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Trudering:Des einen Freud, des andern Leid

Bis zu elf Meter verschiebt sich die Trasse nach Berechnungen der Anwohnergemeinschaft Richtung Heltauer Straße, im Bild Peter Brück.

(Foto: Privat)

Die Bahn erwägt, beim Ausbau des Güterverkehrsknotens München-Ost Gleise zu verschieben. Damit würde die neue Trasse an manchen Stellen ein paar Meter von den Wohnhäusern abrücken, an der Heltauer Straße aber näher heran

Von Nicole Graner, Trudering

Kleine verwinkelte Wege, kleine Häuschen. Und vor allem: kleine Gärten. Ganz individuell gestaltet. Mal mit Keramikfiguren, mal mit außergewöhnlichen Futterhäuschen für die Vögel. Ganz hinten in der Heltauer Straße kommt man zu Hausnummer 96. Es ist das letzte Haus in der Reihe, ganz nah am Bahndamm. Ein paar Holzstufen führen zur Böschung hinauf. Von dort aus blickt man auf die Zuggleise, auf die Schatzbogenbrücke. Eine S-Bahn rattert vorbei.

Bald könnte es für die Anwohner der Heltauer Straße noch lauter werden. Denn die Deutsche Bahn AG hat im Oktober in einem Webcast zum viergleisigen Ausbau der Strecke Zamdorf-Johanneskirchen sowie zur Truderinger und Daglfinger Kurve und Spange (TDKS) eine neue Trasse ins Spiel gebracht, eine Alternative zur ursprünglich propagierten Amtstrasse A0. Diese so genannte Trasse A1 würde laut Bahn an der Thomas-Hauser-Straße durch Verschiebung der Gleise in Richtung Norden bis zu "ungefähr fünf Meter Spielraum" bringen. Die Gleise würden also weiter von den Häusern abrücken. Dafür aber kämen die Gleise, wie eine Zeichnung auf der Bahn-Webseite www.abs38.de/dialog-dtk.html zur neu angedachten Streckenführung zeigt, an der Heltauer Straße dicht an die Wohnbebauung heran. Sehr dicht.

Detaillierte Angaben macht die Bahn dazu auf der Webseite nicht und verweist im Frage-Antwort-Katalog zum Webcast der Projekte Daglfinger und Truderinger Kurve darauf, dass "die Variante A1 aktuell noch ausgeplant" werde. Sobald finale Ergebnisse vorlägen, würden sie auf der Webseite der Öffentlichkeit vorgestellt. Das soll, laut Bahn, Anfang dieses Jahres der Fall sein. Die Anwohnergemeinschaft Truderinger und Daglfinger Kurve und Spange (TDKS) hat jedoch auf Basis der Bahn-Zeichnung schon jetzt recherchiert und die Abstände zu den Wohnhäusern selbst errechnet. Ausgangspunkt sind Angaben des Eisenbahnbundesamtes. Bis zu elf Meter werde demnach die Trasse in Richtung Heltauer Straße verschoben. Hieße, dass eine Lärmschutzwand bis zu drei Meter an die Gartengrenze der Hausnummer 96 und der anderen Häuser heranrücken könnte.

Auch müsste, so erklärt Peter Brück von der Anwohnergemeinschaft, die Schatzbogenbrücke zu einem Teil, nämlich auf Höhe des jetzigen Brückenwiderlagers, abgerissen, verlängert und ein weiterer Pylon eingesetzt werden. Das neue Brückenwiderlager würden dann zirka 30 Meter ebenfalls in Richtung Heltauer Straße verschoben. In der Darstellung der Bahn sind die Änderungen rot markiert zu sehen.

Ein Grund für die neue Gleisführung und den Brückenumbau könnte, so glaubt Brück, die Entschärfung der Gleiskurve sein. Auf dem bestehenden Gleis könnten die Güterzüge nur mit 80 Kilometer pro Stunde fahren, mit dem Umbau würde die Kurve "stumpfer". Dann wäre eine höhere Geschwindigkeit möglich. Alles in allem eine "Verschlimmbesserung", urteilt Brück.

Ein Anwohner der Heltauer Straße sitzt auf der Terrasse seines kleinen Häuschens direkt am Bahndamm. Auf die möglichen Veränderungen durch die Trasse A1 angesprochen, zeigt er sich verwundert. Von möglichen Plänen einer neuen Bahntrasse wisse er nichts. "Aber", sagt der Anwohner, "dann wird es ja viel lauter."

Auch am Bahnübergang der Xaver-Weismor-Straße, wo die Häuser fast direkt an den Gleisen liegen, sollen nach Auskunft der Bahn, die Gleise mit der Variante A 1 "etwas nach Westen abgerückt" werden. Maximal, so zeigen es die Pläne auf der Homepage, wären das bis zu drei Meter. Die Bahn erklärte im Webcast im Oktober, dass sie diese Stelle besonders im Auge habe. Aber wer vor dem Übergang steht und auf das Haus Xaver-Weismor-Straße 2c blickt, ahnt, dass die Verschiebung keine großen Lärm-Entlastungen bringen dürfte. Außerdem wären die Zufahrten zu den Häusern - auch für Müllabfuhr und Krankentransporte - nach wie vor schmal.

Momentan fahren auf Höhe der Heltauer Straße, so haben es Anwohner den Vertretern der Anwohnergemeinschaft geschildert, etwa 60 bis 70 Güterzüge in 24 Stunden. "Exakte Verkehrsmengenzahlen für den Nordzulauf zum Brenner-Basistunnel" hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher 2020 erfragt. Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) bezieht sich in ihrer Antwort auf den Bemessungsfall an der Grenze Deutschland/Österreich bei Kiefersfelden und nennt "insgesamt 400 Züge am Tag". "Dabei entfallen auf den Schienenpersonenfernverkehr (SPFV) 80 Züge, auf den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) 48 Züge und auf den Schienengüterverkehr (SGV) 272 Züge", schreibt Schreyer weiter.

Treffen diese Zahlen zu, abzüglich der Züge, die nach Salzburg abbiegen, könnten 239 Züge des SGV zum Nordring geleitet werden. Das sind auf dieser Strecke noch einmal 100 Güterzüge mehr als von der Bahn berechnet. Nach deren Zahlen würden 139 Züge über die Truderinger Spange Richtung Johanneskirchen fahren und etwa 90 über die Truderinger Kurve Richtung Mühldorf abzweigen. Die zusätzlichen Güterzüge würden auch, falls die Trasse A1 realisiert werden sollte, die Anwohner der Heltauer Straße deutlich zu spüren bekommen.

© SZ vom 14.01.2021
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