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Typisch deutsch:Ein Baum wird wahr

Gehört in deutschen Wohnzimmern zu Weihnachten wie die Gans: der Christbaum.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Darf ein Muslim sich einen Christbaum ins Wohnzimmer stellen? Unser Autor, der aus Syrien stammt, hat sich entschieden.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Wenn in diesen Tagen der Glitzerschmuck und die Festdekoration in den Geschäften blinkt, ähnelt das der Vorbereitung auf eine Hochzeit. Der Unterschied ist, dass man hier Advent dazu sagt, was so viel wie die Ankunft bedeutet. Also das Warten auf die Geburt Jesu. Es wirft die Frage auf, ob ein Muslim sich zu diesem Warten gesellen darf oder nicht. Darf ich christliche Bräuche übernehmen und etwa einen Weihnachtsbaum kaufen? Oder gilt das schon als Verrat an der eigenen Religion? Dies könnten nämlich manche meiner Bekannten in Syrien denken und mich dafür kritisieren.

Hier in Bayern feiern wir symbolisch das Weihnachtsfest. Ich gehe einkaufen, fotografiere die Buden auf dem Christkindlmarkt - normalerweise zumindest - und genieße die Atmosphäre. Einen Christbaum habe ich selbst aber noch nie besessen. Ein syrisches Sprichwort sagt: "Riech daran, aber probiere nicht!"

Früher stellte meine Mutter an Weihnachten den Fernseher in die Zimmermitte und wir Kinder umkreisten den Apparat, aus dem Gesang der libanesische Sängerin Fairuz auf Arabisch erklang: "Weihnacht, Weihnacht - Schmuck und Leute - Glockenmelodie singt heute - neue Kleidung, Kinderstimmen - hört man hier von nah und fern!" Das alles in der Melodie von "Jingle Bells". Meine Mutter war glücklich, weil wir uns freuten. Allerdings bestand Gefahr, dass wir vor lauter Begeisterung den Fernseher umstoßen.

Als der IS nach Rakka kam, wurde der Besitz eines Fernsehers verboten. So konnte ich keine Weihnachtsfilme mehr sehen oder Lieder hören. Die IS-Schergen haben christlichen Mitbürgern in Rakka verboten, Weihnachtsbäume aufzustellen. Heute lebe ich in Deutschland, wo der Weihnachtsbaum wahrscheinlich sogar erfunden wurde. Für die meisten in München und im Umland ist er das symbolische Zentrum des Weihnachtsfestes. Es geht dabei auch, aber oft gar nicht so sehr um Religion. Warum soll ich, der ich Teil dieser Gesellschaft geworden bin, mir nicht auch so einen schönen Christbaum kaufen? Zumal meine Frau seit längerem vom Baumschmücken schwärmt.

Jeder darf Advent und Weihnachten feiern. Auch ein Muslim. Zumal Jesus ja auch im Morgenland lebte. Und so werde ich diesen Kauf als historisch in Erinnerung behalten. Wie der junge Werther in Goethes Klassiker, als er am Sonntag vor Weihnachten von einem Baum mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln entzückt wird. Viele Spezialisten haben uns beraten: Mecht's an groaßn oder kloan Bam? Mit Kerz'n oder Elektrik? A Tann' oder a Fichtn? Wir haben uns dazu entschlossen, einen Baum mit Topf zu kaufen, den wir dann nach dem Fest im Garten einpflanzen können.

© SZ vom 27.11.2020/vewo
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