TSV 1860 München "Sechzig bedeutet für mich mein ganzes Leben"

Ausgerechnet in der Stunde des Abstiegs hat ein altes Liebespaar wieder zueinander gefunden: der TSV 1860 und seine Fans. Wer im Grünwalder Stadion mit den Löwen spricht, kann viel über das Leben lernen.

Von Sebastian Beck

Ohne Sechzig, sagt Erich Bittner, wäre er schon tot. Das Leben hat ihm ein paar Mal übel mitgespielt: Er war gerade 24 Jahre alt, gelernter Maurer, als er auf dem Weg zur Arbeit schwer verunglückte. Das war 1991, er ist erwerbsunfähig, inzwischen lebt er von einer Minirente: 550 Euro pro Monat, halbtags verpackt er Bohrer in einer Behindertenwerkstatt.

Im vergangenen Jahr, da zog sich Bittner einen Abszess am Nacken zu, zwei Monate lag er im Murnauer Krankenhaus. Die Spiele gegen Bielefeld und den Karlsruher SC hatte er verpasst, was für ihn fast genauso schlimm war wie sein Gesundheitszustand: "Ich wäre fast gestorben", sagt er. Doch dann packte ihn die Sehnsucht, die ihm Kraft verlieh. Er wollte unbedingt zurück ins Stadion, an jenen Ort, um den sich bei ihm alles dreht: "Der Wille hat mich gerettet." Bittner kam durch, und eine Woche nach seiner Entlassung - beim Heimspiel gegen Union Berlin - trommelte er schon wieder in der Arena.

Unter Sechzgerfans hat es Bittner mit seiner Trommel und dem weißblauen Stahlhelm längst zur Berühmtheit gebracht. Für sie heißt er nur "Helmi". Schon in der Tegernseer Landstraße hört jeder, wenn Helmi wieder im Grünwalder Stadion Position bezogen hat: "Bumm, bumm bumm" wummern die Schläge auf seiner Pauke durch Giesing. Sie verkünden, dass Helmi gerade sehr, sehr glücklich ist: "Sechzig bedeutet für mich mein ganzes Leben", sagt er. Nicht nur für ihn.

Wie eine Rückkehr ins Paradies

Seit ein paar Monaten erst ist der Verein wieder daheim in seinem Stadion. Es sieht so runtergekommen aus wie früher, eine zusammengestückelte Bruchbude aus grauem Beton. Davor die Straßenkreuzung an der Candidstraße, McDonalds, Wienerwald. Ein Laden für gebrauchte Handys. Nur wenige Ecken Münchens sind so hässlich. Und trotzdem kommt es den Fans des TSV 1860 wie die Rückkehr ins Paradies vor.

Bei den Alten, die sich hier schon in den Sechzigerjahren in der Westkurve gedrängt haben, steigen die sentimentalen Erinnerungen auf: Paul Kubus ist 82, trotzdem fährt er zu jedem Heimspiel von Teublitz in der Oberpfalz nach München. Das macht er schon seit Jahrzehnten so. Er war auch am 28. März 1961 im Grünwalder Stadion, als Sechzig - er weiß es noch genau - gegen den Meidericher SV spielte. In der Pause kam die Durchsage: Paul Kubus ist Vater eines Sohnes geworden. Beifall brandete auf. So war es auch, als seine Tochter Carola am 27. September 1969 zur Welt kam - wieder ein Heimspiel. Danach saß er noch mit Radi, dem Torwart, im Stüberl zusammen. Er vermachte ihm sein Trikot - eine Reliquie, die Paul bis heute in Ehren hält.

Westkurve Ericht Bittner, Helmi, TSV 1860 München, Westkurve

(Foto: Sebastian Beck)

Fast 50 Jahre später steht Paul immer noch im Stadion, Block F. Das Geschehen unten auf dem Rasen verfolgt er mit verschränkten Armen und dem bisweilen kritischen Blick eines Fußballweisen, aber an einem lässt er keinen Zweifel: "Im Stadion erlebe ich immer noch meine glücklichsten Tage."

