U-Bahnkontrollen:Im 19. Jahrhundert waren Bahnsteigkarten sinnvoll

Ihren eigentlichen Ursprung, aber auch eine völlig andere Begründung, hatten die Bahnsteigkarten im 19. Jahrhundert. Durchaus sinnvoll und zeitgemäß waren sie damals, sagt Ralf Roth, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt. Der Zugang zu den Gleisen wurde reguliert, um unnötiges Gedränge oder gar die Gefährdung der Passagiere zu vermeiden. Auch das Zugpersonal wurde durch Kontrollen am Bahnsteig geschützt, berichtet Nils Freytag, Dozent für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität.

Denn die Züge konnten damals noch nicht so bequem durchschritten werden wie die heutigen Modelle, sodass sich Schaffner schon mal außen an den fahrenden Waggons entlanghangeln mussten, um von einem Abteil ins nächste zu gelangen. Bahnsteigkontrollen stellten da eine sehr viel sichere Alternative dar. Darüberhinaus "besuchten viele Menschen um 1900 noch Bahnhöfe und auch Bahnsteige, um die Architektur und die Züge zu bewundern", erklärt Freytag. Dafür habe das bildungsbürgerliche Publikum dann auch bereitwillig etwas gezahlt.

Belächelt wurden die Bahnsteigkarten allerdings auch schon vor über 100 Jahren. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf ein Zitat Lenins verwiesen. Im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit einer Revolution in Deutschland soll er gesagt haben, die Deutschen würden sich vor der Erstürmung eines Bahnsteiges erst noch eine Bahnsteigkarte kaufen.

Eine ganz andere Bedeutung hatte die Absperrung der Gleise und die Bahnsteigkarte laut Professor Roth, der sich viel mit der historischen Rolle des Eisenbahnverkehrs auseinandergesetzt hat, in der späten DDR. "Dort wurden sie immer mehr als eine weitere Gängelmaßnahme des Regimes empfunden", sagt er. Der freie Zugang zum Gleis sei zu einem Stück gelebter Freiheit geworden

Eine Abschaffung der Bahnsteigkarte im heutigen München zu einem symbolischen Schritt zu mehr Freiheit zu stilisieren, ist sicher zu hoch gegriffen. Die Frage jedoch, inwieweit die Stadt mit dem Festhalten an dieser Regelung nach wie vor ganz gut dem Eindruck entspricht, den Lenin bereits im 19. Jahrhundert von "den Deutschen" hatte, könnte durchaus gestellt werden.

© SZ vom 19.01.2018/haeg
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