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Typisch deutsch:München, die Stadt der Koffein-Junkies

Café Sommer in München, 2020

Ein Latte Macchiato in einem Café in München-Untergiesing (Symbolfoto).

(Foto: Florian Peljak)

Warum bezahlt man horrende Summen für einen winzigen Spritzer Kaffee, der mit luftig geschäumter Milch zu einer Tassenfüllung inszeniert wird?

Kolumne von Olaleye Akintola

Was ist Ihr Gift? Dunkel oder cremig? Mit Zucker, Magermilch oder ganz normal? Latte, Espresso, Americano, Doppio? Wenn das Wort "Käffchen" fällt, sieht man die Münchner auf den nächsten Laden zustürmen, wie die Vögel, wenn sie bei starkem Regen Schutz suchend ins Gebüsch flüchten.

In Münchens Lokalen sieht man den Preis für eine Tasse Kaffee von weitem auf Schildern stehen. Es gibt Lokale, die praktisch nur Kaffee und Kuchen feilbieten, und ich frage mich, wie sich das rechnen soll. Aber bevor ich die Augen schließe, um sie zu öffnen, sehe ich Menschen, die Schlange stehen, um einen Coffee to Go zu schlürfen. Sie bezahlen horrende Summen für einen winzigen Spritzer Kaffee, der mit luftig geschäumter Milch zu einer Tassenfüllung inszeniert wird. Es ist fast schon unverschämt raffiniert.

Bei organisierten Veranstaltungen oder in großen Büros sind Kaffeepausen wie Rituale, die eingehalten werden müssen, um den Geist der schläfrigen Menge wieder zu wecken. Fällt das Ritual aus, hat man vollwertige Erwachsene, die aus Mangel an Kaffee wie Babys wimmern. Während der oft zugewiesenen Pausen von 15 bis 20 Minuten sieht man sie sabbernd nach der Tasse greifen und fleißig daran nippen, als wäre es ein intellektuelles Steroid, das hilft, die nächste Konferenz vorzusortieren.

Was hat es mit der rätselhaften Anziehungskraft dieses Getränks auf sich?

Es muss so etwas wie ein Elixier in dieser Substanz namens Kaffee sein. Als wäre es braunes Koks. Wie eine psychologische Gewohnheit, von der man sich nur schwer befreien kann.

Ich trinke eigentlich keinen Kaffee, eine Anti-Gewohnheit aus Nigeria. Ich verband mit Kaffee stets, dass er das Blut auslaugt und einen um den lebenswichtigen Schlaf bringt. In der sengenden Hitze zog ich Wasser vor, oder auch mal ein kühles Bier.

Und in München? Warum sind die Menschen in der Weltstadt des Bieres so fromm, Kaffee zu trinken, wo sie doch beim Frühstück, zu Mittag oder am Nachmittag ihren Göttertrunk zur Schau stellen könnten? Der Winter könnte eine Begründung sein. Aber hilft so ein lauwarmer Trunk, um das Monster der Kälte zu besiegen?

Es ist, als wäre man von Süchtigen umgeben. Und wer ist so souverän, sich dem zu entziehen?

Vom Coffee to go oder gar einer Einkehr halte ich mich aus finanziellen Gründen nach Möglichkeit fern. Ich habe eine günstigere Variante entdeckt: einen Kaffeefilter und Bohnenpulver. Mein erster Eindruck war positiv. Angenehm ist, dass dieses Getränk den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt. Ziemlich abscheulich ist jedoch der unangenehme Geruch und der Nachgeschmack im Mund. Dieser Bastard von einem Getränk verfärbt die Zähne und hinterlässt teuflische Flecken auf dem Gewand. Und doch nehme ich den Tanz mit dem Teufel bisweilen in Kauf. Sogar to go - oder in einem Lokal. Denn die kurze Frage "Käffchen?" hat schon zu Begegnungen geführt, aus denen Freundschaften wurden.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 05.02.2021/koei
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