Festival:Der Klang Jerusalems

Die 41. Traunsteiner Sommerkonzerte feiern die israelische Musik. Beim Auftaktkonzert begeistern Harfenistin Silke Aichhorn und das Ensemble 4.1.

Von Egbert Tholl, Traunstein

Hier in Traunstein wird das Publikum vom Bürgermeister begrüßt. Christian Hümmer hält eine gute, sehr persönlich anmutende Rede. Er freut sich, dass mit dem Beginn der Traunsteiner Sommerkonzerte der Sommer zurückkehrt, dass dieses erlesene Kammermusikfestival nun zum 41. Mal stattfindet und dass es in diesem Jahr den Themenschwerpunkt israelische Musik hat - "Israel ist der Ursprung unserer Kultur, die ja zweifellos im Judentum liegt". Und er gedenkt Imke von Keisenberg, die die Sommerkonzerte seit 2012 künstlerisch leitete und Ende vergangenen Jahres überraschend gestorben ist: "Diese Ausgabe des Festivals ist eine Hommage an sie." Tatsächlich hatte sie ein besonderes Gespür für Künstler und Konzertprogramme. Ihr Gatte und ihre Tochter setzen ihr Werk fort.

So eben in diesem Jahr, noch bis zum 7. September im sensationell renovierten Kulturforum Klosterkirche: israelische Musik, in Korrespondenz gesetzt zu mitteleuropäischer. Im Auftaktkonzert spielt Silke Aichhorn zwei Solostücke an der Harfe, das Ensemble 4.1 ein Stück von Avner Dorman und eines von Beethoven. Das Ensemble ist ein Quintett, bestehend aus vier Holzbläsern und Klavier, da landet man bei der Suche nach Repertoire recht schnell bei Beethovens Klavierquintett op.16 - kein formensprengendes Spätwerk, aber doch ist es beeindruckend, wie Beethoven für jedes der vier Blasinstrumente seiner Klangfarbe entsprechend komponiert. 4.1 spielt frei, luftig, mit inniger Schlichtheit im zweiten Satz. Israelische Musik ist ein Amalgam. In ihr finden sich Musiken der Kulturen, die das Land umgeben oder vor der Staatengründung dort lange Zeit schon existierten und existieren. Dazu kommen oder kamen die Einflüsse der vielen aus Europa vor den Nazis geflohenen Künstler. Kennt die Musik eines Landes den Pass ihres Komponisten?

Orientalische Tänze, Klagemauer, Hochzeit - und dann hört man eine Explosion

Ami Maayani wurde 1936 in der Nähe von Tel Aviv geboren, als es den Staat Israel noch nicht gab. Viele Jahre später gründete er das Nationale Israelische Jugendorchester, war Vorsitzender der israelischen "Composers League" und komponierte. Zum Beispiel das Harfensolo "Maqamat" - eine reich verzierte Arabeske, in der Themen jüdischer Musik sacht verarbeitet werden und eine zarte Melancholie herrscht. Silke Aichhorn spielt das so schön wie "Chat without words" von Al Ravin, einem im Hören nicht unbedingt überbordend anspruchsvollen Stück, das aber seinen Titel sehr konkret in reine Musik übersetzt. Ja, es ist ein Lied ohne Worte - Aichhorn widmet es Imke von Keisenberg.

Ravin, Jahrgang 1947, stammt aus Israel, Avner Dorman, Jahrgang 1975, auch. Letzterer schrieb den "Jerusalem Mix" für Holzbläser und Klavier, eine Art Tondichtung der Lebenswirklichkeit in Israel. Der Titel rührt von einem in der Stadt beliebten Gericht: Pita-Brot mit allen Resten des Tages. Klingt im ersten Satz nach orientalischen Tänzen, dann geht es zur Klagemauer voller Weinen, Klagen, ja instrumentalem Schreien, danach zu einer Hochzeit, deren Gäste in fortgeschrittenem Zustand sind. Plötzlich ein Krachen im Klavier. Eine Explosion. So gemeint, und so zu hören. Nach dem Anschlag ein musikalisches, muslimisches, sehr inniges Gebet für Frieden. Zurück zum Anfang. Doch der Mix klingt nun anders. Wund.

© SZ/chj/arga
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