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TSV 1860 München:Löwen-Fan mit Sondergenehmigung

Einst musste Erich Bittner "im Suff" überredet werden, Mitglied bei den Löwen zu werden. Heute ist er einer der treusten - und der auffälligsten. Ohne Kluft, Trommel und Helm geht er nicht ins Stadion. Dafür hat er in der Allianz-Arena sogar eine Sondergenehmigung.

Ein Besuch bei Helmi, der eigentlich Erich Bittner heißt, ist eine Reise in eine andere Welt. Er lebt in Windach am Ammersee, das heißt, eigentlich wohnt er zwischen Windach und Greifenberg, in einem Weiler mit drei Häusern. Er hat am Gartentor eine große Löwen-Fahne aufgesteckt, damit sein Besucher ihn gleich finden kann. Er lacht, er freut sich, er trägt zwar keinen Helm, aber er hat seine Kluft an: die Trainingshose, die Weste mit Aufnähern von Sachsen Leipzig, Kaiserslautern, Gladbach und mit einem Emblem, auf dem steht: "Mein Herz schlägt für 1860."

TSV 1860, Allianz-Arena

Erich Bittner trommelt bei jedem Heimspiel des TSV 1860.

(Foto: lok)

Im Garten steht ein künstlicher Löwe, er bildet mit drei Zwergen eine Insel, und Bittner sagt, er habe den Löwen in der Tschechei gekauft. Er sagt Tschechei, nicht Tschechien oder Tschechische Republik.

Das Haus, in dem er lebt, ist ein Gartenhaus aus Stein, es hat nur ein Zimmer, Helmi schläft, natürlich, in 1860-Bettwäsche; es ist Vormittag, der Fernseher läuft. Erich Bittner, der im Stadion mit einer riesigen Trommel Stimmung macht, ist kein Edel-Fan wie Franz Hell oder Fritz Fehling, die bei jedem Spiel dabei sind, die ins Trainingslager nach Abu Dhabi fliegen oder zum Freundschaftsspiel nach Innsbruck fahren. Erich Bittner ist auch ein Kult-Fan, aber er hat das Geld für solche Reisen nicht, er kann nur zu den Heimspielen gehen. Bittner, der Maurer gelernt hat, ist Frührentner, Hüfte und Knie sind nach einem Unfall lädiert, er muss mit 534 Euro im Monat auskommen. Eigentlich ist er ein Sehrfrührentner, er ist erst 44 Jahre alt.

Bittner ist am 18. Mai 1967 geboren, der TSV 1860 wurde an einem 17. Mai gegründet. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass es fast gepasst hätte.

Weil er sich kein Auto leisten kann, fährt er mit dem Zug zu den Spielen nach München - auch an diesem Freitag, wenn sein Verein gegen Braunschweig spielt. Bevor er ins Stadion geht, holt er am Haderner Stern bei seinem Vater die Trommel ab, er hat sie hier eingelagert, es wäre zu mühsam, sie immer im Zug zu transportieren. Mit Kluft, Trommel und Helm fährt er dann weiter nach Fröttmaning - Erich Bittner ist der einzige Mensch, der in der Allianz-Arena einen Helm aufsetzen darf, er hat dafür eine Sondergenehmigung. Für alle anderen ist das Tragen eines Helmes verboten - man könnte ja damit werfen oder schlagen. Bittner tut beides nicht.

Er steht nur da, mit einer Bierruhe, die sich jeder Buddhist wünschen würde, und trommelt und trommelt - meistens dann, wenn die Löwen angreifen. Er raucht eine Pfeife dabei, der Rauch steigt unters Arena-Dach, und wenn es Helmi mal auf das Titelbild einer Fußball-Zeitschrift schaffen würde, könnte man darüber schreiben: "Der Dampfmacher."

Manchmal redet er mit den Leuten, die um ihn herumstehen, sie bringen Kaffee und Kuchen mit, manchmal schenken sie ihm auch einen selbstgebackenen Bienenstich. Und sie haben ihm die Dauerkarte für diese Saison spendiert. Oft gesellen sich Fremde hinzu, um ein Foto mit ihm zu machen. "Österreicher waren schon da", erzählt er, "auch Ungarn und Schotten und ein Fan von Manchester United." Alle wollen mit ihm, dem lustigen Trommler, auf ein gemeinsames Bild.

"Wenn ich für jedes Foto Geld bekommen würde, wäre ich schon Millionär", sagt er. Erich Bittner macht gerne solche Witze. Und dann lacht er kehlig. Es ist ein zurückhaltendes Lachen, kein auftrumpfendes. Bittner ist kein Prolet, der Herrenwitze macht und dem Gegenüber kumpelhaft auf die Schulter klopft. Manchmal wirkt er fast schüchtern.