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Trudering:Zwischen den Welten

Er sammelt die spannenden Lebensgeschichten von Migranten: der Deutsch-Türke Zeki Genc.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

An diesem Dienstag wird in Trudering das "Museum der deutschen Migrationsgeschichte" eröffnet. Die Ausstellung thematisiert das mitunter schwierige Leben ehemaliger Gastarbeiter, ihrer Familien und der folgenden Generationen

Von Renate Winkler-Schlang, Trudering

Es begann mit einem Traktor und endet, zumindest vorerst, in einem Truderinger Keller. Den Traktor, den brauchte der Vater von Zeki Genc und deshalb wurde er - zunächst für ein Jahr - Gastarbeiter in Deutschland. 1961 war das. Im Keller des Truderinger Familienzentrums am Dompfaffweg eröffnet an diesem Dienstagvormittag der Sohn Zeki Genc, inzwischen 52 Jahre alt und nach eigenen Worten ein Deutsch-Türke und kein "Ausländer", das "Museum der deutschen Migrationsgeschichte".

Eigentlich, so findet Genc, sollte das Einwanderungsland diese Aufgabe stemmen und die Geschichte der Migration dokumentieren, doch da fehle es wohl an Wertschätzung, denn bei den Gastarbeitern habe es sich meist um Hilfsarbeiter und Putzfrauen gehandelt. Aber längst gebe es die zweite, die dritte Generation, die blieb: "Wir sind die neuen Deutschen - und jetzt machen wir es." Bayerisches Institut für Migration (Bim), heißt der Trägerverein, dessen Initiator und Vorsitzender Genc ist. Zuvor schon hat er die "Türkische Gemeinde in Bayern" gegründet, mit dem Ziel vielfältiger Unterstützung: "Wir werden diskriminiert, obwohl wir integriert sind", sagt er. Diskriminiert auch von der Türkei: Wer Deutscher werden wolle, verliere etwa dort komplett alle bis dahin erworbenen Rentenansprüche. Mit der Zeit hörte er so viele Geschichten, die Idee der Dokumentation lag nahe. Genc ist ein gebildeter, ein gut ausgebildeter und engagierter Mann. Er hat Abitur, ein paar Semester studiert, bis es, ohne Bafög und mit Nachtschichten zum Geldverdienen, einfach nicht mehr ging. Er war Layouter und Designer für Zeitschriften bei großen Verlagen, auch Betriebsrat. Der Deutsch-Türke mit dem deutschen Pass kann nicht nur einwandfrei Deutsch, er beherrscht auch die Zwischentöne: "Wir müssen unsere Geschichte dokumentieren, sonst bleibt am Ende nur eine Aldi-Tüte", sagt er in ironischer Anspielung auf Ausländer-Klischees.

Und dabei ist es so viel mehr, was bleiben sollte, an Dingen, an Dokumenten, an Erfahrungen, Lebensgeschichten. Genc ist ein leidenschaftlicher Sammler mit einem Gefühl für die Wirkung der Dinge. Er greift in einen Stapel von Decken und breitet eine aus: Die Blaue Moschee und die Brücke über den Bosporus sind hineingewebt, in den allerkitschigsten Farben. "Sowas hatten wir früher alle."

Dazu brauchte man aber erst mal ein Wohnzimmer. Bei seinen Eltern hat das gedauert: Der Vater war zwar mit dem Geld für den Traktor, verdient bei einem Landwirt, wieder zurück gegangen. Doch der Traktor ging kaputt, ein paar Jahre später. In den Siebzigern brauchte Deutschland eher Frauen in den Fabriken, also zog die Mutter nach Deutschland, füllte Kürbisse in Dosen. Der Vater folgte, arbeitete im Sägewerk. Der damals achtjährige Zeki und sein kleiner Bruder blieben zurück in der Obhut der Großfamilie: "Ich dachte, die Eltern sind tot, und sie sagen es uns nicht." Später rief er den Flugzeugen am Himmel nach: "Bring meine Eltern zurück." Gesehen hat er sie aber nur sechs Wochen im Sommer: "Vier Mal ging das so."

Dann war langsam klar: Die Eltern würden bleiben, die Kinder wurden nachgeholt, doch die Familie landete erst einmal in einem Wohncontainer mit Türken und Kurden. "Ich hab zuerst Kurdisch gelernt, Deutsche kannten wir da nicht." Als er 19 war, wollten die Eltern, trotz längst erlangten Wohnzimmers, zurück in ihre Heimat. Es gab viel Ausländerfeindlichkeit in der Ära Kohl - und Rückkehranreize für die Türken. Zeki Genc und sein Bruder entschieden sich für Deutschland, nur der Kleinste ging mit in die alte Heimat: "Wir waren wieder getrennt, nur andersrum", sagt Genc. Heimat? Das ist für ihn heute vor allem Sprache. Er spricht Deutsch, hat aber auch sein Kinder-Türkisch längst aufgebessert. Er sei Münchner, Bayer, Deutscher, Deutsch-Türke - die Summe daraus empfindet er als Reichtum.

Diese Erkenntnis soll auch das Museum befördern, das die Vereinsmitglieder aus eigener Tasche finanzieren. Die Vitrinen sind leer, fertig ist hier gar nichts. Das sei gewollt: Graue Kladden, die das Stadtarchiv, mit dem Genc zusammenarbeitet, zur Verfügung gestellt hat, enthalten jeweils die Quintessenz eines Lebens, das in einem anderen Land, in Griechenland, Italien, Slowenien, "oder in der Lüneburger Heide" begann. Fotos, Pässe, Bücher, wichtige Gegenstände. Deren Inhalt kommt in die Vitrinen. Manche Vitrinen aber bleiben auch leer, denn Genc hofft auf viele, die ihm ihre Schätze anvertrauen. Im Grunde hofft er, dass das kleine Keller-Museum bald aus allen Nähten platzt und sich irgendwann einmal ein besserer Ort findet. Einen großen Schatz aber hat er in seinem Computer - stundenlang erzählte Lebensgeschichten, Gastarbeitergeschichten, Einwanderergeschichten, aufgenommen hier im Keller in dem kleinen Studio, das er eingerichtet hat. Bereitwillig erzählen die Leute ihm von ihren Erfahrungen - froh, dass einer sie fragt, dass jemand ihnen zuhört.

Die Befragten schenken ihm Vertrauen und am Ende drei Steine und eine Handvoll Erde aus ihrem Geburtsland:Mit diesen Zutaten will er irgendwann den Grundstein legen und die Mauern bauen für ein großes Museum der deutschen Migrationsgeschichte. Nicht in Berlin, in München: "München ist das Tor zum Orient, in München kommen alle an. Sobald sie hier sind, ist ihre Geschichte auch unsere."

Das Museum am Dompfaffweg 10 hat künftig mittwochs von 16 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 0176/92 961 037 geöffnet. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht. An jedem zweiten Mittwoch im Monat schließt sich um 18 Uhr ein Erzählcafé an.

© SZ vom 27.10.2015

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