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Typisch deutsch:Selbst ist der Saubermann

Studie: Putzfrauen zahlen Millionen in die Sozialkassen

Kein Job nur für Frauen: Putzen passiert in deutschen Haushalten gleichberechtigt.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Wer putzt, ist kein ganzer Kerl. So hat es unser Autor in seiner Heimat kennengelernt. In Deutschland musste er sich nun umstellen.

Als ich vom Asylbewerber-Camp in eine Wohnung umzog, war plötzlich alles schön und sauber. Die Ausstattung war wunderbar, ein Bett, eine Küche, sogar eine Spülmaschine gab es. Alles war bestens, nur eine Sache wurde mir zum Verhängnis: Ich stand nun allein in der Verantwortung, dass es auch so blitzblank sauber bleibt. Ich musste also zum Putzmann werden.

Anfangs stellte ich mich auffällig dumm an: Ich verwendete Scheuermittel für die Reinigung des Spiegels und der Fenster. Leider habe ich Geschirrspülmittel und Taschentücher für die Bodenreinigung verwendet. Immerhin: Der Boden wirkte - nach erheblichem Aufwand - zunächst sauber. Der Spiegel und das Fenster aber wurden erst neblig und dann komplett weiß - wie die Bergspitzen der Alpen. Und der Boden entpuppte sich durch das Spülmittel als glitschig, sodass ich darauf ausrutschte. Ich musste also gar nicht in die Alpen zum Skifahren, sondern konnte zu Hause auf dem Boden üben. Alles war chaotisch.

Hintergrund: In Syrien habe ich nie gelernt, wie man sauber macht. Sämtliche Putzarbeiten haben meine Schwester oder meine Mutter erledigt. So wie in den meisten syrischen Familien. Hier in Deutschland war ich auf einmal ziemlich aufgeschmissen. Also bat ich meine Vermieterin um Hilfe. Sie hat mir erklärt, wie man Putzlumpen auswringt und welche Vorteile ein Glasreiniger hat.

Positiv ausgedrückt: Syrische Männer sind meist unvoreingenommen, wenn es ums Putzen geht. Mein Großvater konnte noch nicht einmal Kaffee kochen. An dieser Stelle, sagte meine Großmutter immer liebevoll, sei er wie ein kleines Kind. So kam ich in Deutschland an und sah mit Staunen, wie ein erwachsener Mann den Tisch putzte und den Herd reinigte.

So etwas habe ich in Syrien nie gesehen. Es gilt dort als Schande. Wer putzt, ist ein halber Mann und kein ganzer Kerl. Deswegen: Wenn ein Mann in Syrien sauber macht, dann so, dass ihn keiner dabei sieht und der Verdacht auf eine Frau fällt.

Ich habe es bisweilen erlebt, dass die Frau ihrem Mann hinterher putzt, weil sie mit seinen Ausführungen unzufrieden ist. Bei meiner Frau und mir gab es einen Disput über die Aufteilung der Dienste im Haus. Wir waren uns nicht einig, wer was sauber machen sollte. Also beriefen wir eine Friedens- und Putzkonferenz ein. Wir verständigten uns über unsere Präferenzen und erstellten einen Plan mit den Spül-, Staubsaug- und Bodenputzzeiten. Eine Fifty-fifty-Aufteilung. Also ganz anders als noch in den Wochen, als meine Frau ganz frisch in Bayern war.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass meine Frau aus Syrien flüchten und zu mir nach Kirchseeon kommen konnte. Eine Syrerin, die - wenig überraschend - sehr gut im Reinigen ausgebildet ist. Im Nachhinein ertappe ich mich dabei, dass ich dies alles andere als unpraktisch fand. Und anfangs vielleicht sogar etwas ausgenutzt habe. Als wir einige Besuche bei deutschen Freunden hinter uns hatten, sah sie, wie die Eheleute einander bei der Hausarbeit halfen. Sie stupste mich mit dem Ellenbogen in die Seite und sagte: "Ja da schau her." Und so fand meine Karriere als Putzmann ihre Fortsetzung.

© SZ vom 29.05.2020/vewo

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