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Tourismus:Der Ruf der Freiheit

Das Geschäft mit Wohnmobilen boomt. Das macht sich nicht nur auf vollen Campingplätzen bemerkbar, sondern auch auf der Freizeitmesse Free

Von Pia Ratzesberger

An anderen Tagen verkauft Herbert Früh rohes Fleisch, aber an diesem Mittwoch verkauft er die Aussicht auf einen entspannten Urlaub. Er steht vor einem der großen Mobile und rückt seine Brille zurecht, die Unterlagen unter den Arm geklemmt. Für ihn macht es keinen großen Unterschied, ob er einen Schweinerücken für ein paar Euro anpreist oder ein Wohnmobil für mehr als 21 000 Euro. Herbert Früh sagt: "Verkaufen ist doch immer Verkaufen." Und Wohnmobile gehen momentan wahrscheinlich mindestens so gut weg wie Schweinerücken.

Es ist noch früh für einen Tag auf der Messe, doch das erste Paar steigt hinter ihm schon wieder aus dem Wohnmobil. Die beiden tragen Sportjacken und hätten gerne ein Angebot für das Modell Averso Plus 510 TK. Sie waren zuletzt in Italien und in Deutschland mit einem gemieteten Caravan unterwegs, im Sommer wollen sie dann mit dem eigenen Wohnmobil in den Osten Europas fahren. Die Frau sagt: "Man ist damit so frei." Aber auch: "Schreiben Sie bitte nicht auch noch über Camping." Es seien sowieso schon immer Menschen mit immer noch größeren und immer noch teureren Mobilen unterwegs. Nicht nur in den Ferien seien die Campingplätze voll. Auch wenn sich die Urlauber darüber nicht freuen, machen Menschen wie Herbert Früh, 58, wohl gerade deshalb auf der Freizeitmesse Free ein gutes Geschäft.

Die Messe findet Jahr für Jahr in München statt, es geht dort nicht nur um Campen, sondern auch um Klettern oder Tauchen, doch in diesem Jahr haben die Wohnmobile mit drei Hallen so viel Platz wie noch nie zuvor und das illustriert ganz gut, wie es der Branche geht. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mehr als 71 400 sogenannte Freizeitfahrzeuge neu zugelassen und alleine bei den Reisemobilen waren das 14 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Der Umsatz der Branche hat sich seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 mehr als verdoppelt. Herbert Früh sagt dazu nur: "Es gibt einen richtigen Boom. Die Leute wollen nicht mehr so weit weg - nach Tunesien, in die Türkei oder nach Ägypten."

Er arbeitet eigentlich an der Theke in einer Metzgerei, doch nebenbei berät er hin und wieder auch für einen Anbieter von Wohnmobilen. Wenn man ihn fragt, ob er selber campt, zieht er sein Handy aus der Tasche und zeigt ein Foto aus dem Jahr 1978. Damals war er noch Lehrling und fuhr mit ein paar Freunden nach Dollnstein im Altmühltal. Der Bauer mähte ihnen die Wiese um und seine Freunde und er schlugen ihre Zelte auf. So einfach war das. Später dann kaufte er sich ein eigenes Wohnmobil und fuhr immer wieder an die Adria, nach Lignano, Jesolo, Bibione. Das Mobil kostete 4500 Mark. "Das war ein Haufen Geld."

Damals gab es den Begriff des "Glamping" noch nicht, eine Mischung aus Glamour und Camping, die beschreiben soll, dass heute manche Menschen auch beim Zelten in der Natur nicht auf Luxus verzichten möchten. Man muss auf der Free nur ein paar Stände weiter gehen, um zu sehen, was das bedeutet. Die Wohnmobile kosten dann nicht mehr 21 000 Euro, sondern auch einmal 180 000 Euro, mit Flachbildschirm und Surround Anlage und mit Solarzellen auf dem Dach. Ein älteres Ehepaar schaut sich gerade nach einem neuen Modell um, mit ihrem Mobil sind sie immer mehrere Monate unterwegs. Im September geht es zum Beispiel nach Frankreich, erst ins Elsass und dann weiter in die Provence. Der Unternehmer in Rente sagt: "Die Kisten kosten so viel Geld, da muss man doch viel unterwegs sein." Einer der Verkäufer sagt: "Camping kann man heute nicht mehr vergleichen mit den Siebzigerjahren." Immer mehr Menschen seien bereit, viel Geld auszugeben: Zum einen wohlhabende Rentnerinnen und Rentner, zum anderen aber auch die jüngere Generation der Erben. Die Campingplätze stellen sich auf das neue Klientel ein, schaffen mehr Platz für die großen Busse, die schon einmal mehr als sieben Meter messen können - und darüber ärgern sich dann wiederum manche Kunden von Herbert Früh.

Die Frau und der Mann zum Beispiel, die sich für das Modell für 21 000 Euro interessieren, sind eher genervt von dem gehobenen Publikum auf den Campingplätzen. Die Plätze kosteten mittlerweile oftmals so viel wie eine Ferienwohnung, im schlechtesten Fall sogar noch mehr. Sie sind beide 38 Jahre alt und haben zwei kleine Kinder, als Familie gebe es nun einmal keine bessere Form des Reisens. Das Gewohnte mitnehmen, aber trotzdem in der Fremde sein. Anhalten, wo man möchte. Frei sein - oder zumindest das Gefühl zu haben.

Herbert Früh bereitet die Unterlagen für das Paar vor, legt seine Mappe auf den Tisch. Im Gegensatz zu ihnen muss er sich nicht über zu volle Plätze ärgern. Er hat sein Wohnmobil vor ein paar Jahren verkauft und fliegt meist nur noch in den Urlaub. Nach Ägypten zum Beispiel.

© SZ vom 22.02.2019
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