Trudering Reden bis zur Erschöpfung

Zu schön, um weg zu sein: Unterschriften sollen die Unnützwiese retten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Streit zwischen Kritikern und Befürwortern des Projekts "Wohnen für alle" auf der Unnützwiese geht weiter. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewofag will die Details erst Ende Januar 2017 vorstellen

Von Julian Raff, Trudering

Die meisten der rund 75 Zuhörer und Diskussionsteilnehmer hatten sich von der Sondersitzung zur Unnützwiese einen klaren Einspruch des Bezirksausschusses Trudering-Riem (BA) gegen die Bebauung erhofft - aber sie gingen nach drei Stunden enttäuscht nach Hause. Da die Gewofag ihre Pläne erst am 24. Januar im Detail vorstellen will, sahen sich alle BA-Fraktionen vorerst außerstande, eine Vorlage des Planungsreferates zu bewerten, die eine Bebauung längs der Bajuwarenstraße als Kompromiss festschreibt.

Immerhin bot der Abend Anwohnern, Stadtplanern und Politikern noch einmal Gelegenheit zu einem in jeder Hinsicht erschöpfenden Meinungsaustausch. Besonders intensiv nutzten dies die Vertreter der Bürgerinitiative (BI) "Rettet die Unnützwiese", die inzwischen ein Bürgerbegehren für die Freihaltung sämtlicher Münchner Grünflachen gestartet haben. Binnen weniger Tage haben sie hierfür etwa 1500 von 35 000 nötigen Unterschriften gesammelt.

Auf der Unnützwiese selbst, einer rund einen Hektar großen Grünfläche im südwestlichen Eck zwischen Unnütz- und Bajuwarenstraße, wollen Stadt und Gewofag 55 Wohnungen des im März beschlossenen Programms "Wohnen für alle" (WfA) bauen, eventuell auch ein paar weniger. Insgesamt sieht dieses stadtweit 3000 meist kleine Wohnungen für sozial Benachteiligte und anerkannte Flüchtlinge vor. Auf bohrende Bürger-Nachfrage versprach Gewofag-Geschäftsführer Klaus-Michael Dengler immerhin, dass an der Bajuwarenstraße kein Riegel geplant sei, sondern drei bis fünf Einzelbauten. Deren Höhe, so Dengler, orientiere sich mit zwei Geschossen plus Dach an der Umgebung, was allerdings schon der sogenannte Nachbarschafts-Paragraf 34 vorgibt.

In der Kritik steht, dass hier ohne Bebauungsplan gebaut werden soll. Allerdings, darauf wies Baudirektorin Ulrike Klar hin, könnte ein privater Investor noch weit mehr Baurecht ausschöpfen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Markus Blume zweifelt demgegenüber an der Gültigkeit des "34er" und sieht die Unnützwiese stattdessen als "Außenbereich im Innenbereich". Allerdings werde hier "die Zulässigkeit eher an der Notwendigkeit für Wohnungsbau gemessen als daran, was das Baurecht hergibt". Die Bürger applaudierten, Klar beruft sich hingegen auf "fundierte Prüfung" mit diesem Ergebnis: "Innenbereich mit einfachem Bauliniengefüge". Auch der Flächennutzungsplan, der die Wiese seit 2005 als allgemeine Grünfläche ausweist, ändere daran nichts. Er liefere nur eine "nicht parzellenscharfe", grobe Absichtserklärung. Der sei Genüge getan, wenn der rückwärtige Teil rund um Bolzplatz und Kindergarten frei bleibe.

Das war nicht die einzige Aussage, mit der sich Klar und die anderen städtischen Mitarbeiter giftige Zwischenrufe einhandelten. Noch gereizter als bei der BA-Sitzung Ende September agierten die Bürger. Sie sprachen von "Wildwest"-Gebaren, von der "Freigabe von Flächen zum Abschuss" und einer "handwerklich dermaßen schlechten Planung". Vor allem aber forderten sie mehr Transparenz, mochte sich der BA-Vorsitzende Otto Steinberger (CSU) auch schützend vor Klar und ihre Kollegen stellen. Diese, so Steinberger, dürften nicht aus geheimen Ratsprotokollen zu Grundstücksgeschäften zitieren.

Abermals verteidigen mussten auch die Stadträte Sebastian Schall (CSU), Ingo Mittermeier (SPD) und Herbert Danner (Grüne, auch im BA) ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem Vorhaben im Zuge eines stadtweiten Verteilungskompromisses. Ohne Zugeständnisse à la Unnützwiese "müssten wir das WfA-Programm" komplett streichen", erklärte Schall. Genau dies forderte ein Teil des Publikums per Zwischenruf.

Klar herunter gespielt wird aus Bürgersicht der Bedarf an Kinderbetreuung und an Parkplätzen, obwohl der Stellplatzschlüssel mit 0,3 Plätzen pro Wohnung um ein Dreifaches über dem zuletzt verbreiteten Wert liegt. In seinem Verschiebungsbeschluss auf die Zeit nach dem 24. Januar greift der BA als vorläufige Absichtserklärung einen CSU-Antrag auf, der fordert, den verbleibenden Bolz- und Spielplatz rechtlich vor einer Bebauung nach Paragraf 34 zu schützen. Gute Nachbarschaft wäre auch damit nicht garantiert: Einzelne Anwohner befürchten schon Nachbarklagen und ein Truderinger Pendant zur "Perlacher Mauer".