Diese bemerkenswerte Begegnung ist nun etwa zwei Jahre her. Es war in einem Supermarkt unweit von München, als ich eine Bekannte mit ihrer Tochter traf. Das Mädchen trug eine Stofftasche bei sich. Sie schauten sich in der Abteilung für Getränke und Öle nach geeigneten Produkten um. Ich hörte, wie die Tochter ihrer Mutter erklärte, dass sie auf den Kauf von Öl und Wasser verzichten soll, weil beides in Plastikflaschen verpackt ist. Tatsächlich ließ die Mutter das Öl und das Wasser links liegen. Ich dachte mir damals, dass Mutter und Tochter spinnen.
Viele Jahre meines Lebens hat Plastik auf mich eine sehr überzeugende Wirkung ausgeübt. In Syrien kaufte ich oft und viel Plastik, da es viel billiger als andere Materialien ist - und bequem zu entsorgen, indem man es in den Müll wirft. In München angekommen, stellte ich fest, dass Deutsche und Syrer durchaus Ähnlichkeiten haben. Im Verbrauchen von Plastik etwa sind die Menschen in Rakka und München gleichermaßen talentiert. Ich fühlte mich sogleich ein bisschen mehr heimisch. Als ich jedoch kurz darauf eine Herde Schafe erblickte, wurde ich wehmütig.
In meiner früheren Heimat hatte ich ein Lieblingsschaf. Es war besonders flauschig und ich, damals neun Jahre alt, schmückte es mit Glocken und Halskettchen. Eines Tages war ich wieder auf der Weide, als das Schaf plötzlich umkippte. Bei der Untersuchung des toten Tiers fanden wir heraus, dass Plastik im Magen zum Tod führte. Offenbar hatte das Schaf eine Kunststofftüte mit etwas Essbarem verwechselt. Ich lief zu ihm hin, umarmte es noch einmal und weinte. Ich fühlte mich damals mitschuldig, weil ich wie alle anderen Plastik achtlos auf den Boden geworfen hatte. Mit der Zeit legte sich das allerdings wieder. Im Nachhinein betrachtet, war das mein erstes Negativerlebnis mit Plastik.
In München folgte eine weitere sonderbare Begegnung. Ich war bei einer deutschen Familie zu Gast, bei der fast alles aus Holz gefertigt war, sogar die Zahnbürsten. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einem Holzfällermuseum und musste mir den einen oder anderen Spruch verkneifen.
Die Holz-Familie und das Mädchen mit der Plastik-Warnung - seinerzeit habe ich sie alle belächelt. In jüngster Zeit aber beobachte ich, dass sich etwas ändert. Ein Prozess, den auch ich ganz offenbar nicht einfach so weglächeln konnte. Im Gegenteil: Ich stelle fest, wie ich selbst anfange, Plastik zu vermeiden. Erst ist es im Supermarkt losgegangen, wo ich statt der Plastikschale den Karton mit Tomaten mitgenommen habe. Mittlerweile bin so weit, dass ich schon diverse Male in den Unverpacktladen im Nachbarort geradelt bin, um mich dort komplett plastikfrei einzudecken.
Ausgerüstet mit Stoffbeuteln, Körben und Rucksack navigiere ich mich durch die Regale. Ich bin ein derart überzeugter Plastikgegner geworden, dass meine Freunde mich sogar schon deswegen verspotten. In solchen Momenten komme ich mir nun selbst ein bisschen so vor wie das Mädchen damals im Supermarkt.


