Süddeutsche Zeitung

Türken wandern aus Deutschland aus:Servus, Münih!

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Dahoam is woanders: Hunderte Münchner mit türkischen Wurzeln wandern jedes Jahr in das Land ihrer Eltern aus. Sie sehen hier für sich keine Zukunft mehr. Für München sind diese Auswanderer ein Verlust. Sie sind verschenktes Potenzial, nicht nur in Zeiten mangelnder Fachkräfte.

Von Jakob Wetzel

Es hatte eigentlich vielversprechend begonnen. Emin Erol, gebürtiger Münchner, studierte Bauingenieurwesen an der Fachhochschule München. Er fand eine Stelle als Werkstudent bei einem Autokonzern, ging für ihn während des Studiums nach Peking. Doch nach dem Abschluss bekam er keine angemessene Stelle. Wo er es auch versuchte, Erol war unterfordert, immer wieder wechselte er den Arbeitgeber. Zuletzt arbeitete er für einen Luft- und Raumfahrtkonzern, nicht als Ingenieur, sondern im Einkauf. Sein Kollege erhielt einen Mentor, der ihn beruflich förderte - Erol blieb außen vor. Vor fünf Monaten hatte er genug, er gab seine Stelle auf. Der 35-Jährige zog nach Istanbul, will sich hier mit Immobilien selbständig machen.

Turgay Tumur lebt dort bereits seit acht Jahren, auch er ist ein früherer Münchner. Er ist ebenfalls 35, arbeitet als IT-Techniker, und die Geschichte, die er erzählt, ist ähnlich. Tumur ist deutscher Staatsbürger, er wuchs in Neuperlach auf und leistete seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr ab. Doch beruflich fasste er in München schlecht Tritt, gegen Angebote von Zeitarbeitsfirmen sträubte er sich. Eines Abends zwang er sich zu einer Entscheidung: Bleiben oder auswandern? Für beides sammelte er Argumente, "wie auf einer Waage", sagt er - und er entschloss sich zu gehen.

Wie Turgay Tumur und Emin Erol verlassen jedes Jahr Hunderte Münchner mit türkischen Wurzeln die Stadt und ziehen in die Türkei. "Rückkehrer" werden sie genannt, dabei gehen sie in die Fremde; sie sind in Deutschland aufgewachsen, oft hier geboren. Und sie nennen ähnliche Gründe für ihre Entscheidung auszuwandern: Da ist eine mal mehr, mal weniger konkrete Sehnsucht nach dem Land der Eltern oder Großeltern. Da sind die hohen Lebenshaltungskosten in München. Da sind fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und Perspektiven am Arbeitsplatz. Und da sind frustrierende Hindernisse, auf die sie in München wegen ihres Migrationshintergrundes gestoßen sind. "Fehlende Nestwärme" nennen es die einen, "latente Diskriminierung" die anderen. Sie sprechen nicht gern darüber.

Dagegen schwärmen die meisten "Rückkehrer" von der Atmosphäre und den Bedingungen besonders in Istanbul. Die Stadt sei viel dynamischer als München, die Strukturen seien weniger eingefahren, sagt der Webdesigner Halis, seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. "Hier kann man mitgestalten, man kann sich neu erfinden, und die Menschen haben viel weniger Existenzangst als in Deutschland." Halis war im Alter von drei Monaten mit seinen Eltern nach München gekommen, hatte hier Industriemechaniker gelernt und in verschiedenen Betrieben gearbeitet, bis ihn die Abenteuerlust vor vier Jahren nach Istanbul führte. Hier baut er das Portal "Istanbul Tourist Information" auf, einen Reiseführer und eine Anlaufstelle für Touristen auf Deutsch, eine Marktlücke. Ob er langfristig bleiben wird, weiß er nicht: "Die Türkei ist nicht wirklich Heimat, sie ist einfach ein Ort, an dem man sich weiterentwickeln kann."

Unter Auswanderern aus Deutschland ist Istanbul beliebt, hier ist eine lebhafte deutsch-türkische Gemeinschaft entstanden. Es gibt mehrere deutsch-türkische Vereine und einen "Rückkehrer"-Stammtisch, die Mitglieder verabreden sich auch einmal zum abendlichen Schweinebraten-Essen. Einige von ihnen wollen demnächst einen FC-Bayern-Fanclub gründen.

"Natürlich ist jeder einzelne Auswanderer einer zu viel"

Für München sind diese Auswanderer ein Verlust. Sie sind verschenktes Potenzial, nicht nur in Zeiten mangelnder Fachkräfte. Sie sind gut ausgebildet, kreativ und risikofreudig, aber sie sehen in München keine Zukunft. Die Stadt bleibt jedoch gelassen, sie verweist auf die Statistik, und da scheint die Tendenz günstig zu sein: 2012 etwa zogen zwar 508 Münchner in die Türkei, aber dafür kamen 790 Menschen aus der Türkei nach München. Die Zahlen geben keinen Aufschluss über Alter und Qualifikation der Zu- und Auswanderer, aber unter dem Strich steht ein Plus. München stellt sich damit gegen den Trend: Denn bundesweit ist die Migration in die Türkei stärker als umgekehrt, das geht etwa aus dem Migrationsbericht der Bundesregierung von 2011 hervor.

