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Travestiekünstler Miss Piggy:Morgens Mann, abends Frau

Selbst Freddie Mercury lag ihm zu Füßen: Peter Ambacher ist Münchens bekanntester Travestiestar, Abend für Abend verwandelt er sich in Miss Piggy. Die Zuschauer lieben seine Schlüpfrigkeiten.

Ein Schluck Bier? Miss Piggy ist entsetzt über das Angebot eines Zuschauers, sie raunt mit dunkler Stimme: "Ich bin doch kein Bauarbeiter, ich bin eine Dame." Dann wirft sie einen verächtlichen Blick ins Publikum, klimpert mit den Wimpern und greift stattdessen zu einem Sektglas. Miss Piggy trägt ein eng anliegendes, rotes Abendkleid. Eine voluminöse, rötliche Perücke versteckt das kurze dunkelblonde Haar. Der rote Lippenstift hinterlässt einen Abdruck auf dem Glas. Miss Piggy heißt in Wirklichkeit Peter Ambacher. Der 62-Jährige ist Münchens wohl bekanntester Travestiekünstler.

Zwei Stunden benötigt Peter Ambacher in der Garderobe des Oberanger Theaters, bis er zu Miss Piggy wird.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Derzeit ist die Weihnachtsshow "Christmas Follies" im Oberanger Theater zu sehen. Zweieinhalb Stunden stehen Miss Piggy und ihre Travestiepartnerin Gene auf der Bühne, zwanzig Mal ziehen sie sich dabei um, kaum drei Minuten Zeit haben sie, um in ein neues extravagantes Kleid zu schlüpfen, sich umzuschminken und sich erneut in ein Wesen des anderen Geschlechts zu verwandeln. Gegen Ende der Show tanzt Miss Piggy zu den Klängen von Schwanensee Ballett. 80 Kilo auf einer Fußspitze. Das Publikum klatscht, lacht, johlt.

Einen Tag später sitzt Peter Ambacher in seiner Wohnung am Arabellapark. Die Stühle sind im Leopardenmuster überzogen. Eine komplette Wand des Raumes ist verspiegelt. Das Bett steht in einer Ecke, davor eine goldene Statue. Ambacher lebt hier mit seinem Ehepartner, den er vor einem Jahr heiratete. Statt Abendkleid trägt der Travestiekünstler nun einen weiten Kapuzenpullover, statt Perücke eine Schirmmütze. Die Statur: sportlich. Er raucht - und erzählt, wie vor etwa 35 Jahren Miss Piggy in sein Leben trat.

Ambacher, der aus Tübingen stammt, hatte bereits eine Ausbildung zum Weber und zum Krankenpfleger absolviert, als es ihn in den siebziger Jahren nach München verschlug. Er bediente tagsüber im Ratskeller, abends streifte er durch die Münchner Innenstadt. Eines Nachts steckte er seinen Kopf ins Frisco, jener legendären Schwulenbar in der Blumenstraße im Glockenbachviertel, in deren Räumen heute die Cocktailbar Padres untergebracht ist. Kurze Zeit später heuerte Ambacher im Frisco als Barkeeper an, schließlich wurde er Teilhaber des Lokals. Am Wochenende um Punkt Mitternacht, wenn die umliegenden Bars schlossen, stürmten die Gäste hinein in seine Bar - und die Frisco-Girls die Bühne, um ihre frivole Show aufzuführen.

Eines Nachts, Ende der Siebziger, erschien Ambacher zum Spaß mit einer Schweinenase zum Dienst. Ein paar Tage zuvor hatten sie in der Bar ein Spanferkel gegrillt und einige scherzten, das Tier sehe Ambacher ähnlich. Die Gäste lachten über seine Verkleidung, sein Geschäfts- und Lebenspartner sagte: "Da machen wir eine Bühnennummer draus." Es folgte Miss Piggys erster Auftritt.

Schon kurze Zeit später trat Ambacher regelmäßig um Mitternacht im Frisco auf, die Kostümierung wurde außergewöhnlicher, einmal zog er sich Frauenkleider an - und merkte: Es fühlt sich für ihn nicht komisch an, er kann sich darin gut bewegen, er hat Ausstrahlung, die Zuschauer lachen noch lauter als sonst. Ambacher ließ sich den Namen patentieren: Jim Henson, der Erfinder der Miss Piggy aus der Muppet-Show, gab seine Erlaubnis.

Travestiekünstler Miss Piggy

Ein Mann, eine Frau