Trauerfeier für Scharnagl Kritisch nach innen, loyal nach außen

Peter Gauweiler spricht bei der Trauerfeier für Wilfried Scharnagl.

(Foto: Florian Peljak)

Wilfried Scharnagl verkörperte in der CSU bis zum Schluss die Ära Strauß und analysierte die Politik seiner Partei oft scharfzüngig. Beim Gottesdienst in der Kirche St. Ludwig ist die Anteilnahme riesig.

Von Peter Fahrenholz

Was für eine Pointe ganz zum Schluss. Ausgerechnet in die Trauerfeier für Wilfried Scharnagl sickert die Nachricht vom Rückzug Angela Merkels als CDU-Vorsitzende. Was Scharnagl dazu wohl gesagt hätte? "Das hätte ihm gefallen", sagt sein Weggefährte Peter Gauweiler später. Scharnagl, zu dessen Anliegen es zeitlebens gehört hat, Linksabweichungen in der Schwesterpartei CDU zu geißeln, hat Merkel stets für ein Unglück gehalten. Die Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel war ihm ein Graus, Merkels Flüchtlingspolitik sowieso. Vermutlich sehen das 99 Prozent der Trauergemeinde, die sich an diesem Morgen in der Kirche St. Ludwig in der Münchner Ludwigsstraße versammeln, ganz genauso. "Jetzt werd's nimmer lang Kanzlerin bleiben", flüstert ein langjähriges Münchner Kabinettsmitglied zurück, als man ihm die Nachricht zugeflüstert hat.

Scharnagl war das Alter Ego von Franz Josef Strauß, der sich immer für den besseren Kanzler gehalten hat und es nie geworden ist. Der Strauß-Satz über Scharnagl ("Er schreibt, was ich denke, und ich denke, was er schreibt") wird in den Trauerreden noch mehrmals bemüht werden. Für Scharnagl ist Strauß im Grunde immer lebendig geblieben, die Politik der CSU im Geist von Strauß fortzusetzen, war sein vielleicht wichtigster politischer Antrieb. Scharnagl sei "eine Art geistiger Testamentsvollstrecker" von Strauß gewesen, sagt Ministerpräsident Markus Söder.

In der CSU hat Scharnagl die Ära Strauß wie kein Zweiter bis zum Schluss gewissermaßen unverwässert verkörpert. So lange es seine zum Schluss angegriffene Gesundheit zuließ, hat er keine CSU-Vorstandssitzung versäumt und dort keineswegs schweigend auf der Hinterbank gesessen. Scharnagl sei "kritisch nach innen und loyal nach außen gewesen", sagt Edmund Stoiber, Bayerns ehemaliger Ministerpräsident und CSU-Chef, in seiner Trauerrede. Das "kritisch nach innen" war für die Betroffenen oft ziemlich schmerzhaft, denn Scharnagl war ein brillanter, scharfzüngiger Analytiker.

Wenn so jemand stirbt, ist die Anteilnahme riesig. Fast scheint es zu sein, als sei in der Ludwigskirche nicht nur die alte, sondern die ganz alte CSU noch einmal zusammengekommen, so viele Gesichter aus der Ära Strauß sieht man. Und es zeigt sich, dass auch an einem solchen Tag die in langen Jahren gewachsenen und gepflegten Abneigungen in der CSU nicht außer Kraft gesetzt werden. Als Theo Waigel, neben Stoiber der andere Ehrenvorsitzende der CSU, kommt, nimmt er in der ersten Reihe Platz, maximal weit entfernt von Peter Gauweiler, der auf der anderen Seite des Mittelgangs ebenfalls in der ersten Reihe sitzt, zusammen mit den Familienangehörigen.

