„Böhmen liegt am Meer“ – diese anfechtbare Behauptung stellte Ingeborg Bachmann, angelehnt an Shakespeares „Wintermärchen“, einst in einem Gedicht auf. Als „Land an der Küste“ will sich Tschechien mutig auch als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse präsentieren. Und ein großangelegtes Programm, das in München anläuft, surft ebenfalls auf dieser Welle, die kein Wasser braucht.
Denn auch der Titel „Servus & Ahoj“ des Münchner Programms ist schön mehrdeutig: „Ahoj“ ist der tschechische Ausdruck für „Hallo“, erinnert aber auch an die Seefahrt. Ohnehin soll er sprachspielerisch die Fantasie anregen und klarmachen, wie Zuzana Jürgens vom federführenden Adalbert-Stifter-Verein formuliert, dass „auch die Literatur des kleinen Landes in der Mitte Europas ein Teil des großen Ozeans der Geschichten, der Weltliteratur ist“.
Nach Vorreiter-Veranstaltungen im Sommer geht es nun in einen Herbst mit einem reichhaltigen Programm an verschiedensten Orten der Stadt: Lesungen, Diskussionen, eine Ausstellung im Literaturhaus, ein Film, Konzert, Lyrik und Vorträge bringen renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach München und zeigen, wie eng insbesondere die bayerische Geschichte und Gegenwart mit der unserer direkten Nachbarn verwoben ist. Ein Überblick.
Ein besonderer Roman: „Geteiltes Haus“

Ein neues Buch, das diese komplexe Beziehung in aller Intensität und auch allem Schmerz besonders gut verdeutlicht, ist Alice Horáčkovás Roman „Geteiltes Haus“ (Diogenes). Anhand des Dorfes Benetzko und seiner Bewohner schildert sie detailliert und eindringlich, wie verflochten deutsche und tschechische Biografien im Riesengebirge waren; ihre plastisch gezeichneten Figuren mehrerer Generationen lassen die zunehmenden politischen Verwerfungen bis hin zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden Vertreibung der deutschen Bevölkerung ganz nah rücken.
Die Prager Schriftstellerin Alice Horáčková wird ihr vielschichtiges Roman-Mosaik, das auch ihre eigene Familiengeschichte spiegelt, am 3. November in der Buchhandlung Lehmkuhl vorstellen. Sophia Marzolff wiederum, die den Text süffig ins Deutsche übertragen hat, wird am 10. November im Literaturhaus zu erleben sein. Die Münchner Übersetzerin, deren Projekt im vergangenen Jahr mit einem Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern gefördert wurde, schätzt am Roman „Geteiltes Haus“ besonders, dass es keine eindeutig guten oder schlechten Figuren gibt: „Das ist wie das Leben – es menschelt überall“, sagte sie bei der Preisverleihung. Horáčková zeige, wie wichtig es sei, Ambivalenzen auszuhalten und Gemeinsamkeiten zu entdecken: „Das Thema könnte aktueller nicht sein.“
Im Zug der Zeit: Weitere Lesungen

Deutsch-tschechische Familiengeschichten hat auch die Schriftstellerin Markéta Pilátová im Gepäck: In ihrem Roman „Die Nester“ erzählt sie die Geschichte eines jungen Deutschböhmen, der Ende des 19. Jahrhunderts aus Liberec/Reichenberg nach Brasilien auswanderte – damals keine Ausnahme: Die Nachfahren nennen sich heute noch „Bohemios“ und sprechen neben Portugiesisch auch Deutsch (12.11., LMU München).
Im Debütroman „Unmerklicher Verlust der Einsamkeit“ (Karl Rauch Verlag) von Eli Beneš, nicht nur angesichts einer Länge von fast 700 Seiten gewichtig, kehrt dagegen ein junger jüdischer Auschwitz-Überlebender in seine Heimatstadt Prag zurück. Halt findet er keinen in einer Gesellschaft, die vergessen will; als er sich verliebt, wird jene junge Jüdin von den tschechoslowakischen Behörden als Deutsche ausgewiesen, eine Odyssee durch das Europa der Nachkriegszeit bis Palästina beginnt. Ein „beeindruckender Roman über die prekäre Freiheit nach der Schoa“, urteilte die FAZ über diesen Roman, der den wichtigen tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera erhielt (20.10., Buchhandlung Lehmkuhl).
Den hat auch die Schriftstellerin Radka Denemarková bekommen, gleich viermal bereits. Und auch sie hat kürzlich einen wahren Ziegelstein an Roman vorgelegt: „Schokoladenblut“ (Hoffmann und Campe) verbindet ambitioniert drei sehr unterschiedliche historische Figuren und ihre Biografien: die tschechische Nationaldichterin Božena Němcová, ihre französische Kollegin George Sand und den US-amerikanischen Unternehmer John D. Rockefeller. In einem Zug der Zeit rattert ihr Text durchs 19. Jahrhundert und über mehr als 500 Seiten, die von der uralten Unterdrückung der Frauen, von Emanzipation und Freiheit erzählen. Dies sei ein „Roman gegen Konventionen“, schreibt Denemarková selbst im Nachwort, „und gegen die, die an der Macht sind und sich vor Freiheit fürchten“ (17.11., Einstein 28).
Die Mitte Europas: Diskussionen

