TuS Fürstenfeldbruck:Triumph mit Dreiviertelmehrheit

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Die Saison ist per Abstimmung beendet, Fürstenfeldbruck steigt ohne Relegation in die zweite Handball-Bundesliga auf. Dass es vorerst keine Feier gibt, stört niemanden.

Von Ralf Tögel, Fürstenfeldbruck

Einfach nach vorne blicken und erst gar nicht darüber nachdenken, was hätte sein können. Die letzten Minuten im tosenden Applaus, die begeisterten Fans, das Bad in der Menge, die große Meisterschaftsfeier. Erinnerungen für die Ewigkeit. Alles perdu. Korbinian Lex hat in einer Videokonferenz vom Aufstieg erfahren, von seinem größten sportlichen Erfolg, dem Erreichen seines großen sportlichen Ziels, einmal zweite Bundesliga spielen. Lex ist Handballer, Rückraumspieler beim TuS Fürstenfeldbruck und Abwehrchef, jener Akteur also, der die Defensive maßgeblich organisiert. Systemrelevant, wenn man so will. Das trifft auch für seinen Beruf zu, Lex ist Leittechniker bei den Stadtwerken München, er saß also in einer Schalte, als auf dem Handy die frohe Botschaft aufploppte. "Es stimmt schon", sagt der 28-Jährige nun, "das Virus hat uns vieles genommen, die volle Halle, die Feier, das ganze Drumherum." Aber: "Wir sind trotzdem super glücklich, dass es so entschieden wurde."

Der TuS Fürstenfeldbruck hat die Saison dominiert wie keine zweite Mannschaft in der dritten Liga, die Meisterschaft der Gruppe Süd, die vielen als die stärkste gilt, war nur noch Formsache. Fünf Spiele standen aus, acht Punkte betrug der Vorsprung. Im Heimspiel gegen den Zweiten Pfullingen war der vorzeitige Staffelsieg fest eingeplant. Für den Aufstieg aber wäre eine Relegation nötig gewesen (siehe Kasten), doch dann kam die Pandemie und alles war Makulatur.

Verdient sei der Aufstieg dennoch, das findet nicht nur der TuS, viele Konkurrenten hätten das bestätigt, erzählt Lex, er bekam unter anderem Glückwünsche aus Pfullingen. "Gut fürs Gefühl", sagt er nun, dass auch die Gegner nicht denken, "Corona hätte uns geholfen." Das wäre der famosen Saison der Fürstenfeldbrucker auch nicht gerecht geworden. Drei Niederlagen in 25 ausgetragenen Spielen, das spricht für sich. Die Brucker präsentierten sich stabil wie nie zuvor, alle Nackenschläge wurden weggesteckt, in Benedikt Hack, Max Horner und Alexander Leindl fehlten zwischenzeitlich alle drei Linkshänder, Stammkräfte wie Sebastian Meinzer oder Yannick Engelmann mussten immer wieder ersetzt werden. In Bestbesetzung konnte der TuS nur zu Saisonbeginn spielen.

Und da zeigte sich schnell, dass Bruck in dieser Spielzeit zum großen Wurf in der Lage sein wird, dank eines Spielsystems, das so einfach wie effektiv ist - aber auch schwer umzusetzen. Kernstücke sind eine flexible und beinharte Abwehr, ein schnelles Umschaltspiel und Kontertore. Was sich so simpel anhört, kann nur funktionieren, wenn ein Rädchen ins andere greift, wenn die Abläufe automatisiert sind, wenn Fehler auf ein Minimum reduziert werden. Und wenn die richtigen Akteure auf dem Feld sind, die sich gerne in ein Kollektiv einreihen. Spielmacher Falk Kolodziej etwa, der die Fäden im Angriff zieht und das Tempo bestimmt. Torhüter Michael Luderschmid, dessen Paraden die Grundlage für das blitzartige Umschaltspiel darstellen, schnelle Außenspieler wie Hack oder Felix Kerst, der im Übrigen aus der zweiten Mannschaft kommt, die Konter verlässlich in Tore ummünzen. Natürlich müssen Spieler viel individuelle Klasse haben, in einer Liga, in der Nationalspieler nicht selten sind, in der sich ehemalige Topspieler tummeln. Das ist beim TuS der Fall, seien es die wuchtigen Rückraumschützen um Meinzer und Engelmann oder schnelle Eins-gegen-Eins-Spieler wie Johannes Stumpf, Leindl oder Horner. Trainer Martin Wild hat es dennoch konsequent vermieden, einzelne Akteure herauszuheben. Das ist weniger der Mannschaftspsychologie geschuldet als einer großen Homogenität.

Der Erfolg ist aber in erster Linie das Resultat großer Kontinuität. Wild hat in den vergangenen fünf Drittligaspielzeiten konsequent auf einen festen Stamm an Spielern gesetzt: "Davon haben wir definitiv profitiert", sagt er nun, "es gab keine großen Veränderungen im Kader, keine großen externen Zugänge." Der TuS setzte vielmehr auf die eigene Jugend sowie Talente aus dem Münchner Umfeld, der Kader wurde nur punktuell und mit Augenmaß verändert. "Wir sind ein sehr eingespielter und verschworener Haufen", so Wild, der gerne zugibt, dass diese Strategie stets den finanziellen Möglichkeiten angepasst war. Zudem kam dem Verein zugute, dass kein Konkurrent weit und breit ähnlich hochklassig spielt, Talente sind entweder so gut, dass sie gleich in Akademien großer Bundesligisten ziehen - oder sie versuchen es in Bruck. So entwickelte sich der TuS kontinuierlich von einem Abstiegskandidaten zu einem Titelanwärter, mit dem Aufstieg als vorläufigem Höhepunkt.

Wild will den Aufstieg aber nicht als Kurzabenteuer verstehen, wie nach der Saison 1991/92. Damals folgte der sofortige Abstieg, und die besten Spieler zogen weiter. Wild hat den Plan, den TuS mittelfristig in der zweiten Bundesliga zu etablieren. Ein wichtiger Baustein dafür ist die geplante Kooperation mit der Bundesliga-A-Jugend des TSV Allach. Dessen Top-Talente müssen dann eben nicht in die Ferne ziehen, sondern finden Bundesliga-Handball in der Nachbarschaft vor. Wie Cedric Riesner oder Stephan Seitz, beide hatten per Zweitspielrecht bereits Einsätze beim TuS. Oder Keeper Louis Oberosler.

Im März, so ist zu hören, war eine Abordnung des Erstligisten Balingen-Weilstetten in Allach vorstellig geworden, Nationalspieler Tobias Strobl soll dabei gewesen sein. Es gab Offerten an Oberosler, Seitz und Riesner. "Nicht interessant", kommentierte der 17-jährige Oberosler. Zu weit weg. Er will in der Gegend bleiben.

© SZ vom 23.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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