„Ich hatte nie etwas anderes tun wollen, als die Humanität zu verteidigen!“ Thomas Mann redet langsam, sehr bedacht und genau. Die Tonaufnahmen, in denen er sich mit den Radioansprachen „Deutsche Hörer“, gesendet im deutschen Programm der BBC, gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und für die Demokratie einsetzte, existieren heute noch. Doch was würde der Schriftsteller über die aktuelle Lage der Welt sagen? Aus Anlass seines 150. Geburtstags gehen die Technische Universität München (TUM) und das Thomas-Mann-Forum München gemeinsam in einer Veranstaltungsreihe dieser Frage nach. Die Reihe umfasst ein Symposion, eine Ausstellung, ein immersives Theaterstück und ein vielfältiges Rahmenprogramm.
„Thomas Mann – das ist einer von uns“, sagt Felix Mayer, Intendant des TUM Centre for Culture and Arts. Für zwei Semester war der berühmte Schriftsteller an der Technischen Universität München als Gasthörer eingeschrieben und gilt deswegen als Alumnus. Sogar das Kollegheft, das er damals verwendete, ist noch erhalten geblieben. München, die Stadt, in der er fast 40 Jahre lang lebte, spielt auch in seinen Werken eine Rolle. Neben Romanen wie „Der Zauberberg“, „Der Tod in Venedig“ oder „Die Buddenbrooks“ ist Thomas Mann aber auch bekannt für seinen Einsatz gegen das NS-Regime. 1933 musste er deswegen Deutschland verlassen, später wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, und er emigrierte mit seiner Familie in die USA und schließlich in die Schweiz.

„Die Zeiten sind vielleicht andere, aber es gibt Parallelen zu heute“, sagt Eckhard Zimmermann, zweiter Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums. Das soll in einer multimedialen Ausstellung mit dem Titel „Thomas Mann – In der Brandlandschaft der Demokratie“ vom 8. Dezember bis 15. Januar in der Immatrikulationshalle der TUM gezeigt werden. „Wir wollen ganz nah an der Lebensrealität der Studierenden sein: Was beschäftigt, was ängstigt, was empört sie?“, sagt Zimmermann.
Kriegsdrohungen, Rechtsextremismus und Populismus seien alles Ängste, die heute relevant sind. Die Themen beschäftigten auch Thomas Mann, man merke seine ungeheure Aktualität, so Zimmermann. Die multimediale Ausstellung soll Aufklärung bieten und einordnen. Zitate des bekannten Schriftstellers und seiner Zeitgenossen stehen aktueller Berichterstattung vom WDR, der Süddeutschen Zeitung oder dem BR gegenüber. Gleichzeitig sind Manns Radioansprachen zu hören, und die Studierenden können durch seine Werke blättern. Die Ausstellung soll Bezüge zwischen seiner Zeit in den USA und Deutschland schaffen und Parallelen zu heute zeigen.
Für Dirk Heißerer, Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums, liegt hier auch der klare Bezug zur Technischen Universität: „Medial war Thomas Mann so weit vorne wie kein zweiter Schriftsteller seiner Zeit.“ Er wirkte als erster deutscher Autor bei einem Tonfilm 1929 mit, den man auf Youtube sehen kann. Und für Felix Mayer ist der „Zauberberg“ ein Beispiel für Thomas Manns wissenschaftliche Art zu schreiben: „Man merkt, er war ein exquisiter Wissenschaftskommunikator. Er bringt medizinische Bezüge, die zu der Zeit höchst relevant waren.“
Thomas Mann hat eine Entwicklung durchgemacht, vom einst unpolitischen Konservativen zum engagierten Verteidiger der Demokratie und der humanistischen Werte. Doch was heißt das? In dem Symposion „Militanter Humanismus. Thomas Manns Kampf um die Demokratie“ am 3. November im Gebäude der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung wird dieser zentrale Begriff beleuchtet, der sein politisches Engagement prägte. Als Keynote-Speaker spricht sein Enkel Frido Mann, der sich in einem Buch mit dem „kämpferischen Humanismus“ auseinandergesetzt hat. Die Veranstaltung kann auch per Zoom besucht werden.
Außerdem gibt es ein weiteres Rahmenprogramm, das Einblicke in das Leben und Denken von Thomas Mann und dessen Familie geben soll. Wem Manns Werke zu kurz kommen, der kann im nächsten Jahr die immersive Theaterproduktion „Zauberberg“ besuchen.
Die Schirmherrschaft des Projekts hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, gefördert wird es von der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung und der TUM-Universitätsstiftung. Intendant Felix Mayer betont die Bedeutung der Veranstaltungsreihe: „Thomas Mann will verstanden werden und ist nicht verstanden worden. Mit den stärksten Worten hat er die Demokratie verteidigt, und es hat nichts genutzt.“
Was der Schriftsteller heute über die Lage der Welt gesagt und was er getan hätte, wissen wir nicht. Schlüsse aus den Veranstaltungen müsse jeder und jede für sich selbst ziehen, sagen die Kuratoren. Jedoch steht für Felix Mayer fest: „Thomas Mann steht für das Bürgertum. Und wenn das Bürgertum nicht aufsteht, wer macht es dann?“
Thomas Mann – In der Brandlandschaft der Demokratie, Freitag, 31. Oktober, bis 15. Januar 2026, Technische Universität München, weitere Infos unter www.tum.de