Radka Denemarková wird Wochen zuvor schon einmal in München zu erleben sein: Im Literaturhaus nimmt sie am zentralen Podiumsgespräch des Ahoj-Programms teil. „Die Mitte Europas. Was ist mit ihr los?“, lautet die Frage, die sie am 5. Oktober dort beantworten soll, zusammen mit ihrem slowakischen Schriftstellerkollegen Michal Hvorecký. Keine einfache Frage angesichts großer gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen, 30 Jahre nach der sogenannten Samtenen Revolution. Welche Antworten kann die Kultur geben?
Und was kann die Zivilgesellschaft tun? Das ist eine weitere Frage, die wiederum am 23. Oktober im Bellevue di Monaco ergründet werden soll. Am Beispiel Tschechien und Slowakei geht es ganz konkret darum, wie populistische und rechtsextreme Regierungen demokratische Staaten umzubauen versuchen. „Politische Macht versus Zivilgesellschaft“ ist der Titel der Diskussion mit dem Politiker Jan Kuchař, dem Faktencheck-Experten Pavol Lacko und der Historikerin Martina Winkler.
Diskutiert wird, unter anderem mit Autor Petr Miksíček, auch beim Abend „Verschwundenes Sudetenland“. Das Buch gleichen Titels über einstige Ortschaften im Grenzgebiet, herausgegeben von der tschechischen Bürgerinitiative Antikomplex, hat bereits sieben Auflagen erreicht. Nicht nur die Proteste angesichts des diesjährigen Sudetendeutschen Tags in Brno/Brünn zeigen, wie konfliktbeladen eine gemeinsame Erinnerungskultur ist – wie kann sie gelingen? (Sudetendeutsches Haus, 21.10.)
Film, Musik und eine Gebrauchsanweisung

Nach Brünn, in die zweitgrößte Stadt Tschechiens in Südmähren, führt auch der Arte-Film „Gerta Schnirch“, der als Premiere im Literaturhaus zu sehen ist (24.9.). Er geht zurück auf den Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ der auch hierzulande erfolgreichen Schriftstellerin Kateřina Tučková, die darin die zerrissene Biografie einer jungen Frau mit tschechischer Mutter und deutschem Vater schildert. Die Autorin wird selbst an einem Gespräch nach dem Film teilnehmen.
Wohlbekannt ist hierzulande auch der Bestsellerautor und Musiker Jaroslav Rudiš, der in seiner innigen Liebe zum Bier und zu Eisenbahnen perfekt essenzielle tschechische Leidenschaften zu vereinen weiß. Wie schön, dass er wieder einmal seine Kafka Band mitbringt, wenn er seinen neuen Roman „Wo die Toten sprechen“ (Luchterhand) in München vorstellt – diesmal im Ampere des Muffatwerks (14.10.).
Ob die Vorträge der Münchner Volkshochschule ebenfalls multimedial aufbereitet sind oder nur auf das Wort setzen? Wer seine Kenntnisse vertiefen möchte, kann sich jedenfalls an drei Abenden im Gasteig HP 8 eine Gebrauchsanweisung für die tschechische Literatur liefern lassen. Zuzana Jürgens vom Stifter-Verein und der Slawist Alexander Kratochvil geben Einblicke in die verschiedenen Phasen zwischen totalitären Regimes und Freiheitssuche (11., 18. und 25.11.).
Ausstellung „Imaginarium“

