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Trachten- und Schützenzug:Mit Schirm, Schalk und Lederhose

Angeführt vom Münchner Kindl ziehen am ersten Wiesn-Sonntag mehr als 9000 Trachtler durch die Innenstadt. Sie feiern das Brauchtum Münchens, Bayerns und von anderswo - und trotzen dem Nieselregen

Von Sara Peschke

Als sich die Moriskentänzer in ihren goldenen Kostümen vor der Ehrentribüne zu einer menschlichen Pyramide auftürmen, muss selbst der Vater aus Brasilien die Hände aus den Hosentaschen ziehen: Er applaudiert und steckt zwei Finger in den Mund, um laut zu pfeifen. "Das ist gut, das ist richtig gut, Marco!", sagt der Mann, der nur Antonio genannt werden möchte, und klopft dem Sohn auf den Rücken. "Nächstes Jahr komme ich wieder."

Es ist Sonntag, Antonio und Marco stehen am Münchner Odeonsplatz Ecke Brienner Straße, von dort haben sie eine gute Sicht auf das Treiben. Marco ist für ein Auslandsjahr an der Technischen Universität, eigentlich lebt und studiert er im Westen Brasiliens, in Campo Grande. Sein Vater besucht ihn für ein paar Wochen, die Vorfahren der Familie kommen aus Bayern. "Ich hatte eigentlich keine Lust auf den Umzug, nicht bei dem Wetter", sagt Antonio. Doch jetzt gefällt es ihm, der leichte Nieselregen und die 9 Grad Lufttemperatur fühlen sich gar nicht mehr so schlimm an.

Antonio verhüllt den runden Bauch mit einer Regenjacke, Marco dagegen hat sich herausgeputzt: Er trägt Tracht mit blauem Wams, Loferl und Lederhosen. "Ich wollte mal so aussehen wie mein Ur-Ur-Uropa", sagt er, "darum geht es hier doch, oder?"

Tatsächlich geht es beim Trachtenzug nicht nur darum, sich zu verkleiden; der Zug will Vergangenheit und Gegenwart verbinden, Tradition und Moderne. Als das Oktoberfest 1835 ein Vierteljahrhundert alt wurde, zog erstmals ein solcher prachtvoller Festzug durch die Straßen. 86 Wagen waren dabei und mehr als 1000 Darsteller. In den Jahren 1842, 1895, 1910 und 1935 gab es einen Festzug zu besonderen Anlässen, seit 1948 ist er fester Bestandteil des ersten Wiesnwochenendes.

Und er ist, so empfinden es viele der mehr als 9000 Teilnehmer in diesem Jahr, mittlerweile die wahre Seele des Oktoberfests, abseits des großen Kommerzes.

Um halb 11 Uhr wartet Astrid Schußmann in der Steinsdorfstraße noch immer auf ihren Einsatz. Sie tippt an den großen, schwarzen Zylinder auf ihrem Kopf. "Wir sind zuständig dafür, dass das Glück mitläuft auf dem Weg zur Wiesn", sagt sie und lacht. Schußmann ist Bezirkskaminkehrerin aus Miesbach, sie ist zum zweiten Mal mit der Handwerkszunft beim Trachten- und Schützenzug dabei. Natürlich gehe sie auch ins Festzelt, sagt sie, das gehöre sich für eine Bayerin. Aber: "Die meisten, die man da sieht, sind Preußen, die nur zum Saufen kommen. Die wissen doch gar nicht mehr, worum es eigentlich geht bei der Wiesn." Und worum geht es dann? "Um die bayerische Kultur und Tradition. Darum, die Brauerei-Handwerkskunst zu ehren."

Ehre - dieses Wort hört man an diesem Vormittag häufiger, wenn man mit den Trachtlern spricht. Es sei eine große Ehre, dabei zu sein, sagen etwa die in Biedermeier-Gewänder gekleideten Frauen des Vereins Gesellige Bürgerzunft Alt-Monachia, der das traditionelle Leben der Stadt München pflegen. "Eigentlich sind nur Männer Mitglieder", sagt eine der Damen mit ausladender Kopfbedeckung, "aber wir dürfen zu besonderen Anlässen als hübsches Beiwerk auftreten". Von dem Moment, wenn sie auf die Maximilianstraße einbiege und die Menschen rechts und links der Zugstrecke sehe, zehre sie ein ganzes Jahr, sagt sie.

Auch an diesem Sonntag haben es viele Zuschauer an die sieben Kilometer lange Route vom Maxmonument bis zur Theresienwiese geschafft. Nach zwei Stunden sind alle 60 Zugnummern vorbeigezogen. Italiener, Polen, Schweizer, Ungarn, Litauer, Bulgaren und Österreicher sind dabei, sogar eine Gruppe aus Bosnien und Herzegowina. Dazwischen, auf den Festkutschen, die Politik: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer mit seiner Karin, Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, Bürgermeister Josef Schmid, Wiesn-Stadtrat Otto Seidl.

Sie alle zeigen, dass der Trachten- und Schützenzug auch für die Verständigung zwischen den Kulturen steht. "Mit unserem Karneval ist es zwar nicht vergleichbar", sagt der anfangs skeptische Antonio aus Brasilien, "aber ich habe mehr Lust bekommen auf Bayern." Vielleicht, sagt er, müsse er sich doch noch so eine Lederhose kaufen für die nächsten Wochen.

© SZ vom 18.09.2017
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