Vural Ünlü lässt sonst nichts auf München kommen

Ob die "Rückkehrer" einfach durch neue Zuwanderer zu kompensieren sind, ist allerdings fraglich. "Natürlich ist jeder einzelne Auswanderer einer zu viel", sagt Claudia Vollmer, stellvertretende Kreisverwaltungsreferentin und ehemalige Leiterin der Münchner Ausländerbehörde. Doch man könne die Auswanderer auch als Botschafter sehen für eine enge Bindung zwischen der Türkei und Deutschland. München könne die Abwanderung gut Ausgebildeter verschmerzen, die Stadt sei attraktiv. So ist die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen für qualifizierte Zuwanderer in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen, von 705 im Jahr 2010 auf 3174, so die Hochrechnung für 2012. Im Kreisverwaltungsreferat soll eine neue Organisations- und Servicestelle entstehen, um ausländische Fachkräfte noch schneller zu vermitteln. Der Prozess müsse reibungsloser werden, sagt Vollmer und lobt das Potenzial der Stadt, nicht zuletzt geschaffen von den Universitäten. Denn viele ausländische Absolventen blieben nach dem Studium und arbeiteten in München.

Spätestens dann allerdings werden sie mit Problemen konfrontiert, wie sie beispielhaft Nükhet Kivran zeichnet, die Vorsitzende des Münchner Ausländerbeirats. Es ist ein Bild von immer wieder aufscheinender Ungleichbehandlung: angefangen bei Bewerbungen, die aussortiert werden, weil der Name türkisch klingt oder das Bewerbungsfoto eine Frau mit Kopftuch zeigt, über Arbeitsverträge, die der Qualifikation des Bewerbers nicht gerecht werden, bis hin zu Führungspositionen, die Mitarbeitern mit türkischen Wurzeln verschlossen bleiben. Vor zwei Jahren habe sie ein junger Mann mit einem sehr guten Universitätsabschluss um Rat gebeten, erzählt Kivran. Er hatte sich lange bei zahlreichen Münchner Firmen beworben, ohne Erfolg. Dann gab er in neuen Bewerbungen statt seines eigenen einen deutschen Namen an - und wurde erstmals zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, von fast allen Firmen. Er wollte es erst nicht glauben. Dann wanderte er aus, in die Türkei.

Auch Halis, Emin Erol, Turgay Tumur und weitere "Rückkehrer" nennen solche Beispiele, sie hätten zum Entschluss auszuwandern beigetragen, sagen sie. Die Erlebnisse beschränken sich nicht auf das Berufsleben, sie erfassen auch den Alltag, egal wie gut sich die "Rückkehrer" in München integriert fühlten. Auch Vural Ünlü kann so eine Geschichte erzählen, es ist die Geschichte einer Bekannten. In ihrer Wohnanlage habe einmal jemand eine Wand mit einer Parole gegen Nazis beschmiert, erzählt er. Die Polizei rückte an. Und ihr erster Verdacht fiel auf die Frau mit türkischen Wurzeln. Warum, fragt Ünlü: Ob das einfach unbedarft sei - oder schon diskriminierend?

Nirgends sei es so schön wie in München

Dabei lässt Vural Ünlü sonst nichts auf München kommen. Der Medienwissenschaftler und Rechtehändler lebt seit 1999 in der Stadt, er engagiert sich als Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern, und er will keinesfalls weg. Er habe in vielen Städten auf der Welt gelebt, doch nirgends sei es so schön wie in München, sagt er. Trotz aller Vorurteile: Die Stadt sei so tolerant und weltoffen wie keine zweite.

Ünlü kam als Vierjähriger mit seiner Familie aus Ankara nach Deutschland. In seiner ersten Erinnerung sieht er sich und seine Zwillingsschwester Zeynep am Frankfurter Flughafen stehen, die Teddybären in den Armen. "Für jemand mit Migrationshintergrund habe ich keine typische Vita", sagt Ünlü, er nennt sich privilegiert. Die Eltern waren Ärzte, er machte Abitur, studierte in Reutlingen, London und Madrid, wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promoviert. Berufliche Nachteile erfuhr er nie.

Dennoch ist der 40-Jährige heute der letzte aus seiner Familie, der noch in Deutschland lebt. Seine Eltern zogen zurück, sie wollten ihren Lebensabend in der vertrauten Kultur genießen. Auch Zeynep, seine Schwester, wanderte aus, dabei hatte sie einen guten Job in München. Seit sieben Jahren lebt sie in Izmir an der Ägäis-Küste. Da sei einfach eine Sehnsucht nach der Türkei gewesen, sagt Ünlü. Er selbst habe diesen Traum ebenfalls in sich, auch die Familie dränge ihn nachzukommen. Und eines Tages werde er wohl tatsächlich zurückwandern, ins Land seiner Eltern, sagt er. Aber erst als Rentner.

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SZ vom 22.02.2013/segi
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