Für den Verein Siedlerschaft Kieferngarten war die Demo gegen den Spatenstich zum Bau der Tram Münchner Norden kein letztes Aufbäumen, sondern, wie der Vereinsvorsitzende Walter Hilger sagte, ein „weiteres“. Etwa 25 Menschen aus der Nachbarschaft haben sich am Donnerstag zum Protest versammelt, während die Stadt und die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) auf der anderen Straßenseite am U-Bahnhof Kieferngarten den Beginn der Bauarbeiten feierten.
Zwischen der bestehenden Haltestelle Schwabing Nord und dem U6-Bahnhof Kieferngarten entsteht eine Neubaustrecke mit sechs neuen Haltestellen. Zusätzlich bauen die Stadtwerke zwischen Neufreimann und dem U2-Bahnhof Am Hart eine Trasse mit weiteren sieben Haltestellen, die von der künftigen Tramlinie 24 bedient werden sollen. Das Münchner Baureferat baut für die Tram sowie für Radler und Fußgänger eigens eine neue Brücke über den Eisenbahn-Nordring. So entsteht auch eine neue Fahrradhauptroute zwischen dem Norden und der Innenstadt.
Die Argumente zwischen Gegnern und Befürwortern sind zwar längst ausgetauscht: Die Siedlerschaft lehnt aber die Tram Münchner Norden und erst recht die Tram-Wendeschleife am U-Bahnhof Kieferngarten weiterhin strikt ab. Der Verein befürchtet Lärmbelastung, die mutmaßliche Beeinträchtigung des Autoverkehrs und, so haben es die Gegner immer wieder betont, die Verschwendung von Steuergeld. Denn Elektrobusse, glauben sie, seien die günstigere und bessere Alternative. Das sehen die Mehrheit des Münchner Stadtrats und die MVG anders. Die Tram ist aus deren Sicht alternativlos. Für die Erschließung des städtebaulichen Entwicklungsgebiets Neufreimann auf dem Gebiet der ehemaligen Bayernkaserne sowie des Forschungs- und Innovationszentrums (FIZ) von BMW sei sie das richtige Verkehrsmittel – billiger als eine U-Bahn und erheblich leistungsfähiger als Busse.
Die größere Leistungsfähigkeit der Tram bezweifeln deren Gegner. Dem gegenüber liegt aber der nach dem sogenannten standardisierten Verfahren errechnete Nutzen-Kosten-Faktor der Straßenbahn bei 2,61, was ein sehr hoher Wert ist. Bereits ab einem Wert von 1,0 gilt ein Projekt als förderfähig. Für die rund 360 Millionen Euro teure Tram Münchner Norden ist nach Angaben der MVG somit eine Förderung von Bund und Freistaat von bis zu 90 Prozent der förderfähigen Kosten möglich, das entspricht etwa 220 Millionen Euro. Die Stadt München hat 130,5 Millionen Euro für das Projekt bereitgestellt und erhält weitere Fördergelder für den Radwegausbau auf der Brücke über den Nordring. 9,5 Millionen Euro finanzieren die Stadtwerke, die unter anderem neue Versorgungsleitungen bauen.

Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) erklärte beim Spatenstich, dass in den kommenden Jahren Tausende Jobs und Wohnungen im Norden der Stadt entstünden. Die Tram Münchner Norden sei eine optimale Ergänzung des öffentlichen Verkehrsnetzes, das belege auch der „enorme volkswirtschaftliche Nutzen“ des Projekts. MVG-Chef Ingo Wortmann sagte, mit der neuen Straßenbahn gewinne man gegenüber dem Bus rund 8000 neue Fahrgäste am Tag. Zur Kritik am Projekt meinte er, weder Bus noch Tram- oder U-Bahn seien „böse oder gut“. Die Verkehrsmittel eigneten sich nicht für ideologische Debatten. München könne froh sein, dass die Stadt einst die Tram nicht abgeschafft habe wie zum Beispiel Hamburg oder Westberlin.
Wäre es seinerzeit nach Erich Kiesl (CSU) gegangen, der von 1978 bis 1984 Münchner Oberbürgermeister war, wäre die Tram auch in München Geschichte. Heute ist das anders, für die Tram Münchner Norden hat selbst die bei Straßenbahnprojekten sehr kritische CSU gestimmt, lediglich die Fraktionen der FDP/Bayernpartei und der ÖDP/München Liste lehnten sie ab. Mobilitätsreferent Georg Dunkel (parteifrei) sagte, die Tram sei ein unverzichtbarer Teil des Münchner Nahverkehrs und aus der Stadt nicht wegzudenken. Die Neubaustrecke bezeichnete er als eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte und einen zentralen Baustein im Nahverkehrsplan der Stadt.
Die Strecke soll Ende 2029 in Betrieb gehen
Zum Zeitplan: Zunächst wird die Tramtrasse von Schwabing Nord über Neufreimann bis Kieferngarten verlängert, das sind dreieinhalb Kilometer Neubaustrecke. Noch diesen Herbst wird dazu das alte Park-and-Ride-Parkhaus am Kieferngarten abgerissen. Bereits seit Juli verlegen die Stadtwerke Versorgungsleitungen im Bereich der Heidemannstraße, um das Baufeld freizumachen. Die Arbeiten für die neue Brücke zwischen den Haltestellen Schwabing Nord und Maria-Probst-Straße beginnen Anfang 2026. Den Abschnitt zwischen Neufreimann und Am Hart hat der Stadtrat im Juli dieses Jahres genehmigt. Die Unterlagen für das Planfeststellungs-verfahren wollen die Stadtwerke noch im Laufe des Jahres einreichen. Die gesamte Strecke der Tram Münchner Norden soll Ende 2029 in Betrieb gehen.
Dass es Widerstand gegen eine neue Trambahnstrecke gibt, ist in München kein Novum. Auch den seit Juni 2024 laufenden Bau der Tram-Westtangente lehnten viele Anwohner ab, unterstützt von der CSU. Gegen die 2011 eröffnete Verlängerung der Tram 17 nach St. Emmeram gingen die Bogenhausener seinerzeit ebenso auf die Barrikaden. Doch mit dieser Linie, sagt MVG-Chef Wortmann heute, seien die Fahrgastzahlen im Vergleich zum Bus um 50 Prozent gestiegen.
Daran erinnert sich auch Andreas Barth, Münchner Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn. „Erst waren die Leute gegen die Tram, heute fragen sie, warum fährt sie so selten.“ Barth sagt, er verstehe die emotionalen Bedenken von Anwohnern, rational führe an der Tram kein Weg vorbei. „In Neufreimann gebührt der Stadt und dem Stadtrat das Lob, dass sie eher dran sind und nicht wie beispielsweise in Freiham viel zu spät“, so Barth. „Die Tram bietet eine attraktive Anbindung, gute Lösungen müssen auch gebaut werden. Deshalb ist der heutige Spatenstich ein Grund zum Feiern.“

