TU München:Die schiere Masse an Nazi-Ideologie ist bedrückend

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Die Bandbreite ist groß, die Ausstellung präsentiert sie Fachgebiet für Fachgebiet, und die schiere Masse wirkt bereits bedrückend. Manche Forscher und Institute der TH arbeiteten direkt für die deutsche Rüstungsindustrie, entwarfen etwa Tarnkappen-U-Boote, die für das gegnerische Sonar unsichtbar sein sollten. Andere entwickelten neue Antriebe für Torpedos, forschten an Störsendern für den Funk, an günstigen Straßenbelägen für den besetzten Osten oder auch an der Herstellung oder der Abwehr von Giftgas. Selbst Professoren, die dem Nationalsozialismus eigentlich distanziert gegenüberstanden, forschten aus bloßem Patriotismus für das Militär.

Andere orientierten ihre Forschung offensichtlich an der Nazi-Ideologie, selbst in vermeintlich sachlichen Disziplinen wie Physik oder Mathematik. Renommierte Forscher wie der Heidelberger Nobelpreisträger Philipp Lenard propagierten eine rassistische "Deutsche Physik", die sich von der bisherigen dadurch unterschied, dass sie die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie als jüdische Machwerke ablehnte. In München fanden diese Ideen zumindest vereinzelt Zuspruch. Die TH berief 1936 Rudolf Tomaschek, einen Schüler Lenards, auf den Lehrstuhl für Experimentalphysik.

Die Gedankenwelt der Nazis fand sich auch an vielen anderen Orten wieder. Angehenden Kunstlehrern etwa wurde eingeimpft, zeichnerisch Technik und Krieg zu verherrlichen. Geografen warben für die Eroberung von Siedlungsland.

Der 1934 berufene Professor für Bauforschung, Alexander von Senger, publizierte Schriften mit Titeln wie "Rasse und Baukunst" und hetzte gegen den "Baubolschewismus" modern denkender Kollegen. Und Studenten an der Fakultät für Architektur zeichneten Hunderte alter Bauernhäuser, um Kontinuitäten aus urgermanischen Zeiten zu finden, den Rassenkult der Nazis zu unterfüttern und auch die Neubesiedelung des Ostens mit ideologiegemäß konstruierten Dörfern vorzubereiten. Nach Kriegsbeginn erklärte ein Führererlass die "Bauernhausforschung" für kriegswichtig. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Der Ungeist der damaligen Zeit kulminiert in einem schmalen Band, der gegen Ende der Ausstellung in einer Vitrine liegt: die "Gesetze des Deutschen Studenten", die ab dem Wintersemester 1937/38 jeder Student zur Immatrikulation vom "Führerrektor" der TH überreicht bekam. Zehn Gebote gab es damals, das erste soll hier genügen: "Deutscher Student, es ist nicht nötig, daß Du lebst, wohl aber, daß Du Deine Pflicht gegenüber Deinem Volk erfüllst! Was Du wirst, werde als Deutscher!"

Die TH München sei kein Sonderfall gewesen, sagt Winfried Nerdinger. "Die Ausstellung ist eine Fallstudie." Eine ähnliche könne man wohl zu jeder deutschen technischen Hochschule gestalten. Weil sie von Anfang an zum Krieg rüsten wollten, seien die Nazis schlicht auf die Techniker angewiesen gewesen.

Bis sich die Uni mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzte, dauerte es viele Jahre - auch hier war die TH oder die TU kein Sonderfall. Nach dem Krieg konnten zunächst mehrere belastete Wissenschaftler unbehelligt als Rektoren der Hochschule amtieren. Und auch für die Vergabe von Ehrendoktorwürden und Ehrensenatorwürden war eine Verstrickung in Nazi-Verbrechen offenbar kein großes Hindernis. Man wollte es womöglich einfach nicht so genau wissen. Und so hat auch Nerdinger bei der Recherche Überraschungen erlebt.

Winfried Nerdinger selbst war von 1965 bis 2012 Mitglied der TH, später der TU: Erst als Student der Architektur, später als Professor für Architekturgeschichte. Und nun sei er immer wieder auf Namen von Professoren gestoßen, die er als Student noch gehört hatte oder die damals als große Wissenschaftler galten, sagt er. Dass sie in Rüstungsprojekten der Nazis geforscht oder anderweitig in das Regime verstrickt gewesen waren, das habe keiner gewusst.

Hans Döllgast etwa: Den habe er selbst nicht mehr erlebt. Was er über ihn in den Akten fand, habe ihn dann doch erstaunt. So war es unter anderem Döllgast gewesen, der 1937 den Festzug zur Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" gestaltete. Später war er der Vordenker bei der Umplanung der annektierten polnischen Stadt Thorn zur deutschen Gauhauptstadt und zeichnete Skizzen für den nationalsozialistischen Umbau Augsburgs. Nach dem Krieg war davon keine Rede mehr. Döllgast wurde kommissarischer Rektor der TH. Und er machte sich einen Namen als Architekt des Wiederaufbaus von München.

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