Tradition:Schlange, Laube, Kreuz, dann kommt der Kasperl

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Generell ist das 19. Jahrhundert wichtig für die Entwicklung des Schäfflertanzes. Die Choreografie, welche die Tänzer heutzutage einstudieren, stammt vermutlich aus der Biedermeierzeit und hat sich aus einfacheren Formen entwickelt. Das bis heute gültige Regelwerk hat der 1871 gegründete "Fachverein der Schäffler Münchens" festgelegt, der das Spektakel auch veranstaltet. Demnach besteht eine Formation aus 20 Tänzern, einem Fähnrich, zwei Reifenschwingern und zwei Kasperln. Schon nicht ganz leicht ist der Grundschritt, das Hochwerfen der angewinkelten Beine im Takt der Musik. Selbstredend muss das synchron geschehen, zudem formieren sich die Tänzer in der etwa 20-minütigen Vorführung zu immer neuen Figuren, insgesamt sieben.

Da ist die "Schlange", mit welcher der Reigen beginnt, es folgt die "Laube", bei der sich die Tänzer auf verschlungenen Wegen zu einem Knäuel formieren, über dem ihre mit Buchslaub geschmückten Holzbögen ein Laubendach bilden. Die dritte Figur ist das "Kreuz", bei dem die Schäffler sich in vier Gruppen teilen; danach zaubert die Truppe das eindrucksvolle Bild einer Krone aufs Parkett. Aus dieser entwickeln sich die "Vier kleinen Kreise" - und dann wird es richtig laut: Der Kasperl stellt ein Fass auf die Bühne, auf dem drei Schäffler mit dem Hammer den Takt schlagen. Das sieht nach Arbeit aus, und so ist es auch gemeint. "Changieren" heißt dieser Teil der Choreografie.

Dann endlich die Schlussnummer, der Reifenschwung. Dazu bedarf es eines Spezialisten, der logischerweise Reifenschwinger heißt und erst einmal aufs Fass steigt. In jeder Hand hält er einen hölzernen Reifen, auf dessen Innenseite jeweils ein Stamperl Schnaps steht. Die Reifen beginnen zu kreisen, virtuos schwingt sie der Jongleur den Körper aufwärts über den Kopf und wieder hinab. Die Fliehkraft hält den Schnaps im Glas, versierte Schwinger vergießen keinen Tropfen. Noch ein Trinkspruch für den Gastgeber, danach hat es die Tanzcompagnie meist eilig, weil schon der nächste Auftritt auf dem Programm steht.

Auch die Kostüme sind noch heute so beschaffen, wie es der Fachverein in seiner Gründungszeit festgelegt hat: weißes Hemd, weiße Weste, rote Joppe, Lederschurz, Kniebundhose, Schärpe, Haferlschuhe und als Kopfbedeckung eine flaumfedergekrönte grüne Kappe. Andere Traditionen hingegen hielten sich nicht. Ursprünglich war es allein Sache der Gesellen, sich mehr oder weniger anmutig im Kreis zu drehen, was sie schon deshalb gern taten, weil sie damit ihren spärlichen Lohn aufbessern konnten. 1802 notierte der 16-jährige Johann Andreas Schmeller, der später berühmte Mundartforscher: Der Schäfflertanz sei "eine Alfanzerei, die im Grunde nichts als Bettelei ist".

Zu Schmellers Zeiten war es nur ledigen Fassmachergesellen erlaubt, beim Tanz mitzuwirken. Überdies mussten sie einen guten Ruf haben, was den Kandidatenkreis unter Umständen einschränkte. Diese Vorschriften sind längst außer Kraft gesetzt, mittlerweile werden zur Münchner Tanzsaison auch Lokführer, Busfahrer, Banker oder Händler als Schäffler akzeptiert, egal ob sie ledig sind oder nicht. Andernfalls wäre der Brauch längst ausgestorben.

Warum aber tanzen die Schäffler, mit Ausnahme ihrer mechanisch bewegten Ebenbilder auf dem Rathausturm, nur alle sieben Jahre? Genau weiß man es nicht, es sind diverse Theorien im Umlauf. Die einen sagen, der Turnus sei der Pest geschuldet, die alle sieben Jahre ausgebrochen sei. Andere verweisen auf die Sieben als Glückszahl. Auch Herzog Wilhelm IV. (1493-1550) wird mitunter angeführt. Dieser habe den Münchner Schäfflern aus Dankbarkeit das Recht eingeräumt, alle sieben Jahren ihren Tanz aufzuführen. Beweise dafür? Gibt es nicht.

Nun wäre es schön, es gäbe noch eine Legende, welche die gängige Musik des Tanzes, den Ohrwurm mit der Textzeile "Aba heit is koit", einer göttlichen Eingebung oder wenigstens einem berühmten Komponisten wie Orlando di Lasso oder Mozart zuschriebe. Leider ist auch in dieser Sache die Wirklichkeit viel schnöder. Der Komponist ist - da müssen die Münchner jetzt stark sein - ein Franke. Er heißt Johann Wilhelm Siebenkäs (1826-1888), stammte aus Fürth und war am Münchner Hof tätig. Aber halb so wild: Vielleicht war die Melodie ja doch eine göttliche Eingebung.

500-Jahr-Feier

Im üblichen Sieben-Jahre-Turnus stünde der nächste Tanz erst 2019 wieder an. Dass die Schäffler auch heuer tanzen, liegt daran, dass sie den 500. Geburtstag dieser Tradition feiern. Ihr erster Auftritt ist am Dienstag, 21. Februar, um 14 Uhr vor der Staatskanzlei. Vier Tage danach machen die Schäffler auch dem Oberbürgermeister ihre Aufwartung: am Samstag, 25. Februar, um 12 Uhr auf dem Marienplatz. Insgesamt treten die Schäffler 25-mal auf, meist in München, viermal auch im Umland. Zu den großen öffentlichen Auftritten zählen die am Stachus, Rinder- und Viktualienmarkt (23. Februar, 14, 15 und 15.45 Uhr) und am Sendlinger Tor und der Münchner Freiheit (24. Februar, 14 und 15 Uhr). Alle Termine: www.schaefflertanz.com SZ

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