Typisch deutsch:Eine Wohnung im Heuhaufen

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Typisch deutsch: München, schön, aber bald unbezahlbar.

München, schön, aber bald unbezahlbar.

(Foto: Heinz Gebhardt via www.imago-images.de)

Nach sechs Jahren muss unser Autor aus seiner Mietwohnung ausziehen. Arabischer Mann mit schwangerer Frau, tierlieb, auf Suche im Großraum München. Über eine praktisch unlösbare Aufgabe.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es sollte nur ein Besuch sein, um mit uns Flüchtlingen zu malen. Freizeitbeschäftigung für vom Krieg traumatisierte Männer. Die Frau kam, brachte Stifte mit, und wir malten. Die Frau malte mit, sie malte mir ein Lachen auf meine Lippen, wie ein syrisches Sprichwort sagt. Ich hatte das länger nicht mehr von mir behaupten können. Aber ja, ich lachte ehrlich vor Freude. Die Frau hatte nicht nur Farben und Zeichenpapier dabei, sondern ein Angebot für eine Mietwohnung. Es dauerte nicht lange, da legte sie mir abermals ein Papier auf den Tisch. Ich hab den Mietvertrag sofort unterschrieben.

Diese Freude war gleichbedeutend mit der Freude damals über mein erfolgreiches Abitur oder den Eintritt in die Fakultät für Journalistik und Medien. In dieser Wohnung lebe ich nun seit sechs Jahren, inzwischen mit meiner Frau, der zweieinhalb Jahre nach mir ebenfalls die Flucht aus Syrien geglückt war. Wir haben viel Schönes in dieser Zeit erlebt mit unseren Nachbarn und Freunden. Doch nun müssen wir eine neue Bleibe finden, weil unsere Vermieter die Wohnung für ein Mitglied der Familie brauchen. Seit zwei Monaten bin ich nun auf der Suche und mache die bittere Erfahrung, wie schwierig und frustrierend dieses Unterfangen ist, wenn nicht gerade eine Frau mit Malstiften zu Besuch kommt. Wie "eine Nadel im Heuhaufen", ein sehr zutreffendes deutsches Sprichwort.

Seit ich hier in Bayern lebe, in Kirchseeon östlich von München, finde ich immer hilfsbereite Menschen. Aber bei der Frage nach einer Wohnung werden die Gesichter ratlos und machen einem großen Pessimismus Platz. In Syrien - vor dem dortigen Krieg - war die Suche nach Mietwohnungen ein Leichtes, ich hatte zuletzt in Raqqa drei große Wohnungen. Jede Nacht schlief ich in einer anderen, damit niemand, erst recht nicht die Schergen des sogenannten Islamischen Staats, sicher wissen konnte, wo sich der in Ungnade gefallene Journalist gerade aufhielt.

Nun treffe ich bei Besichtigungen in und um München Schlangen von Menschen an, die mich an jene Ansammlungen in Syrien erinnern, wenn es darum geht, einfach nur Brot zu erhalten.

Wohnklo mit Kochnische, ein winziges Zimmer, 800 Euro plus Nebenkosten? So ungerne ich über dieses Land und seine Bewohner schimpfe, aber die Wohnungsnot wird schamlos ausgenutzt. Viele hier berichten mir, dass die Miete einen großen Teil ihres Einkommens ausmache. Sie würden sich von ihren Arbeitgebern eine finanzielle Zulage wünschen, aber die wenigsten werden erhört.

Jetzt suche ich eine Wohnung für meine kleine Familie, denn bald werden wir zu dritt sein. Arabisch klingender Mann mit schwangerer Frau, tierlieb, auf Wohnungssuche. Nicht gerade der Jackpot. Ich mache nun jene Erfahrung, die viele Tausende vor mir durchlebt haben - und ertappe mich dabei, wie ich fast schon neidisch auf den Igel blicke, der sein Haus unter den Blättern der Bäume bauen kann.

Wir hoffen, dass es uns nicht ergeht wie es dem Vernehmen nach vor gut 2000 Jahren Maria und Josef widerfuhr, die ihr Jesuskind in einem Stall in Bethlehem zur Welt brachten. Wenngleich die bayerischen Ställe von heute einen etwas moderneren Eindruck machen.

Weihnachten ist das Fest, wo sich die Menschen beschenken. Unsere größtes Geschenk wäre eine Wohnung für uns und unser Kind, auf das wir uns sehr freuen. Die Malstifte habe ich jedenfalls aufgehoben.

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