Typisch deutsch:Land der Dichter und Schenker

Lesezeit: 2 min

red-yellow tulips on blue wooden background Copyright: xZerborx Panthermedia16711684

Ein Geschenk und eine Karte - das darf schon sein zum Geburtstag.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Ostern, Weihnachten, Muttertag, Vatertag, Geburtstag, Namenstag, Taufe, Konfirmation, Firmung, Kommunion, Hochzeit - und stets muss in Bayern ein adäquates Geschenk samt Karte her. Hilfe!

Von Mohamad Alkhalaf

Valeria ist eine gute Bekannte. Eine Freundin, seit vielen Jahren. Nachdem ich in meiner Anfangszeit in Kirchseeon endlich eine Wohnung gefunden hatte, kam Valeria mit anderen Freunden zu mir zu Besuch, um meine syrischen Kochkünste einer Prüfung zu unterziehen. Doch noch bevor ich das Mahl auftischte, kam eine ganz andere Prüfung auf mich zu.

Vor allem kam Valeria auf mich zu, und zwar mit einem Geschenk in der Hand. Ich war sehr überrascht, dass diese junge Frau mir etwas zu schenken gedachte. Um nicht zu sagen: ziemlich überfordert.

In Syrien überreichen sich Frauen und Männer in aller Regel nur dann Geschenke, wenn sie sich in einer Liebesbeziehung befinden. Über die deutschen Gepflogenheiten diesbezüglich wusste ich seinerzeit wenig. Was ich wusste war, dass Valeria sich definitiv in einer Liebesbeziehung befand - und dass ich meinen bisherigen Informationen nach nicht Teil davon war.

Nun stand da also Valeria mit dem Päckchen in der Hand. Was tun? Ich versuchte es mit einem vorsichtigen Lächeln, ehe ich das Geschenk entgegennahm. Prompt wurde es noch intensiver: Es folgten weitere Frauen, die auch Geschenke in der Hand hielten, offenbar auch für mich. Sie bedankten sich alle für die Einladung - und ich wurde rot wie ein Bund Radieschen.

Drei Jahrzehnte hatte ich in der Überzeugung gelebt, dass der Gastgeber die Geschenke nicht kassiert sondern verteilt - vor allem in Form von Speis und Trank. Wie sollte ich ahnen, dass sich die Münchner vorab bedanken für ein Mahl, das sie noch nicht mal getestet haben.

Mit der Zeit wird einem bewusst, dass Geschenke hierzulande ein nicht zu unterschätzendes Kulturgut sind. Man ist gewissermaßen gezwungen, diese Sitte des Schenkens anzunehmen. Und wie. Ostern, Weihnachten, Muttertag, Vatertag, Geburtstag, Namenstag, Taufe, Konfirmation, Firmung, Kommunion, Hochzeit. Hilfe!

Manchmal ist es sehr anstrengend, stets ein adäquates Geschenk zu finden. Und wenn eines gefunden und - idealerweise rechtzeitig - gekauft ist, dann beginnt erst das Prozedere mit dem Einpacken und der Dichtung feinsinniger Verse auf einer passenden Karte. Deutschland, das Land der Dichter und Schenker.

Wenn man in Syrien Kinder nach ihren Wünschen fragt, dann sagen sie Falafel oder Sandwich. Das Problem daran ist, dass diese Wünsche meist unerfüllt bleiben, es kommt also nicht zum Akt des Auspackens. Das ist in mehrfacher Hinsicht schade.

Etwa, weil diese Momente der Lohn für den Schenkenden sind. Besonders belohnt wird, wer sich über den Empfänger und dessen Bedürfnisse Gedanken gemacht hat. Man sieht es daran, dass sich die Mundwinkel nach oben bewegen. So wie bei mir, als ich Valerias Paket öffnete - und eine Tafel Schokolade in Empfang nahm.

Zur SZ-Startseite

SZ-Kolumnisten
:Wenn die Bleibe zum Zuhause wird

Drei geflüchtete Journalisten schreiben in der neuen SZ-Kolumne "Typisch deutsch", wie München sie verändert hat.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB