bedeckt München 18°

Trümmerfrauen in München:Schutt räumen unter Nazi-Aufsicht

Trümmerfrauen in München im Sommer 1946

Trümmerfrauen klopfen im Sommer 1946 in München den Mörtel von den Ziegelsteinen, damit sie für neue Bauten wiederverwendet werden können

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

"Die Nazis haben nach dem Krieg uns Trümmerfrauen beaufsichtigt": Eine 86-Jährige aus München erinnert sich an die Zeit nach dem Krieg - und auch an weitere Schutt-Helfer.

Von Karoline Meta Beisel

Wer in München nach dem Krieg die Trümmer weggeräumt hat, über diese Frage wird in der Stadt seit ein paar Tagen heftig gestritten. Vor allem ehemalige Nationalsozialisten, sagen die beiden grünen Landtagsabgeordneten Katharina Schulze und Sepp Dürr - und berufen sich auf Recherchen des Münchner Stadtarchivs. Sie fordern darum, das Trümmerfrauen-Denkmal auf dem Marstallplatz zu entfernen. Damit würde das Andenken an die echten Trümmerfrauen in den Dreck gezogen, kritisieren die Gegner der Aktion der beiden Abgeordneten.

Zeitzeugen gibt es nicht mehr viele, dem Stadtarchiv zufolge halfen in München etwa 1500 Menschen bei den Aufräumarbeiten, davon 200 Frauen. Eine von ihnen ist die 86-jährige Frau, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie hat die Debatte der vergangenen Tage verfolgt.

Ein Aspekt sei darin bislang zu kurz gekommen: "Die Nazis haben nach dem Krieg uns Trümmerfrauen beaufsichtigt", sagt sie. Mit zwei anderen Frauen habe sie in der Altstadt im Tal gearbeitet, Ziegel mit einem Hammer vom Mörtel befreit - ohne diese Mithilfe hätte man keine Essensmarken bekommen.

"Am Isartor standen zwei oder drei Männer, die mussten jeden Tag unterschreiben, dass wir da waren." Einer dieser Männer sei ein "150-prozentiger Nazi" gewesen: "Der wohnte früher bei mir im Haus. Im Krieg hat der mir mal einen Stahlhelm gegeben und mich aufs Dach geschickt zum Ausschau halten, ich sollte Bescheid sagen, wenn die Lightning-Flugzeuge kommen. Wie das gepfiffen hat, wenn die Bomben gefallen sind!"

Nach dem Krieg habe eben dieser Mann am Isartor an der Buckelbahn gestanden, die die Loren voller Schutt zum Schuttberg brachte. "Ich wog nur 40 Kilo und war oft zu schwach, meine Eimer in die Lore zu leeren. Aber statt zu helfen hat er mich geschimpft: Schneller, Mädchen!"

Die rechte Gesinnung, die sei nach dem Krieg nicht weg gewesen, die Unterdrückung sei bis 1948 weitergegangen. Die Zahlen des Stadtarchivs mag sie nicht beurteilen: Weiter als bis zum Marienplatz sei sie von ihrer Wohnung im Tal aus - ausgebombt, ohne Tür und ohne Fenster - sowieso kaum gekommen. "Mein Eindruck war aber: Es waren lauter Frauen, die mit mir beim Trümmerräumen geholfen haben. Und die Nazis hatten zum Teil noch ihre Stiefel an und haben uns die Kommandos gegeben."

Man habe sich bei der Polizei für die Marken registrieren müssen und sei dann einem bestimmten Lebensmittelgeschäft zugewiesen worden. Trotzdem hätten sie oft gehungert, weil es in den Geschäften nichts zu holen gab. "Die damalige Zeit, die ersten Jahre nach dem Krieg, das war die härteste Zeit meines Lebens."

Eine andere Frau erzählt von ihrem mittlerweile verstorbenen Mann, der nach dem Krieg an der Fachschule in der Lothstraße studieren wollte: "Das durfte er aber erst, nachdem er eine bestimmte Anzahl Stunden Trümmer geräumt hatte." Die Studenten seien verpflichtet worden, mitzuhelfen, hätten später auch die Gebäude der Schule mit den Backsteinen selbst wiederaufgebaut. Sie selbst, Jahrgang 1937, sei dafür noch zu jung gewesen.

Die meisten Frauen hätten in den Jahren nach dem Krieg zunächst bei sich zu Hause Schutt weggeräumt: "Wir hatten in diesen Jahren andere Sorgen, als uns in irgendwelche Listen eintragen zu lassen." Aber auch sie erinnert sich daran, dass über die früheren Nationalsozialisten, die beim Schutträumen halfen, in der Zeitung berichtet wurde: "Das war ja auch richtig so: Warum hätten die einfach rumsitzen sollen?"

Die andere Zeitzeugin findet, dass das Denkmal am Marstallplatz erhalten bleiben soll: "Selbst, wenn es hier nur eine einzige echte Trümmerfrau gegeben hätte, so darf man der doch trotzdem gedenken." Alle, die geholfen haben, hätten schließlich zum Wiederaufbau der Stadt München beigetragen. "Ich bin in keiner Partei, die sollen machen, was sie wollen. Aber ich finde es nicht richtig, dieses Denkmal wegzuräumen."

© SZ vom 12.12.2013/wib

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite