Porträt:Künstlerisches Doppelleben

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Porträt: Musik war für den Architekten Udo Schindler immer schon Ausgleich zu seinem Beruf. Auf beiden Feldern ist er sehr produktiv.

Musik war für den Architekten Udo Schindler immer schon Ausgleich zu seinem Beruf. Auf beiden Feldern ist er sehr produktiv.

(Foto: Gerhard Emmer)

Der erfolgreiche Architekt Udo Schindler führt eine zweite Existenz in der Neuen und Improvisierten Musik.

Von Oliver Hochkeppel, München

Die Ära der Universalgenies à la Leibnitz ist lange vorbei. Spezialisierung ist angesichts der logarithmischen Verdoppelung des Wissens der Zug der Zeit, und doch gibt es Menschen wie den in Krailling bei München lebenden Udo Schindler, die trotz der Konzentration auf ihre Nische das große Ganze im Blick haben. An Interessen hat es dem bald 70-Jährigen nie gemangelt. Schon während und nach der Schulzeit, damals noch in seiner fränkischen Heimat (er stammt aus Zirndorf bei Fürth), schrieb er Gedichte und Theaterstücke, mischte zeitweise in der Münchner Performance-Szene mit, fotografierte viel und absolvierte eine Zimmerer- und eine Bauzeichner-Lehre. Wobei ihm das reine Bauen schnell zu wenig war, also holte er das Abitur nach und studierte Architektur. Mindestens so wichtig war ihm freilich die Musik. Er spielte Gitarre, Schlagzeug und Saxofon in Rock- und Fusionbands und nahm - parallel zum Architekturstudium - ein Flötenstudium am Nürnberger Konservatorium auf. Der Beginn eines, wie er selbst gesteht, "Doppellebens", das er bis heute führt.

Da ist zum einen der Architektenberuf. Früh hatte er Erfolg, schon nach dem Diplom 1980 gewann er Preise und konnte Entwürfe realisieren. 1984 gründete er sein eigenes Büro, wo es ihm lange vor dem allgemeinen Trend nicht nur um Gestaltung, sondern auch um Nachhaltigkeit ging: "Die energetische und ökologische Betrachtung war mir von Anfang an wichtig." Vorzugsweise mit Bauen im Bestand war er deshalb beschäftigt. "Ich habe anfangs auch Städtebau gemacht, aber das war zu frustrierend. Man hat da ja seine Visionen, wie eine Gesellschaft gemeinschaftlich unterwegs sein kann, aber das wird einfach nicht goutiert. Da wird alles zerredet und kastriert." Spät ist er jetzt doch noch mit Preisen wie dem Baukulturpreis der Metropolregion München und dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis geradezu überschüttet worden. Für einen "Glückstreffer, der in dieser Konstellation nicht wiederkommen wird": seine Beteiligung an "wagnisART", dem genossenschaftlichen Wohnbau eines Ensembles von fünf fünfstöckigen Gebäuden mit 14000 Quadratmetern Geschossfläche auf dem Gelände des ehemaligen Kreativquartiers in der Domagkstraße. Neun Jahre lang war er mit diesem Pilotprojekt flexibel gestaltbarer Wohnungen mit Ateliers, Gewerbeflächen , Werkstätten und Dachgärten beschäftigt.

"Wenn ich in den Übungsraum gehe, steht immer ein Instrument herum, das mich anlacht"

Hätte er sich ausschließlich mit Architektur beschäftigt, "wäre ich wahrscheinlich schon in der Psychiatrie gelandet", scherzt Schindler. Zum Ausgleich diente ihm schon immer die Musik, und seit Anfang der Neunzigerjahren professionell die Neue, die Improvisierte Musik. "Mein Thema ist schon die Abstraktion, die intensive Beschäftigung mit den Instrumenten. Klänge abseits des konventionellen Klangduktus." Die Begegnung mit anderen Musikern ist ebenso wichtig: "Improvisation heißt Kommunikation. Man muss zuhören, sensibel sein und ein großes Repertoire und Spektrum haben, um konstruktiv reagieren und kommunizieren zu können. Das bedeutet auch, Risiken einzugehen. Der Kick ist, dass man scheitern kann. Es wird nicht einfach Können abgerufen, sondern man kommt in Situationen, wo man Wege suchen, sich an einem Grat entlang hangeln muss und auch abstürzen kann. Bei jedem Konzert passieren Dinge, die man vorher nicht planen oder auch nur erwarten konnte. Wenn es aber gelingt, und etwas Neues entsteht, dann ist das ein purer Glückszustand."

