Typisch deutsch:Die unbändige Sehnsucht der Münchner nach Natur

Besucher im Englischer Garten, München 2019

Raus! Aus den Klamotten und in die Sonne! Bei gutem Wetter zieht es die Münchner in die Natur, unser Autor kennt da aus seiner früheren Heimat anders.

(Foto: Robert Haas)

Unser Autor hat es früher vermieden, draußen zu sein, um der Sonne zu entrinnen. In seiner neuen Heimat fragt er sich: Woher kommt dieser Wunsch nach Wildnis hierzulande?

Kolumne von Olaleye Akintola

Die majestätische Sonne in ihrer strahlenden Pracht spiegelt sich auf Glatzen und Fahrradklingeln. Die Gesichter strahlen mit sonnenbeschienenem Lächeln. Bei dem Meer von Köpfen, die gleichzeitig den Englischen Garten überfluten, kann man nur vermuten: je knapper die Kleidung, desto höher die Ambition auf den Titel des agilsten Sonnenvogels. Die große Frage: Wer hat die intensivste Affäre mit der Natur?

Jeder Münchner, der sich dieser Tage in ein Gespräch einschaltet, hat von einem Erlebnis zu erzählen. Eine Frau berichtet von ersten Schwimmeinlagen in der Isar und wie sie sich splitternackt neben den Fluss legte, um ihren Körper in der Sonne zu trocknen. Ein Mann erzählt, wie er einen mit Unkraut überwucherten Garten hinter dem Haus pflegt. Nach verrichteter Arbeit sitzt er auf seinem Gartenstuhl und betrachtet sein Werk, in der Hoffnung, bald ernten zu können. Ein anderer schwelgt in der Erinnerung, wie er ins ferne Hinterland reiste, um direkt bei Bauern einzukaufen. Fleisch von Lämmern, die auf den Feldern gegrast haben, und Getreide, das natürlich gewachsen ist, ohne Dünger. Wer da nicht mitreden kann, ist außen vor.

Woher kommt diese unbändige Sehnsucht der Münchner nach Natur? Ist das Streben nach Natur gleich dem Streben nach Glück?

Es hat vielleicht damit zu tun, dass die Nähe zur Natur in Bayern alles andere als selbstverständlich ist. In Nigeria war es eher anders herum. Man vermied, draußen zu sein, um der unnachgiebigen Sonne zu entrinnen. Mit diesem Hintergrund fällt es mir schwer, mit dem Pilgern in die Wildnis mitzuhalten.

Manchmal fällt mir auf, dass das Obst in Bayern zu glänzend aussieht, wie mit weiß Gott was für einer Substanz poliert. Ich erinnere mich dann, dass es ganz anders schmeckt, nicht so saftig, dafür zu zart. Die Sonne würgt dann ein wenig.

Sollte der Weg in die Natur nicht organisch und frei stattfinden? In Bayern gewinne ich eher den Eindruck, dass man nicht selten zahlen muss, um etwas von der Natur abzubekommen. Man muss bereit sein, höhere Mieten zu zahlen, um Wohnungen mit Garten oder Terrasse zu erhalten. Mann muss mehr bezahlen, um natürlich angebaute Lebensmittel zu bekommen. Und für touristische Naturziele wird bisweilen gar Eintritt verlangt.

Wenn der Corona-Lockdown etwas Gutes hatte, dann das: Man lernt zu schätzen, was einem vorher eher eine Last war. Mit Wohlwollen nehme ich nun wahr, wie die einst verwelkenden Bäume nach neuem Atem schnappen und wieder aufblühen. Jetzt sind sie sehr grün, aber nicht vor Neid.

Übersetzung aus dem Englischen: koei

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