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Trauerfeier im Landtag:"Sie werden uns nicht zwingen zu hassen"

Bavaria Commemorates Shooting Spree Victims

Bundespräsident Joachim Gauck kam am am Sonntag zu den Trauerfeiern nach München.

(Foto: Getty Images)

Es ist eine Rede zur Seelenlage der Nation: Bundespräsident Joachim Gauck sprach beim Trauerakt im bayerischen Landtag zu den Angehörigen der Opfer des Amoklaufs, aber auch zu den verunsicherten Bundesbürgern. Die SZ dokumentiert das Manuskript der Rede in Auszügen:

In Momenten wie diesen stehen wir fassungslos vor den Abgründen der menschlichen Existenz. Wir erschrecken erneut davor, was Menschen Menschen antun können. Nicht nur in irgendeiner Ferne, sondern hier, in unserer gewohnten Umgebung, so verstörend nah und deshalb so extrem erschreckend. Taten wie diese lassen uns erstarren, sie führen uns an die Grenze dessen, was wir ertragen können.

Wer auch immer glaubt, seine Person oder sein Dasein gewinne an Bedeutung, wenn er möglichst vielen selbstherrlich und willkürlich das Leben nimmt, soll wissen: In diesen Abgrund des Denkens werden wir ihm nicht folgen.

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Worüber wir aber erneut nachdenken müssen, das sind die Ursachen, die Menschen wie den Täter von München zu derart mörderischen Taten treiben. Da stoßen wir auf junge Männer mit labilen Charakteren, die sich von ihrem Umfeld gedemütigt, ausgegrenzt, nicht angenommen sehen.

Oft sitzen sie vor dem Computer auf der Suche nach Vorbildern, die sich an diesem Umfeld mitleidlos rächen und in der medialen Berichterstattung dann zu trauriger Berühmtheit gelangen. Das ist eine Realität, die Angst macht. Wieder stellt sich die Frage der Verantwortung, die für Betroffene, für Freunde und Familie, für Ärzte, ja, für die ganze Gesellschaft erwächst.

Allzu schnelle Schlüsse verbieten sich: Weder steckt in jedem, der eine Persönlichkeitsstörung aufweist, ein Straftäter; noch entlässt sie einen Straftäter gleich aus seiner persönlichen Verantwortung. Gewiss ist aber: Diese Menschen planen ihre Tat meist lange und präzise voraus. Es gibt oft Anzeichen für die Entwicklung - wenn man sie denn wahrnehmen will und kann. Die Gesellschaft darf diese Menschen, gerade junge Menschen, nicht allein lassen und dulden, dass sie auf gefährliche Weise zu Randständigen werden.

Bei allem Entsetzen, bei aller Trauer, bei allen offenen Fragen hat der 22. Juli auch gezeigt, wozu der Mensch in seinen besten Momenten fähig ist. Gerade im Angesicht von Unglück, Katastrophe und Verbrechen offenbart er sein menschliches Gesicht. Vor gut einer Woche stand der Tat eines Einzelnen die Solidarität unendlich Vieler gegenüber. Auf das, was Angst und Schrecken verbreiten sollte, antworteten die Münchner, indem sie ihre Türen öffneten und Hilfe anboten. Das hat mich sehr bewegt ebenso wie die Anteilnahme aus aller Welt. In der Gemeinschaft der Vielen, die sich ein friedliches Miteinander wünschen, können wir das Vertrauen wiederfinden, das wir jetzt so dringend brauchen. Die Abfolge immer neuer Gewalttaten, die wir in diesen Jahren erleben, plötzlich so nah, in so kurzen Abständen, scheinbar ohne Ende, all das entsetzt uns. Ich verstehe gut, warum viele sagen, sie seien verunsichert. Warum sie sich fragen, ob sie noch ins Konzert, ins Kaufhaus, in die Kirche gehen können.

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