Typisch deutsch:Wer sich beliefern lässt, ist geliefert

Typisch deutsch: Ein Radelnder Speisekurier mit Rucksack, unterwegs in München.

Ein Radelnder Speisekurier mit Rucksack, unterwegs in München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Unser Autor ist kein Fan von Lokalen - erst recht nicht, wenn man deren Speisen Zuhause verzehren soll. Wie ein penetranter Flyer-Verteiler ihn trotzdem zu einer Bestellung verführte.

Kolumne von Olaleye Akintola

Schon wieder dieser schrille Flyer vom Pizza-Bäcker. Und das trotz meines höflichen Briefkasten-Hinweises: "Werbung verboten!" Es ist die vierte oder fünfte Ausgabe dieses Faltblattes in kurzer Zeit. Ich ärgerte mich einmal mehr und fasste einen Entschluss. Dort zu bestellen, bleibt ein Tabu.

Wenn es brennt, rufen wir die Rettungsleitstelle an. Ein Hund hat sich in einem Gullyloch verfangen, schon ist die Notrufnummer gewählt. Ein Gauner treibt sein Unwesen, die Nummer der Polizei liegt bereit. Und wenn der große Hunger den Magen knurren lässt, haben nicht wenige Münchner ebenfalls ihre Hotline zur Hand. Bis tief in die Nacht düsen die Lieferanten durch die Stadt. Der Geist tanzt Salsa, während der Körper zu Reggae brummt und versucht, einen Nachtschlaf zu erzwingen.

In Nigeria war es seinerzeit weniger verbreitet: Essen auf Rädern. Längst etabliert sich das auch dort in den Städten. Vielleicht sieht man Szenen wie in München, wo sich Träger von blauen und orangefarbenen Rucksäcken an der Ampel grüßen. Per Online-Bestellung wird fast alles à la carte serviert. Die Kunstfertigkeit der Bringdienste ist unübertroffen. Sie setzen köstlich arrangierte Fotos ein, um ahnungslose Leute zur Bestellung zu bewegen. Auf ihren Webseiten zeigen sie atemberaubende Bilder, die selbst den zwanghaftesten Diät-Freak zum Telefon greifen lassen.

Ich war nie ein Befürworter, in ein Lokal zu gehen. Wieso nimmt man in Kauf, viel Geld für eine Mahlzeit zu zahlen, obwohl so gut wie keine Inhaltskontrolle möglich ist? Ich kann also niemanden verantwortlich machen, wenn dem Mahl zu viel Salz oder zu wenig Pfeffer zugefügt ist. Ganz zu schweigen von schädlichen Zusatzstoffen.

Es mag spießig klingen. Aber was in meinen Körper kommt, kann ich nicht völlig einem Fremden anvertrauen. Doch so sehr ich mich bemühe, ganz kann man sich den Angeboten der Gastronomie nicht entziehen.

Es kam dieser Tage, da ich mal wieder dieses Pizzeria-Flugblatt aus meinem Briefkasten fischte. Ich hatte der Versuchung monatelang widerstanden, indem ich es ignorierte und meinen Papierkorb damit füllte. In diesem Moment nun erwischte mich der Köder des Pizzaladens unter dem Einfluss von starkem Appetit. Ich bestellte eine Pizza und eine Flasche Cola. Es wurde nach wenigen Minuten per Lieferwagen gebracht.

Nun wich der Hunger einem deutlich unangenehmeren Gefühl. Allein der Moment der Übergabe treibt mir die Schamesröte auf die Wangen. Ich frage mich oft, wie diese Leute mit ihrem Geschäft Geld verdienen. Sie müssen ihr Auto betanken, reparieren und ihre Lieferanten von dem kleinen Bestell-Betrag bezahlen. Die Pizza schmeckte durchaus nicht schlecht. Und trotzdem: Wenn der Magen das nächste Mal ein forderndes Geräusch auslöst, begebe ich mich in meine Küche.

Und vielleicht auch mal wieder in ein Lokal - dort besteht immerhin die Option, dem Koch Feedback zu geben.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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