Mit dem Europaskeptiker Gauweiler, der einst den Euro, für den Waigel gekämpft hat, als Esperantogeld geschmäht hatte, verbindet Waigel nur wenig. Als Ministerpräsident Markus Söder wenig später kommt, setzt er sich ebenfalls in die erste Reihe, lässt aber zwischen sich und Waigel ein paar Meter Sicherheitsabstand. Waigel soll mal über Söder gesagt haben, wenn der Ministerpräsident werde, trete er aus der CSU aus. Edmund Stoiber macht es wie immer, er kommt als Letzter aus der Führungsriege, zwei Minuten vor Beginn des Gottesdienstes. Auch er setzt sich nicht direkt neben Waigel, sondern hat seine Frau Karin als Puffer dazwischen. Waigel und Stoiber haben eine feste Meinung voneinander, und es ist keine gute, besonders die von Waigel.

Wilfried Scharnagl hat diese Kabalen in seiner Zeit als Chefredakteur des Bayernkurier nach außen stets bemäntelt. Öffentlich wäre ihm nie ein böses Wort über die Lippen gekommen. Doch wer sein Vertrauen gewonnen hatte, konnte in vertraulichen Gesprächen unter vier Augen ganz andere Urteile über Parteifreunde hören. Wenn mal wieder einer Opfer seines ätzenden Spottes geworden war, hat Scharnagl gern hinterher geschickt: "Der war gut, oder?"

In der politischen Geografie der Siebziger- und Achtzigerjahre, die längst überholt ist, wurde Scharnagl stets als Rechter abgestempelt. Gerecht wurde ihm das schon damals nicht. Und heute, in den Zeiten der AfD, erkennt man klarer, was einen belesenen, aufgeklärten, geschichtsbewussten Konservativen, wie Scharnagl einer war, von einem dumpfbackigen Rechten unterscheidet. Scharnagl, das macht die Trauerfeier ganz deutlich, war politisch streitbar und zugleich als gläubiger Katholik tief in einer ganz anderen Welt verwurzelt. Und er hat Wert darauf gelegt, beides auseinanderzuhalten. Politische Pfarrer waren ihm ein Gräuel. Scharnagl, sagt der Freisinger Domrektor und Professor für Lateinische Philologie, Marc-Aeilko Aris, in seiner Trauerpredigt, habe die Aufgabe der Geistlichen gern auf folgenden Nenner gebracht: "Ich erwarte von euch, dass ihr mir sagt, wie ich die ewige Seligkeit erlangen kann. Ob wir eine dritte Startbahn bauen sollen, braucht ihr mir nicht zu sagen."

"Er war ein Klassiker inmitten unserer modernen Gegenwart"

Natürlich werden, wenn einer wie Wilfried Scharnagl stirbt, auch politische Reden gehalten. Also kommen Edmund Stoiber (zu dem Scharnagl zeitweise ein gespanntes Verhältnis hatte) und Ministerpräsident Markus Söder (von dem Scharnagl lange nicht viel gehalten hat) zu Wort. Beide rühmen Scharnagl auf angemessene Weise. Aber politische Freundschaften und echte Freundschaften sind nun einmal nicht dasselbe. Das zeigt am Schluss Peter Gauweiler, der ein wirklich enger persönlicher Freund Scharnagls war, mit einer fulminanten Trauerrede. "Er war ein Klassiker inmitten unserer modernen Gegenwart", sagt Gauweiler, "seine Worte konnten treffen, wie wenn ein Blitz einen Baum trifft." Gauweiler lässt die Ära Strauß noch einmal auferstehen, die gemeinsamen Reisen, die Gespräche, die glorreiche Zeit des Bayernkurier. "Ja, am Montag war Spiegel-Tag, aber am Donnerstag wurde aus München geantwortet". Der Bayernkurier erschien immer donnerstags.

Beim Trauerempfang kreisen dann alle Gespräche wieder um die politische Gegenwart. Wie es jetzt weitergeht, wie lange sich Parteichef Horst Seehofer wohl noch halten wird. Wo war überhaupt Seehofer? Irgendwo im Saarland, wo er ein sogenannten Ankerzentrum für Flüchtlinge eingeweiht hat. Sein Ansehen in den eigenen Reihen hat das nicht erhöht. Wie man als Parteichef an so einem Tag einen wichtigeren Termin habe könne, verstehe er nicht, sagt einer aus dem engsten Führungszirkel spitz.

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