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Trudering:Die Käfer und ihre Kandidaten

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Hilft mir denn keine? Werner Hartmann alias Dieter Reiter liegt als Marienkäfer auf dem Rücken, Elisabeth Grünebach (links) und Kristin Sikder helfen ihm - wie das bei Insekten auf der Bühne üblich ist.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Winfried Frey und sein Ensemble präsentieren sich bei der 20. Ausgabe des "Truderinger Ventils" in Hochform. Beim Derblecken im Münchner Osten treten die Politiker als Insekten auf und merken, wie ihnen der Mensch zusetzt

Von Berthold Neff, Trudering

Damit hat wohl keiner gerechnet: Kaum sieben Monate ist es her, dass der Landtag das Volksbegehren "Rettet die Bienen" zum Gesetz gemacht hat, und schon wimmelt es auf der Bühne des Kulturzentrums Trudering von Insekten aller Art, die nicht nur kriechen, krabbeln und springen können, sondern auch tanzen und singen. "Auf unserer grünen Wiese" lautet das Motto dieser Jubiläumsausgabe vom "Truderinger Ventil", dem Politiker-Derblecken des Münchner Ostens, das an diesem Sonntagnachmittag zum 20. Mal über die Bühne geht, zum 10. Mal unter der künstlerischen Leitung von Winfried Frey.

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Und auch diese Ausgabe, pünktlich zur spannenden Kommunalwahl, wird vom Publikum im ausverkauften Saal gefeiert. Das liegt zum einem am Singspiel selbst, bei dem die drei Kandidaten für den Chefsessel im Rathaus nicht fehlen dürfen. Werner Hartmann spielt, als Marienkäfer, den Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD), Kristin Sikder gibt seine CSU-Konkurrentin Kristina Frank und Elisabeth Grünebach hopst als die Grüne Katrin Habenschaden über die Bühne. Etwas im Ungewissen bleibt, warum auch die Landtagspräsidentin Ilse Aigner (verkörpert von Michaela Heigenhauser) da sein darf. Vielleicht nur, um den anderen Frauen beizustehen, die OB Dieter Reiter wieder auf die Beine verhelfen. Er liegt nämlich, niedergestreckt von einem Crossbiker, zappelnd auf dem Rücken, wie das Marienkäfer so zu tun pflegen. Da hat er kurz auch seine rote Gitarre im Miniaturformat verloren, die er so liebt und die er, seitdem er den Liedermacher Roland Hefter als seinen Wunschkandidaten auf die Stadtratsliste hievte, praktisch immer braucht.

Kristin Sikder benötigt solche Accessoires nicht, um die CSU-Kandidatin Kristina Frank zu spielen. Es reichte das auf so vielen Plakaten in der Stadt zu sehende Lächeln und ein frivoles Outfit im Stil der Zwanzigerjahre. Darauf anspielend, dass Kristina Frank Kommunalreferentin ist, singt sie: "Ich will auf den Balkon, alles andere kenn ich schon." Sollten die Bayern Deutscher Meister werden, wäre schon bald Gelegenheit dazu. Man muss halt nur gewinnen. Als dann ihr Slogan "Wieder München werden" ertönt, kommen Lacher aus dem Publikum. Auf den Balkon will auch Katrin Habenschaden: "Geht alle wählen in 14 Tagen, ich mach mein Kreuzchen bei Habenschaden." Währenddessen muss Petra Auer, die als Schnecke auf die Bühne kommt, ständig Ausschau halten, weil die Menschen und ihre Maschinen alle Tierchen bedrohen. Sie spielt ihre Rolle als Schnecke so gut, dass sie bei den Liedern nie im Takt, sondern immer mit Verspätung klatscht. Ihr Mann, der Regisseur und Fastenprediger Winfried Frey, hat ein mindestens so gutes Timing. Und er kann, schließlich gehörte er mal zum Ensemble der Volkssängerbühne Platzl, sehr gut singen. Als eine Abgaswolke dem ganzen Insekten-Ensemble den Garaus macht, überlebt er als einziger, wohl als Schabe. Danach, in seiner Fastenpredigt, zieht er sie alle durch den Kakao. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend, die auf einem Gruppenbild mit Oberbürgermeister alle CSU-ler wegretuschierte, den Ex-SPD-Fraktionschef Alexander Reissl, der zur CSU wechselte ("Da war ja der Michael Jackson langsamer mit dem Farbwechsel") oder OB Dieter Reiter, der nicht nur stark abgenommen hat, sondern auch - die Plakate sprechen für sich - so vital wie nie wirkt: "Da hat man ja das Gefühl, der jüngere Bruder kandidiert." Dies und alles andere nimmt das Kandidaten-Trio für die OB-Wahl mit Vergnügen hin. Und das Publikum dankt Winfried Frey mit einem ganz langen, stürmischen Applaus.

© SZ vom 02.03.2020