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Bewerbung an der TU München:Ein Test fürs Durchhaltevermögen

Munich Technical University Celebrates 150th Anniversary

Viele Bewerber müssen erst ein Eignungsfeststellungsverfahren überstehen, bevor sie an der Technischen Universität studieren dürfen.

(Foto: Joerg Koch/Getty)

An der Technischen Universität schwören viele auf Eignungs­feststellungs­verfahren, doch was wird da eigentlich abgefragt? Oft erfahren das die Bewerber gar nicht und müssen schon vor dem Studium kämpfen.

Von Sabine Buchwald

Dass es mit einem Platz im Bachelorstudiengang Sportwissenschaften in München geklappt hat, weiß er erst seit ein paar Tagen. Die ungewisse Phase zwischen Abitur und Studium ist nun vorbei. Mitte Oktober überzeugte er beim Eignungsfeststellungsgespräch und kann nun am Montag offiziell an der Technischen Universität loslegen. Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, soll Jakob L. heißen. Er steht am Anfang eines neuen Lebensabschnittes und weiß nicht genau, was auf ihn zukommen wird. Deshalb hat er um Anonymität gebeten, so wie auch die beiden anderen Abiturienten sich das wünschen, die von ihren Erfahrungen mit diesem Auswahlverfahren berichten.

Jakob L. hat von Kindheit an viel Sport gemacht. Das sieht man an seinen breiten Schultern und in seinem Abizeugnis an der Wahl des Sport-Additums. Die Entscheidung für Sportwissenschaften an der TUM wirkt folgerichtig, auch weil er in Corona-Zeiten zu Hause in München bleiben möchte. Sein Abiturschnitt von 2,7 und sein Motivationsschreiben haben ihn in Phase zwei des Auswahlverfahrens gebracht. Das sei dann sehr komplex gewesen, sagt er rückblickend. Er wurde in Mathe, Physik, Biologie und Chemie auf Deutsch ausgefragt, über sein Wissen zu Sport und Politik auf Englisch. Chemie hatte er nur bis zur elften Klasse. Auch Physik war keines seiner Abiturfächer. An welchem Punkt beim Aufschlag im Tennis die Beschleunigung am höchsten ist, konnte er nur raten. "Ich war total gefrustet nach der Prüfung", sagt er. Gern hätte er sich darauf vorbereitet, wusste aber nicht wie.

Es gehe gar nicht um richtige oder falsche Antworten, sagt ein Sprecher der TUM, weshalb man auch nicht dafür lernen könne. Es gehe allgemein um die Fähigkeit, sich mit dem Fach auseinanderzusetzen, um Problemlösungskompetenz und Herangehensweisen an wissenschaftliche Fragen und um Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen.

Viele an der TU schwören auf Eignungsfeststellungsverfahren. Allen voran der alte und der neue Präsident. Wolfgang Herrmann war fest davon überzeugt und hat sie an der TU eingeführt und gegen gerichtliche Widerstände durchgesetzt. Man wolle sich seine Studierenden aussuchen, betonte er immer wieder. Thomas Hofmann hält es gar für ein unmoralisches Angebot an die Studierenden, wenn alle völlig frei ihre Studiengänge auswählen könnten. Besonders denkt er an diejenigen, die dann "nach einigen Semestern feststellen, dass sie doch das Falsche studieren". Die Zahlen sprächen für sich, sagt er, die Abbrecherquoten seien dadurch zurückgegangen.

Die Daten, die die TUM dazu veröffentlicht, sind etwas veraltet. Sie stammen von Ende 2017. Demnach sei die "Drop-out-Quote" deutlich geringer bei Bachelor-Studiengängen mit Bewerbungsverfahren im Vergleich zu den Zahlen an den Universitäten insgesamt. Beispielsweise in Mathematik fallen an der TUM 22 Prozent raus, insgesamt im Schnitt 51 Prozent; in Informatik sind es 20 Prozent an der TUM, insgesamt 45 Prozent.

Unter den Informatikern finde einige die Tests auch gut

An der TUM-Fakultät für Informatik setzen sich auch die Studierenden für die Eignungsfeststellungsverfahren ein, um nicht überrannt zu werden. Denn es mangelt an Raum und Kapazitäten. Seit 2013 sei die Studierendenzahl um etwa 150 Prozent gestiegen, sagt Andreas Wilhelmer, studentischer Fakultätsratsvertreter bei den Informatikern. Es habe 2782 Bewerber für das Wintersemester gegeben. Mehr als 1500 werden wohl neu beginnen. "Die Lehrqualität leidet immens, wenn die Betreuung nicht mehr sichergestellt werden kann", sagt er. Er ist als studentischer Beisitzer schon öfter beratend bei Auswahlgesprächen dabei gewesen und hat erlebt, dass es "durchaus Unterschiede gibt, je nachdem, welcher Professor sie führt".

Henry Winner, studentischer Vertreter im Senat und Hochschulrat der TUM, sieht die Eignungsfeststellungsverfahren wesentlich kritischer. Er hält die Durchfallquoten für verfälscht. Nicht überall gebe es Zulassungsbeschränkungen. Manche Studierende seien nur eingeschrieben, ohne wirklich zu studieren. Sie tauchten nie bei einer Prüfung auf, würden aber mitgerechnet. Er selbst studiert Elektrotechnik, wo am Ende der ersten beiden Semester hart gesiebt wird. Man habe aber Zeit, sich in den Stoff für diese sogenannten Grundlagen- und Orientierungsprüfungen reinzuknien, sagt er. Wenn man motiviert genug ist, dann könne man das schaffen. Er findet es fairer, über frische Kenntnisse aus dem Studium abgefragt zu werden, als über Schulwissen.

Damit konnte ein junger Mann bei dem Auswahlgespräch der TUM nicht punkten. Er wollte dort Betriebswirtschaftslehre studieren und ist nicht angenommen worden. Er dachte, wenn man ungefähr wisse, was in Politik und Wirtschaft gerade los sei, werde es schon klappen. Zu seinem Glück hatte er sich auch an der LMU beworben und ist dort im Nachrückverfahren angenommen worden. Für einen Freund von ihm, der denselben Abiturnotenschnitt hat, ist es genau anders gelaufen. Die LMU wollte ihn nicht, die TUM nun schon. Er wurde mit vier anderen Bewerbern per Videoanruf getestet. "Ich finde so einen Konkurrenzkampf gar nicht schlecht", sagt er. So ähnlich werde es doch auch später in technischen Unternehmen zugehen.

© SZ vom 29.10.2020/van/kafe
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