerdem das Wort Kiosk ab, das einen Ort bezeichnet, der immer auch ein Treffpunkt auf der Straße ist. In diese Richtung geht das Selbstverständnis des Köşk: als Anlaufstelle für Straßenkunst. Los ging es im Mai 2015. Die Macher luden zu offenen Tee-Salons, bei denen sie mit jungen Kreativen besprachen, was in den Räumen und im ellipsenartig angelegten Garten möglich ist. Bislang zeigten im Köşk Münchner Jugendliche ihre künstlerischen Fotografien des Hasenbergl. Das DIY-Stadtmagazin "München ist Dreck" startete hier. Aktuell befindet sich im Köşk das "offene Museumslabor", ein Gemeinschaftsprojekt, das sich mit der Migrationsgeschichte des Westends beschäftigt. Inzwischen ist das Köşk ein Selbstläufer, der Andrang der Kreativen groß. "Wir sind ständig ausgebucht", hört man von den Veranstaltern. Das Köşk ist ein Projekt des Kreisjugendrings, das bis Ende 2018 verlängert wurde.

Grünspitz

(Foto: oh)

Das Grünspitz in Giesing ist eine Art großer Gemeinschaftsgarten für die Anwohner geworden. Dort, wo sich die Tegernseer Landstraße und die Martin-Luther-Straße treffen, hatte früher ein Autohändler seine Ware angeboten. Heute malen Schüler die Baumstämme der Kastanien auf dem Gelände mit schonenden Farben an, pflegen die Giesinger Beete; es gibt Vorträge über Bienen oder zum Thema "Umarme dein Inneres Kind", Frühstück mit Livemusik und Führungen zu den Bäumen im Viertel. Das spricht ein etwas anderes Publikum an als zum Beispiel das Lovelace, und so hat jede Nische ihre eigene Zwischennutzung. Das Grünspitz ist ein Projekt von Green City. Auch langfristig soll dort eine öffentlich nutzbare Freifläche entstehen.

Mixed Munich Arts

"Mixed Munich Arts" auf ehemaligem Heizkraftwerk-Gelände in München, 2014
(Foto: Stephan Rumpf)

Mehr als 450 Quadratmeter Platz haben die Betreiber von Mixed Munich Arts (MMA) allein in der Kesselhalle, deren Decken 21 Meter hoch sind. Sie mieten und bespielen seit 2014 das ehemalige Heizkraftwerk in der Katharina-von-Bora-Straße. Das Heizkraftwerk belieferte früher umliegende Parteibauten aus der NS-Zeit und war über unterirdische Gänge mit ihnen verbunden. Heute finden inmitten der Industriearchitektur Techno-Partys, Konzerte oder Graffiti-Ausstellungen statt. Im Januar 2015 richtete das MMA den ersten Streetfood-Markt der Stadt aus, etwa 6000 Menschen besuchten damals die Essensstände und Foodtrucks. Das MMA-Team besteht aus Katrin Simonis, Constantin Mascher und dem Galeristen Mathias Arifin. Der Vertrag wurden den Stadtwerken zufolge bis Ende 2017 verlängert. Die Randbebauung um das Heizkraftwerk steht unter Denkmalschutz, doch der Querbau soll abgerissen werden und einem Neubau mit 85 Wohnungen weichen. Kürzlich haben die MMA-Macher den "Bora Beach" auf der Praterinsel eröffnet.

Mars Markt

(Foto: oh)

Von Freitagabend bis Montagfrüh, so lautet das Konzept: Seit dem 15. Juni befindet sich im ehemaligen Mahag-Autohaus an der Denisstraße der "Mars Markt". Mit der Idee dazu spielten Midnightbazar-Veranstalter Urs Jahn und Alex Wolfrum schon eine ganze Weile. Jahn fuhr auf dem Weg zur Arbeit oft an dem leer stehenden Gebäude vorbei, das zwischenzeitlich eine Unterkunft für Flüchtlinge war. Wolfrum hat eine Firma, die sich auf Zwischennutzungen spezialisiert hat und dafür einen Location-Scout beschäftigt. "Solche Räume zu finden, bedeutet meist viel Recherche", sagt Wolfrum. Als man sich zufällig traf, war man sich schnell einig, was hier für einige Wochen stattfinden soll: Live-Musik, etwa vom Giesinger Bud Spenzer Heart Chor, der "Bargarten", ein Biergarten, in dem Münchner Barkeeper Cocktails mixen - oder Open-Air-Kino. Die Agentur Gral, die bisher das Kino Open Air am Königsplatz organisiert hatte, beteiligt sich auch. Vor allem soll es Märkte geben, ob für Vintage-Kleidung oder Streetfood. "Märkte sind nicht so laut und trotzdem kommen immer viele Menschen", sagt Wolfrum. Das Mahag-Gelände mieten die Veranstalter von der Stadt, das Autohaus soll im August abgerissen werden.

© SZ vom 12.07.2017
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