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Typisch Deutsch:Der Stress mit dem Fondue

So gelingt das Fleischfondue

Neben Raclette zählt Fondue zu den Silvester-Klassikern.

(Foto: dpa-tmn)

Eine Feuerstelle auf dem Tisch? Rohe Zutaten? Das erinnerte unseren Kolumnisten an Szenen mitten im arabischen Markt. Wie man den Silvester-Klassiker erlebt, wenn man diese Art des Essens noch gar nicht kennt.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Als ich zwei Monate nach meiner Flucht aus Syrien mein erstes deutsches Silvester erlebte, kam ich direkt aus dem Kriegsgebiet. Ich hörte den Krach von Raketen und explodierenden Granaten in meinen Ohren. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt Silvester feierte. Auf dem Münchner Marienplatz schossen betrunkene Menschen mit Feuerwerkskörpern. Ich legte mich auf den Boden und verschloss meine Augen. Ein syrisches Sprichwort sagt: "Die Trauernden kamen, um sich zu freuen, aber sie konnten ihren Platz nicht finden!" Es war eine schwierige Nacht.

Im nächsten Jahr sagte ich zu mir: Ich möchte zwar feiern, aber nicht draußen. Da kam mir eine Einladung gerade recht. So saß ich am Tisch einer bayerischen Familie. Auf dem Tisch standen eigenartige Geräte: Ein seltsamer Topf, eine große Gabel, eine tragbare Feuerstelle. Eindeutig identifizieren konnte ich lediglich die vielen gefüllten Bier- und Weingläser. Ich hatte gehofft, dass es dieses Jahr ruhiger wird als zuletzt, aber ich traute dem ganzen Geschehen nicht.

Gespannt starrte ich auf die Gasflamme der Feuerstelle auf dem Wohnzimmertisch. Mein Gastgeber legte eine Knoblauchzehe in den Topf, und bedeckte sie mit Käse. Der anschließende Geruch war zwar gewöhnungsbedürftig, aber deutlich angenehmer als der Gestank einer Explosion. Auf dem Tisch lagen Köstlichkeiten: Tomaten, Brot und rohes Gemüse. Warum kocht man die Speisen nicht vorher in der Küche? Ich möchte doch heute feiern und nicht kochen!

Ich beobachtete die Profis, wie sie die Gabel mit dem aufgespießten Gemüse in den Topf mit dem geschmolzenen Käse tunkten. An Guadn! So begann das Festmahl. Wir begannen, uns zu unterhalten, auf Deutsch, Arabisch und Bairisch.

Vor dem Krieg in Syrien hatte meine Familie einen kleinen Ofen, den wir mitten im arabischen Markt aufstellten und uns drum herumsetzten. Man unterhielt sich, kochte Tee und erwärmte die Kohle für die Wasserpfeife. Auch daran erinnerte mich dieser Silvester-Moment, wobei die Dämpfe von Käsefondue und Pfeifentabak aromatisch nicht verwandt sind.

Leider gibt es in Syrien kaum Strom und kein Fondue. Gas ist eine Rarität - teuer und schwer zu bekommen. Die Leute müssen damit kochen und heizen. Syrische Winter sind vor allem eine Herausforderung. In Deutschland können sich viele über die Kälte und den Schnee freuen. Fast als wäre es ein Anlass für aufwendige und schwere Gerichte. Alle Jahre wieder höre ich Einheimische diesen Satz sagen: "Den Stress mit dem Fondue tue ich mir heuer nicht mehr an!" Und trotzdem gibt es an Silvester - natürlich - Fondue. Wenn dann der Käse einmal geschmolzen ist, verhallen die Böller kaum mehr hörbar, als wären sie eingeschmolzen.

© SZ vom 31.12.2020/infu
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