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Typisch deutsch:Lieber Automat, bitte sei ein Gentleman

Hotel "Ruby Lilly" in München, 2017

Ein Snack-Automat in einem Hotel am Münchner Stiglmaierplatz (Symbolfoto).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Verlorene Münzen an eigenwilligen Snack- oder Getränkespendern lassen Selbstzweifel aufkommen. Macht der das wegen mir?

Kolumne von Olaleye Akintola

Es gibt da diese hochkomplex programmierte Toiletten-Anlage, die in Bayern meist an Bahnhöfen oder Tankstellen steht. Wo sich die Toilette auf ein Kommando hin selbst spült. Man wirft eine Münze ein, und schon öffnet sich die Pforte zum Geschäft. Wenn man Glück hat.

Nicht selten fallen die Münzen in den Tresor, und die Tür weigert sich, zu weichen. Man unternimmt dann Versuche, vor der automatisierten Tür hin und her zu gehen, um ihr ein Körpersignal zu senden, damit sie sich aufschiebt. Vielleicht sind manche Verrenkungen auf Sicherheitskameras verewigt.

Bayern ist in vielerlei Hinsicht ein Technik-Land. Und wer im High-Tech-Zentrum München ankommt, hat den Eindruck, dass man ein hoch entwickelter Technokrat sein muss, um hier zu bestehen - und sei es nur ein Klobesuch. Von der Chip-Haustür bis zum elektronischen Einkaufen im Laden. Niemand ist da, um zu erklären, wie es funktioniert. Keine Anleitung, außer ein Pfeil und ein kleines Piktogramm auf dem Gerät. Die Kehrseite jeder Technik ist die Peinlichkeit, die sie für Erstanwender mit sich bringt. Vor allem, wenn sie nicht narrensicher ist. So kann man von dem modernen Zaren, genannt Technologie, gedemütigt werden.

Als Junge aus der Stadt Lagos, der die Wunder der Technologie in Nigeria kennengelernt hat, dachte ich immer, dass ich mich im Umgang mit elektrischen Geräten hervortun kann. In München stand ich nun vor Türen, die mir verschlossen blieben. Ich hätte nur Knöpfe drücken müssen, doch welche und in welcher Folge? Das Monster von einem Fahrkarten-Schalter der Deutschen Bahn. Oder der Getränkeautomat um die Ecke.

Ich warf Münzen in den Schlitz, um eine Speziflache zu erhalten. Offenbar akzeptierte er meinen Wunsch, jedenfalls das Geld. Doch nach ein paar Sekunden stand auf dem Bildschirm, mein Getränk sei nicht verfügbar sei. Ich erwartete, dass der Automat ein Gentleman sein und mir mein Geld zurückerstatten würde. Ich konnte noch so viele Knöpfe drücken, er kam mir nicht entgegen.

Als Neuankömmling bezieht man solche Misserfolge sofort auf sich und die eigene Rolle. Im Sinn von: Einem Einheimischen wäre das nicht passiert, wahrscheinlich gucken schon alle auf mich. Nach unzähligen Kämpfen an diversen deutschen Automaten, Schaltern und Bestellschirmen habe ich aber festgestellt, dass ich mit meinen Nervenschlachten nicht alleine bin, ganz im Gegenteil. Covid-19 hat die Welt in einen Tech-Hub verwandelt. In Bayern und überall auf dem Globus ist Technik zum Kern der Gesellschaft geworden. Künstliche Intelligenz hat aber auch disruptive Einflüsse.

Ein Automat - wieder hatte ich Münzen eingeworfen: Diesmal löste mein Knopfdruck wie erhofft eine Drehbewegung aus und kurbelte meinen Snack nach vorne. Das Sandwich fiel nach unten, blieb aber zwischen der Glaswand und einer Salamiwurstpackung stecken. Ich konnte meine Münzen nicht mehr retten. Doch ich konnte gut damit leben. Manches Phänomen hat man schlicht nicht selbst in der Hand.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 05.03.2021/koei
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