Typisch deutsch:So wird ein Schuh draus

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Typisch deutsch: Ein Regal mit Hausschuhen für Gäste (Symbolfoto).

Ein Regal mit Hausschuhen für Gäste (Symbolfoto).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In Syrien ist es für einen Mann beschämend, Hauspantoffeln oder gar Kuschelsocken zu tragen. Wie sich unser Autor jahrelang verweigerte - und schließlich doch einknickte wie ein Frotteeschlappen.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Im ersten Jahr meines Aufenthaltes in Deutschland war ich zu Gast bei einer Familie östlich von München. Im Flur hinter der Haustür stand seinerzeit eine große Kiste, in der sich etwa acht bis zehn paar Hausschuhe befanden. Die Familie bestand aber nur aus drei Personen. Und dann bot man mir auch noch Hausschuhe zum Anziehen an. Ich lehnte selbstverständlich ab. Ich war ja ein junger Mann.

In Syrien ist es für einen Mann beschämend, Hausschuhe oder gar Kuschelsocken zu tragen. Kuschelsocken. Bitte. Nur Frauen dürfen dies tun, was in meiner früheren Heimat als Schicki-Micki-Attitüde älterer Damen erachtet wird, aber das muss die Trägerin des Fußkleids nicht zwingend stören.

Nun saß ich in der Stube und löffelte oberbayerische Suppe. Wir unterhielten uns etwa drei Stunden lang, tranken Tee, Kaffee und schließlich gab es Kuchen. Alles davon hat Spaß gemacht, nur meine Füße waren kalt, und ich habe sehr unauffällig einen Fuß auf den anderen gelegt und den rechten Fuß mit dem linken gerieben.

In Syrien haben alle Zimmer und Wohnzimmer Teppiche, die den Boden bedecken, und das Wetter ist nicht sehr kalt, also zieht jeder seine Schuhe aus, und das ist eine Selbstverständlichkeit. Eventuell hatte ich diesen Umstand in meiner Anfangszeit in Deutschland nicht bedacht. Dass es sich dort anders verhält, sowohl was die Quote an Teppichen betrifft als auch die Temperaturen in Monaten wie etwa dem Dezember. Jahrelang habe ich mich geweigert, Hausschuhe oder Haussocken zu tragen.

Es ist ja auch verzwickt. Wie trägt man bauschige Kuschelsocken, wenn man sie mit einem Männeranzug kombinieren soll? Mit Schlappen aus der Wolle südamerikanischer Alpakas, in denen man Füße hat wie ein Yeti.

Aber irgendwas musste ja dran sein. Wie die Besucher von Häusern erfreut sind , wenn ihnen der Gastgeber Pantoffeln oder Hotelbadeschlappen aus Frottee entgegenstreckt. Eine echte Herausforderung für den Gast sind sogenannte Schlosspantoffeln, in die man mitsamt Schuh schlüpft. Die Schuhgarage aus Filz schont zwar den Boden, strapaziert aber durch ihre Klumpfuß-Optik die Würde ihres Trägers umso mehr.

Eines Tages besuchte ich meinen Freund und Kollegen in Haidhausen. Sein Boden im Zimmer war kalt. Er erklärte fast schon entschuldigend, dass er keine Hausschuh-Kiste für Gäste besitze, weswegen er in regelrechten Strumpfbooten unterwegs war. Mir bot er folglich ähnlich anmutige Kuschelsocken an.

Diesmal nahm ich an. Ich knickte ein wie ein Hotel-Frottee-Schlappen. Wir waren ja nur zu zweit. Zum Glück sehen mich meine alten Freunde aus Syrien so nicht. Wie wir da beide saßen und uns per Videochat mit Kollegen unterhielten, lieferten wir nicht gerade eine stilistische Galavorstellung ab. Aber das machte relativ wenig, weil die Socken ja nicht von der Laptop-Kamera gefilmt wurden.

Ich fühlte mich warm und wohl, wir unterhielten uns, alles war in Ordnung. Eventuell sollte ich doch den Kauf von Hausschuhen in Erwägung ziehen? Als ich später nach Hause kam und meine Schuhe auszog, lachte ich in mich hinein. Ich hatte die Kuschelsocken meines Freundes versehentlich angelassen.

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