Nachhaltigkeit, das Wort hat derzeit keine Konjunktur. Donald Trump hasst es, genauso wie er den Klimawandel leugnet. Die US-Regierung strich Hunderten Wissenschaftsprogrammen zu diesen Themen die Gelder. Und auch in Europa würden manche das Rad am liebsten zurückdrehen. Mitten in dieser politisch aufgeheizten Zeit haben die Technische Universität München (TUM) und die Stanford Doerr School of Sustainability eine Allianz für Nachhaltigkeit geschlossen. Die Doerr School wurde 2022 mit einer privaten Spende von einer Milliarde Dollar durch den Risikokapital-Unternehmer aus dem Silicon Valley John Doerr und seine Frau Ann gegründet. Werner Lang, Vizepräsident der TUM für Sustainable Transformation und Inhaber des Lehrstuhls für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen, war im Oktober mit Kollegen in Kalifornien. Mit ihrem transatlantischen Bündnis wollen sie junge Forscher und Gründer für grüne Themen begeistern.
SZ: Herr Lang, die Universitäten in den USA stehen enorm unter Druck, das Wort „Climate“ ist mittlerweile genauso tabu wie „Gender“. Wie haben Sie die Stimmung in Stanford erlebt?
Werner Lang: Kalifornien ist nicht ganz so im Fokus, doch manche Kollegen sagen auch, sie müssen aufpassen, was sie äußern, damit ihnen keine Fördergelder gestrichen werden. Aber unter dem Radar der Öffentlichkeit herrscht weiterhin ein unglaublicher Fortschrittsglaube und Optimismus. An der Doerr School of Sustainability kümmern sich 100 Leute nur um Nachhaltigkeitsthemen.
Deren Chef Arun Majumdar wird in der Presserklärung mit den Worten zitiert: „Wir werden von einer klaren Mission vorangetrieben: eine blühende und nachhaltige Zukunft für die Menschheit und unseren Planeten zu schaffen.“ Ganz schön vollmundig. Ist der amerikanische Spirit ungebrochen?
Man hat den Eindruck, als gäbe es zurzeit zwei Realitäten: eine gewisse Resignation, die wir ja auch hierzulande spüren, ein Zweifeln am Fortschritt, das Festhalten an Altbekanntem. Aber auf der anderen Seite sind da engagierte Wissenschaftler, Unternehmer und viele junge Gründerinnen und Gründer, die mit Begeisterung an Zukunftsthemen arbeiten. Das ist beeindruckend. Gemeinsam wollen wir beweisen, dass man mit grünen Technologien auch Geld verdienen kann.
Was trägt die TUM zu der Verbindung bei?
Wir waren diesmal mit zehn Kolleginnen und Kollegen in Stanford, aus den Bereichen Umwelt- und Klimapolitik, Kreislaufwirtschaft, grüne Technologien und einige mehr. Eine besondere Rolle spielen auch unsere UnternehmerTUM und die TUM Venture Labs mit ihren europaweit führenden Aktivitäten im Bereich Start-up-Förderung. Dort geht es häufig um Innovationen, die ökologische Werte mit Wirtschaftlichkeit verbinden. Denn es ist doch längst klar: Zukunftsweisend ist nur, was unsere Lebensräume erhält.
Bekamen Sie denn problemlos Visa für die USA?
Ja. Wir hatten uns vor der Reise viele Gedanken gemacht, aber dann waren wir bei der Einreise in kürzester Zeit durch die Kontrolle. Wir schicken auch nach wie vor Studierende in die USA. Das klappt in der Regel, mit wenigen Ausnahmen. Manchmal weiß man nicht, warum ein einzelnes Visum abgelehnt wird. Wir wollen jetzt mit der Doerr School neue Austauschformate für exzellente Studierende, Lehrende und Mitarbeitende beider Universitäten etablieren. Es geht darum, eine Generation von Führungskräften auszubilden, die global vernetzt denkt. Den Klimawandel können wir nur gemeinsam bewältigen.
Sie nahmen an dem „Living Lab Summit“ teil. Was passiert dort?
Die Doerr School organisiert gemeinsam mit der TUM und weiteren internationalen Partneruniversitäten in London, Hongkong, Bombay und Hangzhou erstmals einen globalen Wettbewerb. Teams von Studierenden aus aller Welt sollen umsetzbare Nachhaltigkeitslösungen entwickeln. Zum Beispiel für Energieerzeugung oder Kreislaufwirtschaft. Es wurden mehr als 1300 Beiträge eingereicht. Das Finale findet dann im April 2026 während unseres TUM Sustainability Days auf dem Campus in Garching statt.
Da wäre es natürlich schön, wenn die Uni selbst ein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit wäre. Wie sieht es denn an der TUM aus und wie in Stanford?
Der Campus in Stanford erzeugt 120 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien. Soweit sind wir an der TUM noch nicht. Aber wir stellen gerade die Wärmeversorgung des Forschungscampus Garching komplett um. Dazu wird die Abwärme des Leibniz-Rechenzentrums genutzt, plus Geothermie und Wärmepumpen. Das reduziert im Regelbetrieb unsere CO₂-Emissionen beim Heizen auf null – und wir sparen damit auch noch Geld. Bei unserem alle zwei Jahre stattfindenden Sustainability Day können Lehrstühle, Verwaltung, Studierendenteams und Technikeinheiten zeigen, welche Fortschritte sie schon erreicht haben, zum Beispiel bei Mobilität, erneuerbare Energien, Wasser sparen, Biodiversität. Der Campus könnte so eines Tages zum Modell für nachhaltige Stadtentwicklung werden.
Sie selbst sind Architekt, gerade der Bausektor ist immer noch ein großer Umweltsünder.
Ja, er ist für nahezu 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Tendenz steigend. Aber gerade hier gibt es gute Lösungen für Rohstoffkreisläufe, und das durchaus kostengünstig. Das können wir beweisen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir über Ländergrenzen hinweg denken. Denn die Probleme teilen ja alle. Schon jetzt haben wir an der TUM in Masterstudiengängen 50 Prozent ausländische Studierende. Und gerade der globale Süden wird sich in den kommenden Jahren rasant entwickeln. Je mehr wir uns austauschen, desto weniger besteht die Gefahr, dass dort die gleichen Fehler gemacht werden wie bei uns in der Vergangenheit.
Unter TUM-Studierenden gibt es beide Fraktionen: Die einen kommen mit dem Auto zur Vorlesung und wollen Raketen bauen. Andere sagen: Warum tut ihr nicht mehr für die Umwelt, das geht alles viel zu langsam?
Das stimmt. Aber wir kommen voran. Ich war in Deutschland der erste Vizepräsident für Nachhaltigkeit. Jetzt gibt es diese Position an fast allen Hochschulen. Wir treffen uns regelmäßig, auch innerhalb der EU. Unsere 53 000 TUM-Studierenden sollen zu Agenten der Transformation werden. Wir wollen ihnen zeigen: Ihr könnt mit nachhaltigen Innovationen beruflich erfolgreich sein.

