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TV-Kritik:"Blamier' du dich zuerst"

DIRNDL! FERTIG! LOS! DIE OKTOBERFESTSHOW 2017

Warum nicht auch Schlumpfmützen? Florian Silbereisen, Jan Smit und Christoff de Bolle alias "Klubbb3" singen das "Lied der Schlümpfe".

(Foto: ARD/JürgensTV/Dominik Beckmann)

Florian Silbereisen und Andrea Berg, Hansi Hinterseer und Veronica Ferres: Die ARD veranstaltet die Oktoberfest-Show "Dirndl! Fertig! Los!" im Circus Krone

Vielleicht hat man den Ufo-Spinnern Unrecht getan. Vielleicht sind jene Menschen, die behaupten, von Außerirdischen entführt worden zu sein, einfach nur vor dem Fernseher eingeschlafen. Und im Studio von "Dirndl! Fertig! Los!" aufgewacht. Das liegt zwar, passend zum Titel, im Münchner Circus Krone - aber selbst Oktoberfest-Gewöhnte sind hier auf einem anderen Stern. Der ihren verdammten Namen trägt. Wer wäre da nach 195 Minuten nicht traumatisiert?

Hundertfünfundneunzig Minuten. Ohne einen einzigen Mitleidswerbeblock, um überhaupt mal die Bühne zu verarbeiten, die aussieht wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs mit vier Armen. Nein, es geht direkt los mit einer netzhautzerfetzenden Lichtshow und Ross Anthony. Der Ex-Bro'Sis-Sänger und Ex-RTL-Dschungelkönig singt ein Schlager-Medley mit schnellen Wechseln. Während man noch über die Liedzeile "Ich seh' dich noch wie heut'/du trugst ein Hochzeitskleid/und bald solltest du seine Frau sein/ich wollt dich aus Spaß entführ'n" nachdenkt, stehen fünf junge Männer in Lederhosen mit Ringelshirts auf der Bühne. Die Mitglieder von "Voxxclub" haben eine Choreographie einstudiert und brüllen dazu in Richtung Zuschauer, dass diese versuchen sollten, den "Oarsch" hoch zu kriegen. Damit das mit dem Hinternhochkriegen ankommt, schießen Funken aus dem Boden. Brennt wie Hölle.

Einer wusste, was kommt. Florian Silbereisen fährt in einer Kutsche am Circus vor. Er trägt das Gesicht eines Mannes, der sich ergeben hat: dem Dauerlachen und den New-Schlager-Beats. Später singt er strahlend: "Einmal links, einmal rechts, einmal vor und zurück/so ist der Lauf der Welt/das Leben tanzt Sirtaki." Auf dem Sofa fällt einem zu solchen Weisheiten nichts mehr ein. Außer vielleicht: "Griechischer Wein - komm' schenk mir ein."

Alkohol hilft schließlich. Deshalb stechen der Moderator und sein Gast Andy Borg gleich zwei Fässer an. Es gilt, die diesjährige Zwei-Schläge-Anstich-Marke von Münchens Oberbürgermeister zu unterbieten. Ex-Musikantenstadl-Leiter Borg sagt zu Interims-Zirkusdirektor Silbereisen: "Blamier' du dich zuerst, ich bin gern Zweitblamierter." Und so wird auf die Fässer eingedroschen, dass das Bier spritzt.

Dann geht es ins Interview mit dem sechsjährigen Simon, der der ARD von wohlmeinenden Eltern zur Verfügung gestellt wurde, um sich über ein urig-skurrile Hobby lustig zu machen. Silbereisen: "Was ist das Tolle am Fingerhakeln?" Simon: "Dass ma gwinnt." Silbereisen: "Und, hast du denn schon oft gewonnen?" Simon: "No ned so, weil i der Kloanste bin."

Es gibt nichts zu holen für Silbereisen an diesem Abend. Dafür darf er geben. Zum Beispiel die perfekte Vorlage für ein bisschen Eigenwerbung an Hansi Hinterseer. "Neues Album, neue Sendung - ist ja toll, Hansi!" Findet Hansi auch: "Florian, das ist so nett, dass du das erwähnst." Erwähnenswert ist auch, dass Hansi Hinterseer das schlechteste Playback seit Milli Vanilli auf die Bühne bringt.

Das Publikum trommelt trotzdem die aufblasbaren Klatschstäbe, als gäbe es einen Riesenkuschelbären zu gewinnen. Das ist eben auch Schlager. So wie Fans, die sich anstandslos in den Ausschnitt filmen lassen. Aber hey! Es ist Wiesn!

Dekolleté-Zooms? Erlaubt. Mireille Mathieu nötigen, "Goodbye My Love" für ihre jüngst verstorbene "Maman" zu singen? Erlaubt. Veronica Ferres als Schlagersängerin? Erlaubt. Oberkörperfreie Bongo-Trommler als Background-Musiker? Unbedingt erlaubt. Gebührengelder für einen 195-minütigen Gaga-Marathon raushauen? Egaaal. Auf der Wiesn sei alles anders, weiß Moderator Silbereisen zu berichten. Parallelwelt, anderer Stern, Vorhof zur Hölle - wer sind wir, darüber zu urteilen?

Ob sie wisse, wie erfolgreich sie sei, will Silbereisen am Ende von Andrea Berg wissen. "Ich weiß es nicht in Zahlen, aber ich weiß es hier im Herzen", sagt die Schlagerkönigin.