Jeder von ihnen fällt ein dicker schwarzer Zopf auf den Rücken. Stramm geflochten, glänzend. Wer trägt so einen Zopf? Mädchen? Frauen? Afroamerikanerinnen? Oder auch weiße Amerikanerinnen? Und hat sich mit den einschränkenden Wörtchen „oder“ und „auch“ der eigene Kopf schon verraten, dass er nicht frei in seinen Assoziationen ist, sondern einrasten will in Mustern, die Ungewissheit durch Gewissheit ersetzen?
Im Marstall des Residenztheaters hat Miriam Ibrahim „Rezitativ“ inszeniert. Ein Stück nach der einzigen Erzählung der US-amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Ich-Erzählerin Twyla erinnert sich an Roberta, ihre Freundin im Kinderheim, in das sie in den Fünfzigern als Achtjährige für ein paar Monate geschickt wurde. Im Laufe der Jahrzehnte wird sie Roberta noch mehrmals begegnen. Eine der Frauen ist schwarz, die andere weiß. Welche der beiden welche Hautfarbe hat, erzählt Morrison nicht. Hinweise gibt es viele – vermeintlich.
Im Marstall spielen Linda Blümchen, Sabrina Ceesay, Evelyne Gugolz und Isabell Antonia Höckel. Mal sind Twyla und Roberta doppelt besetzt, mal ballen sich vier Darstellerinnen zu einer Figur. Auch wenn sie gemeinsam sprechen, sind Unterschiede sichtbar, etwas wie Individualität. Immer wieder reproduzieren sie Sätze in Schleifen, und mit jedem Sprechen wird eine neue Facette dieser Geschichte möglich. Die Komplexität wird lebendig durch die Präzision ihres Spiels.
Twylas und Robertas Verhältnis verändert sich. Roberta heiratet reich. Bei Demonstrationen zur Rassentrennung an amerikanischen Schulen stehen sie sich in zwei Lagern gegenüber. Der Bühnentext verteilt im Unterschied zur Erzählung die Rolle der Ich-Erzählerin auf die zwei Frauen, wechselt die Perspektive auch zum auktorialen Erzähler. „This is a test“, steht als sich ständig wiederholendes Muster gedruckt auf Schuhen, Socken, Shorts und Oberteilen der Darstellerinnen.
Das Bühnenbild ist Denkraum und eigenständiges Kunstwerk
Auf der Bühne: ein Stahlgerüst, das Quader formt. Die Wände sind teils mit Gaze bespannt, teils aus durchsichtigem Plexiglas, das auch reflektieren kann. Wände der Quader lassen sich aufklappen. Die Bühne kann sich drehen. Unüberschaubar die Möglichkeiten, Personen zu positionieren, Spannungsverhältnisse aufzubauen, Gruppen zu bilden. Und Illusionen zu erzeugen, wenn sich eine Schauspielerin im Plexiglas spiegelt und es scheint, als würde sie neben einer Mitspielerin stehen und sie ihr doch gegenübersteht. Mitra Nadjmabadis Bühnenbild ist Denkraum und eigenständiges Kunstwerk.
Auch auf der Leinwand im Bühnenhintergrund scheinen die Schauspielerinnen immer wieder auf, auch als ihre Mütter, die der Grund waren, warum beide ins Heim kamen: Die eine war krank, die andere tanzte die Nächte durch. Vergangenheit als leuchtende Projektion, als Kopfbilder ohne Gewissheit. Es gibt ein Moment der Schuld, das beide Frauen teilen: die stumme Küchenhilfe Maggie mit der Gehbehinderung und der blöden Mütze mit den Ohrenklappen. Ob sie damals stürzte, geschubst wurde, von den großen Mädchen oder doch von Twyla und Roberta? Im Laufe der Jahre verschwimmt die Erinnerung. Ob Maggie schwarz war – auch das weiß man nicht. Sicher nur: Sie war ein wehrloses Opfer.
Ibrahims Inszenierung ist so klug und vielschichtig gedacht, dass es von Vorteil ist, die Aufführung mit einem Vorwissen über Morrisons Text zu besuchen. An diesem Abend geht es nicht nur darum, unser stereotypes Denken durchzuschütteln. Es geht um den Kern unseres Wesens. Erst in der Erinnerung werden wir zu den Menschen, die wir sind. Und erst wenn wir erinnern, wird die Vergangenheit wirklich. Schwarz? Weiß? Im Moment des Betrachtens entsteht im Kopf des Betrachters etwas, was man mit Gewissheit verwechselt. Über sich und andere. An einem Tag kurz vor Weihnachten treffen sich die beiden Frauen noch einmal. Und noch einmal rüttelt sich Vergangenheit neu. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund fällt Schnee in kleinen Lichtpunkten. Er fällt nach oben.
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