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Typisch deutsch:Die Rückkehr des Laptops

Als unsere Autorin zum ersten Mal nach München kam, war sie in Habachtstellung. Nun hat sie zunehmend Vertrauen in die Stadtbewohner

Ich beschreibe mein Verhältnis zu München oft als meine längste Liebesbeziehung. Wie bei fast jeder Liaison waren unsere Anfänge von Neugierde geprägt. Ich wollte München genau kennenlernen. Ich habe die Tiefen der Stadt in Restaurants, Bars, Parks und Festivals ergründet. Und ich fand Hinweise auf ihr Äußeres in den ikonischen Gebäuden der Innenstadt. Dennoch: Mein Gespür für das Verständnis dieser Stadt und ihrer Bewohner wurde gerade in unseren gemeinsamen Anfängen gestört.

Vermeide es, dich allein in der Dunkelheit zu bewegen. So lautete die Warnung meiner damaligen Gastgeberin. München, sagte sie, sei im Allgemeinen eine sichere Stadt, aber eben eine Großstadt wie jede andere, in der man prinzipiell niemandem vertrauen sollte. Die warnenden Einordnungen führten dazu, dass ich eine Vision von München bekam, die einen das Fürchten lehrt. Im Winter nicht im Dunkeln nach draußen gehen, die Tasche stets mit beiden Händen festhalten, wertvolle Gegenstände in der Wohnung lassen und dort verstecken. Und niemals in U- oder S-Bahn einschlafen, weil man dann leichtes Opfer für Diebe wird. Als gebe es mehr Don'ts als Dos in dieser Stadt, verschanzte ich mich spätestens mit der Dämmerung regelrecht im Asylbewerberheim. Nur um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Wenn ich tagsüber spazieren ging, Cafés und lokale Lebensmittel auskundschaftete, war ich misstrauisch gegenüber allen und jedem, der versuchte, näher an mich heranzukommen.

An einem schicksalhaften Tag veränderte sich meine Wahrnehmung dieser Stadt und ihrer Bewohner. Alles begann mit einem Laptop, den ich in der U-Bahn verloren hatte. Der Laptop war mein Arbeitsgerät als Journalistin und zu dieser Zeit einer meiner wertvollsten Gegenstände. Verloren in Gedanken lies ich das Gerät dennoch einfach auf dem Sitz liegen. Für einen Moment hatte ich den Satz meiner Bekannten ausgeblendet: "Klebe deine Hände an deine Gegenstände oder lass sie zu Hause." Und nun freute sich wahrscheinlich jemand anderer über den Computer.

Doch dann passierte dies: Mich erreichte der Brief eines Münchner Fundbüros mit der Bitte, dort meinen Laptop abzuholen. Es war zunächst wie ein Schock. Ich konnte das nicht glauben. Warum würde jemand einen Laptop finden und dann nicht jubelnd einpacken, sondern den Weg auf sich nehmen und in einer Behörde abgeben? Plötzlich machte sich ein wohliges Gefühl in mir breit.

Leider habe ich nicht herausgefunden, wer der ehrliche Finder war. Der Vorfall aber veränderte meine Sicht auf München. Von nun an achtete ich auf meine Umgebung, statt mich vor ihr zu fürchten. Plötzlich sah ich verlorene Gegenstände wie Schuhe, Schals oder Schlüssel an Bäumen hängen, die offenbar jemand verloren und jemand anders gefunden haben musste und sichtbar am Fundort platzierte. Alles, was mich anfangs an München beunruhigt hatte - das Tempo, der Lärm, die vielen Menschen - wurde zu einem wesentlichen Bestandteil meines Tagesablaufs, der mir Trost schenkt. Wenn ich in der U-Bahn einnicke, schlummere ich mittlerweile wie zu Hause.