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Vom "Münchner Gwand" zum Dirndl:Die Macht der Tracht

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Exportschlager Tracht: Das WM-Dirndl fand 2006 weltweit Beachtung.

(Foto: AFP)

Früher dörfliche Arbeitskleidung, später ein Kleid, mit dem man Königin wird: Dirndl prägen München - und sind längst ein internationales Millionengeschäft.

Von Franziska Gerlach

Ein unschuldiges Engelsgesicht, das Dekolleté von einem rosa Tuch verdeckt - als Joseph Karl Stieler um 1830 Helene Sedlmayr für die Schönheitengalerie von Ludwig I. malte, hat er auch das Züchtige in Öl gebannt. Was die aparte Schustertochter wohl dazu sagen würde, dass heute quasi jeder München-Tourist in Dirndl oder Lederhosen schlüpft?

Wobei, streng genommen trug Helene Sedlmayr gar kein Dirndl, sondern das Münchner Gwand, wie das damals obligate Ensemble aus Riegelhaube, Kleid und Miederschmuck hieß. Das Dirndl hingegen ließen sich die Städterinnen im Verlauf des 19. Jahrhunderts für ihre Sommerfrische schneidern. 1972 zeigte Silvia Sommerlath dann der ganzen Welt, wie man sich in der von dörflicher Arbeitskleidung inspirierten Kombination aus Schürze, Bluse und Kleid einen schwedischen Kronprinzen angelt. Die Hostessen der Olympischen Spiele trugen allesamt hellblaue Dirndl - und offenbar fand Carl Gustaf die Wahl-Münchnerin Sommerlath darin so zauberhaft, dass er sie später zu seiner Königin machte.

Ein Dirndl, über das in 120 Ländern berichtet wurde

Bis ein Hype um das Wiesn-Dirndl einsetzte, das Trachtentragen als Phänomen der Popkultur, sollten noch fast drei Jahrzehnte vergehen. Vergleichsweise früh erkannte das Textilhaus Angermaier, wie gut sich Trachten vermarkten lassen. Im Visier den jungen Käufer, bot man schon vor mehr als 25 Jahren ein komplettes Outfit an - zum Preis von 399 Mark. Dem Haus bescherte das Jahr für Jahr einen Umsatzzuwachs von "mehreren Hundert Prozenten", teilt die Firma mit.

Später entstand ein mit 150 000 Swarovski-Steinen besetztes Dirndl, das angeblich "teuerste Dirndl der Welt". Und freilich durfte auch im Jahr 2006, als ganz Deutschland im WM-Fieber taumelte, ein Modell nicht fehlen, welches das neu erwachte Nationalgefühl mit bayerischem Traditionsbewusstsein verband. Das Exemplar in Schwarz-Rot-Gold avancierte zum Medienstar, in 120 Ländern wurde darüber berichtet.

Angermaier verkauft seine Ware heute auch in Dubai. Lodenfrey versendet Trachten europaweit, Lederhosen sogar in die USA. "Das ist ein Millionengeschäft", sagt Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern. Bei Oberpollinger läuft der Verkauf im Frühjahr zu den Waldfesten an. Nicht nur da: Man trägt Tracht auf Festen, zur Kommunion, oder weil man einfach Lust darauf hat. Die Wiesn als alleinige Präsentationsfläche hat ausgedient. Nachdem das Grelle und Glitzernde die Handwerkskunst zuweilen überlagert hatte, berücksichtigen moderne Interpretationen wieder das Traditionelle. Die Laszivität des Dirndls weicht dabei zunehmend einer Klasse, die ihren Reiz gerade aus einer gewissen Strenge bezieht. So trägt man wieder hochgeschlossen. Sehr züchtig. Und sehr, sehr schön.

© SZ vom 05.09.2015 / FRG/ebri
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