Typisch deutsch:"Mama, nochmal, nochmal"

Vorlesestudie 2020

Symbolfoto.

(Foto: Hans-Thomas Frisch/dpa)

In Uganda haben sich die Kinder jeden Abend um ihre Oma versammelt, die ihnen Geschichten erzählte. Jetzt lernt unsere Autorin mit ihrer kleinen Tochter die Welt der deutschen Kinderbücher kennen.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Es war einmal eine Mutter. Diese Mutter war im Haus bekannt als Geschichtenerzählerin. Sie erzählte oft und viel, doch eines Nachts, als sie auf der Bettkante saß, wurde sie von ihrer Tochter aufgefordert, aus einem Märchenbuch vorzulesen.

Diese Tochter Taliah ist im deutschen Krippensystem sozialisiert, wo sie schon in jungem Alter in das Lesen von Büchern eingeführt werden. Wo Erzieherinnen vorlesen, während die Kinder neugierig zuhören. Mit zweieinhalb weiß sie schon ganz genau, welches Buch sie interessiert. Beim Vorlesen kann sie ihre Sinne ausprobieren: das Gefühl der Seiten, den Geruch des Klebers, die Illustrationen. Zuhause kommt die vertraute Stimme der Mama dazu und die Haptik der Seiten, die sie manchmal kaut und damit ihre Geschmacksnerven anregt.

Meine eigene Kindheit in Uganda war geprägt vom Geschichten erzählen. Meine Großmutter war perfekt darin. Meine Geschwister, meine Cousins und ich versammelten uns jeden Abend um sie. Wir hatten damals keine Bücher zum Lesen. Das Geschichten erzählen war unsere Routine nach dem Abendessen. Einige brachten uns zum Lachen, andere waren unheimlich, sodass wir uns hinter Omas Rücken versteckten. Genau wie Taliah jetzt ihre Bettdecke übers Gesicht ziehen würde, wenn ich ihr eine Gruselgeschichte vorläse.

Manchmal baten wir Oma, die Geschichte zu ändern, aber den Gefallen tat sie uns eher selten. Stattdessen zog sie beim Erzählen Grimassen, um uns umso mehr zu erschrecken oder zum Lachen zu bringen.

Ich habe das Erzählen nicht aufgegeben. Unlängst versuchte ich es mit einer Geschichte von einer Hyäne und einem Kaninchen. Ich zog dabei Fratzen, und womöglich habe ich Taliah mit meinem Enthusiasmus abgeschreckt. Bevor ich überhaupt auf halbem Weg war, schrie sie "Mama, nein, Buch" - das war das jähe Ende dieser Geschichte.

Schon immer wurden Geschichten erzählt, in den ersten Höhlenzeichnungen und bei Gesprächen rund ums Feuer bis zu den traditionellen Fabeln. So teilen Familien, Kulturen und Gemeinschaften Informationen, Werte, Emotionen und Überzeugungen. Ich finde, Geschichte erzählen ist etwas sehr Persönliches. Es bringt einem dem Geschichtenerzähler selbst näher und regt die Fantasie an, sich die Charaktere und Handlungen vorzustellen. Das ist seine Kraft.

Für Taliah ist das Geschichtenerzählen eng mit dem Buch verbunden. Das ist gut, denn Lesen wird ihr Leben bereichern. Sie legt so viel Aufmerksamkeit und Begeisterung ins Lesen und ruft manchmal "Mama, nochmal, nochmal". Eine gute Geschichte lässt das Publikum nach mehr verlangen. Das ist verfänglich, mehr als einmal bin ich mitten im Satz eingeschlafen. Deswegen wandle ich das Buch zur Schlafenszeit bisweilen ab und lasse die Geschichte unheimlich werden. Das ist der Vorteil der eigenen Erzählung. Man kann die Dinge lenken. Dann plärrt Taliah: "Mama nein, hör' auf".

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