Der Arbeiterverein aus Giesing: Selbst als die Mannschaft durch die Allianz-Arena stolperte, unter geschlossenen Business-Lounges und vor halb leeren Rängen, da kokettierte der Verein immer noch mit dem Image der Underdogs aus der Vorstadt. In Giesing aber, so scheint es, hat ausgerechnet in der Stunde des Abstiegs ein altes Liebespaar wieder zueinander gefunden: der Verein und seine Fans.

Peter Ringlstetter war dabei damals, als sie 2005 den Sarg durch Straßen trugen nach dem letzten Heimspiel im Grünwalder Stadion. Ringlstetter fährt Bier für Hacker und Paulaner aus, mit seinen Händen wuchtet er jeden Tag zwölf Tonnen vom Anhänger. Ein Riesenkerl, der damals nur einfach traurig war, als es hinaus in die "Arroganz-Arena" ging, wie er es nennt. "Das Viertel war danach tot", sagt er, "aber jetzt kommt wieder Leben rein."

Der Arbeiterverein aus Giesing - womöglich stimmt das Selbstbild doch, zumindest, wenn man sich in der Westkurve umhört: Ferdl schleppt tagsüber Umzugskisten, Phillip ist Elektriker, Edward handelt mit gebrauchten Autos, Ronny schuftet bis spät abends am Bau. 2004, als die Sechzger aus der Bundesliga abstiegen, musste er für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Was die Heimspiele betrifft, sagt Ronny, habe er in dieser Zeit wenig verpasst. Oder Markus Imhof, CNC-Fräser aus Meitingen, er lernte seine Frau beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern kennen: "Der Verein hat mein Leben verändert, meine Familie, einfach alles."

Ein proletarisches Vergnügen, eine nostalgische Geste

In München scheinen allerdings nur wenige kapiert zu haben, was Sechzig und das Stadion für Tausende Anhänger, aber auch für Giesing bedeuten. Bei Fans mischt sich unter die neue Glückseligkeit deshalb das Gefühl, dass die Stadtpolitik sie so schnell wie möglich wieder loshaben will. "Wir sind halt nicht die Großen", sagt Bierfahrer Ringlstetter. Und er meint damit, dass alle Pläne für einen Ausbau des Stadions als lächerlich abgetan wurden, während sich die eher wohlhabende Schicht Münchens am Ostbahnhof einen Konzertsaal für Hunderte Millionen Euro hinstellt. Wenn es aber ums Grünwalder Stadion geht, dann werden Lärmschutzauflagen oder Parkplätze zum Problem, obwohl Heimspiele dort nur alle zwei Wochen stattfinden und ohnehin fast alle zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen.

Fußball im Grünwalder Stadion ist ein proletarisches Vergnügen, eine nostalgische Geste, das passt, anders als die Allianz-Arena, nicht wirklich zum Bild, das München von sich selbst zeichnen möchte: High-Tech-Hauptstadt, FC-Bayern-Standort. Ringlstetter sagt das, was viele hier denken: "Giesing ist ein Viertel, in dem noch ganz normale Menschen wohnen."

Ein bisschen dürfen die Sechzger vielleicht noch daheim bleiben, bevor sie wieder raus müssen in die Kälte, falls der sportliche Erfolg anhält. Es gibt auch welche, die sagen: Lieber immer Regionalliga in Giesing als Bundesliga im Olympiastadion oder in einer Investorenschachtel draußen am Autobahnkreuz. Das hatten sie schon mal. An diesem Freitag geht es gegen Schalding-Heining, letztes Heimspiel das Jahres. Vielleicht nicht so der große Hit, um ehrlich zu sein. Aber egal: Ronny wird kommen, Paul sowieso, Peter, der seine Mails mit "60 forever" unterzeichnet, steht in der Westkurve an seinem Stammplatz. Und Helmi kann sowieso nur der Tod aufhalten. Um 18.60 Uhr geht es los. Es ist längst wieder ausverkauft.

"Die Westkurve ist Heimat"

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