Wer Tschechien als Land an der Küste vermarkten will, hat eindeutig viel Fantasie – und die lassen tschechische Literaten, Künstler und Filmemacher seit jeher gerne spielen. Auch das Literaturhaus will sie befeuern, mit der Ausstellung „Imaginarium“ von Matěj und Petr Forman, Söhnen des tschechisch-amerikanischen Starregisseurs Miloš Forman. Beide sind viel mit Theateraufführungen durch die Welt gereist und haben mit einem Prager Künstlerkollektiv begehbare Kulissen und immersive Bühnenbilder geschaffen.
Wie wird dem Buch hier eine Bühne bereitet? Am Eröffnungswochenende am 3./4. Oktober lässt sich das bei freiem Eintritt und Kinder-Aktionen praktisch beantworten. Bei der offiziellen Eröffnung am Samstagabend stellt Matěj Forman zudem selbst das Projekt vor und führt in die Tradition des Welt- und Puppentheaters ein.
Grenzüberschreitende Entdeckungen
Fantasie kennt keine Grenzen – auch der slowakische Schriftsteller Lukáš Cabala besitzt davon reichlich. Direkt an der Grenze zu Tschechien liegt seine Heimatstadt Trenčín. „Denkst du noch an Trenčín?“, lautet der Titel seines Romans, auf Deutsch im jungen Münchner Allee-Verlag erschienen. Spätestens nach der Lektüre des Buches möchte man dringend in die diesjährige Kulturhauptstadt Europas reisen. Wenn dort tatsächlich so viele Menschen die Schichtungen der Geschichte durchdringen wie dieser Autor, wenn dort tatsächlich Zeit und Raum so durchlässig sind und ja, wenn dort Cabalas Utopie von bücherlesenden Menschen allüberall in der Stadt wahr werden sollte – dann nichts wie hin!
Zunächst allerdings kann man sich auch von einem Abend mit dem Autor am 11. November in der Buchhandlung Kubula inspirieren lassen. Gemeinsam mit seinem nicht minder fürs Surreale begabten Prager Kollegen Michal Ajvaz werden die beiden vermutlich die Grenzen der Wirklichkeit leichtfüßig hinter sich lassen.
Und es gibt noch einige Entdeckungen mehr zu machen. Ein weiterer neuer Münchner Verlag bereichert einen Abend im Literaturhaus: Zarifa Mamedova hat in ihrem Dimidium-Mundi-Verlag ein Schlüsselwerk der tschechischen Moderne erstmals auf Deutsch veröffentlicht, den 1937 erschienenen Roman „Amor und Psyche“ von Milada Součková. Wie lässt sich der Literaturkanon erweitern um allzu oft vergessene weibliche Stimmen? Dieser Abend, an dem auch die Künstlerin Klára Korbelová und die Übersetzerin Doris Kouba teilnehmen, wird eine Antwort darauf geben (29.9. - Achtung: abgesagt).

„Welche Beziehung hat Mitteleuropa zur Männlichkeit?“ Auch eine interessante Frage, die das Programm aufwirft. Bei zwei Veranstaltungen wird das Thema Queerness eine Rolle spielen: „Mit Wittgenstein in der Schwulensauna“ (Karl-Rauch-Verlag). Dieses Setting verheißt ein Buch von Vratislav Maňák, der am 16. September in der Buchhandlung Kubula über Körper und Begehren spricht. Und Marek Torčík erzählt in seinem Roman „Was die Zeit nicht nimmt“ (Anthea) vom konfliktbeladenen Aufwachsen eines queeren Jugendlichen in den Umbruchzeiten nach 1989 (Literaturhaus, 26.10.).
Dichterinnen für die Welt
Entdeckungen sind auch in der Lyrik zu erhoffen, die immer ganz eigene Zugänge zur Welt liefert. Zwei bedeutende Stimmen der tschechischen Szene, Marie Iljašenko und Petr Hruška, sind im Lyrik-Kabinett zu hören: „Von Fasanen, Mardern und grünen Papageien im Spiegel“ (29.10).
Und dann steht im Herbst auch wieder das alle zwei Jahre stattfindende Schamrock-Festival der Dichterinnen an: In einem Länderfokus Tschechien präsentiert die Münchner Schriftstellerin Slata Roschal am 15. November die Kolleginnen Tereza Bínová, Olga Stehlíková und Apolena Vybíralová im Einstein. Überhaupt werden bei Schamrock vom 13. bis 15. November wieder mehr als 50 Lyrikerinnen und Musikerinnen aus aller Welt erwartet. Doch nicht abschweifen, wir stechen doch gerade erst mal mit den direkten Nachbarn in See: Ahoj!
Servus & Ahoj München, Tschechische Literatur und Kunst. Bis Dezember, diverse Orte, Infos unter anderem unter: stifterverein.de/news/servus-ahoj-muenchen/