Klarinette (vor allem Bassklarinette), Saxophon, Flöte und Kornett sind seine Hauptinstrumente, aber auch Synthesizer und Elektronik verwendet er. Wenn kein Konzert ansteht, übt Schindler abends mindestens zwei Stunden. "Wenn ich in den Übungsraum gehe, steht immer ein Instrument herum, das mich anlacht, na, willst du mich nicht mal wieder spielen", erzählt er. Elliott Sharp, Sebi Tramontana, John Russell, Frank Gratkowski, Gunnar Geisse, Achim Kaufmann, Peter Madsen, Lisa Ullen, Maja Osojnik, Ingrid Schmoliner, Annette Giesriegl und viele andere - die Musiker, die ihm früher als leuchtendes Vorbild vor Augen standen, sind inzwischen regelmäßig seine Partner. Natürlich auch, weil er es mit seinem Architektenberuf "querfinanzieren" kann. "Davon zu leben, wäre schwer", gibt er zu. Immerhin befruchten sich seine beiden Berufe und Leidenschaften gegenseitig. Auch bei der Musik sind der Raum, seine Akustik, die Bewegungen darin für ihn essentiell. Zum "Hörbarmachen der dritten Dimension gehört mein Spleen, alles extrem nah zu mikrofonieren, damit man auch all die Erzeugungsgeräusche hört."

Mehr als 50 Alben hat er veröffentlicht

Zum Engagement für diese Musiknische gehört viel Drumherum. Auftrittsmöglichkeiten zu finden beispielsweise. Schindler hat neben den gewohnten Anlaufstellen wie dem Schwere Reiter, dem MUG im Einstein oder der Seidlvilla Orte wie die Galerie Artoxin, Ateliers, Stadtteileinrichtungen wie die Sendlinger Kulturschmiede, die Rathausgalerie oder Kirchen aufgetan. "Es bleibt aber schwer, etwas zu finden, wenn man zum Beispiel mit einem Eugene Chatbourne etwas machen will." Auch deshalb veranstaltet er seit 2009 den "Salon für Klang + Kunst" bei sich zuhause. Bis zur 99. Ausgabe ist er gekommen, bis Corona ihn stoppte. Weiter geht es indes nicht mehr dort, sondern im von ihm entdeckten "Basis Klangraum", dem ehemaligen Lager der Basis-Buchhandlung in der Adalbertstraße.

Da kann man dann wieder Unerhörtes hören, bestenfalls in einen Flow geraten. Live geht das am besten, bis das wieder möglich ist, kann man sich mit Aufnahmen behelfen. Schindler ist auch da unerhört produktiv. Mehr als 50 Alben hat er mittlerweile veröffentlicht, unter anderem auf dem eigenen Label arch-musik ("auch das ist mir zu aufwändig geworden"), zuletzt aber vor allem beim britischen Speziallabel FMR. Gleich drei kamen dort im November und Dezember heraus: "Related Unique Items", ein Duo-Album von Schindler mit dem im Juni vergangenen Jahres verstorbenen Kontrabassisten Thomas Stempkowski, also mit dessen vermutlich letzten Aufnahmen. "Participation & Interplay", ebenfalls ein Duo in Schindlers Reihe "LowToneStudies" mit dem Bassisten Wilbert de Joode. Und das Trio-Album "In Search of Surprise" mit dem amerikanischen Hornisten Etienne Rolin und dem französischen Vibrafonisten Luc Lainé, aufgenommen während des Stipendiatenaufenthalts der beiden in der Villa Waldberta in Feldafing. Die Titel sagen eigentlich schon alles: Leichte Kost ist es nicht. Auf Schindlers Musik muss man sich einlassen, man muss sich mit ihr beschäftigen. Aber umso intensiver kann dann auch mal ein Glücksgefühl sein.

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