Vorwarnung an die Hungrigen: Vorher essen auf dem Weihnachtsmarkt, denn im Zelt des Cirque Ici gibt’s nichts! Stammgäste des Tollwood-Festivals, die sich wieder auf eine große Dinner-Show gefreut haben, die es im Übrigen schon im vorigen Winter beim „Festival du Cirque“ mit drei Kompanien nicht gab, dürften womöglich knurren. Wer aber den heuer gastgebenden Zirkus-Solitär Johann Le Guillerm kennt, vielleicht sogar von einem seiner Auftritte aus den Jahren 1996, 2004 und 2014 in München, der denkt sich: Ist vielleicht auch gut so, dass dieser Schmalhans hier nicht Küchenmeister ist. In früheren Performances klebte er sich ja gerne einen Zettel mit der Aufschrift „Hunger“ auf die Unterlippe, mampfte den dann in seinen knurrdürren Bauch hinein und kaute dann einem Zuschauer eine (Gummi-)Hand ab.
Andererseits, wer Johann Le Guillerms Karriere seitdem verfolgt hat, findet es bestimmt sehr schade, dass der französische Artistik-Visionär nicht auch sein Projekt „Encantacion“ mitbringt. Das ist sein „kulinarisches Abenteuer“, das er mit dem Küchenchef Alexandre Gauthier ausgeköchelt hat. Die wenigen Gäste sollen dabei nach exakt vorgegeben Besteck-Bewegungen im Essen rühren, Knödelchen in Form einer Motte verspeisen oder Teller ablecken. Das ist so irritierend wie dekonstruktiv und letztlich sinnstiftend wie alle seine theatralen Grenzerfahrungen.
Bei Tollwood konzentriert er sich aber ganz auf die poetische Arbeit in der eigenen Manege. Mit dem Stück „Terces“ führt er seinen Langzeitversuch „Secret“ fort, dreht ihn quasi um. Man will nicht zu viel verraten aus diesem Zirkuslabor. Andererseits staunt man bei ihm auch über längst gesehene Versuche dieser „Wissenschaft des Idioten“ jedes Mal aufs Neue.
Er wird also wieder erstaunliche Dinge machen. Und Erstaunliches mit Dingen machen. Wird auf Gefährten wie großen Schneckenhäusern durchs Zelt rudern. Wird einen Papierflieger bauen, der ihm wie ein Papagei auf der Schulter landet. Wird Schmetterlinge in den Himmel pusten und erschießen. Wird flirrende Stangenschlangen bändigen und leuchtende Sterne zusammenfalten. Wird eine Wasserwelle in einem Aquarium durch den Raum schaukeln lassen, ein pornografisch-witziges Draht-Figuren-Schattenspiel tanzen lassen, eine Maschine Bücher unermüdlich zu Stapeln abladen lassen, die er als moderner Sisyphos der Informationsflut auftürmen und erklettern wird. Ist das Physik? Quantenschaum? Tüftelei? Philosophie? „Ich will Materie auf spürbare Weise zum Leben erwecken“, sagt Johann Le Guillerm.

Er ist noch derselbe scharfsichtige Querkopf. Mit 56 sieht der Bretone auch noch so aus, wie man ihn kennt. Die ausrasierten Seiten der Haare, deren Reste wie ein toter Dachs auf seinem Haupt mit dem Raubvogelblick liegen, erinnern an seine Anfänge als Punk im anarchischen Zirkus Archaos vor 35 Jahren. Er entwickelte über die Jahre seine traurig-stolze Don-Quixote-Gestalt mit dem hohen Hosenbund über nacktem Oberkörper, dem wehenden langen Mantel und den Schnabelschuhen zu einer unverwechselbaren Silhouette im schummrigen Bühnenlicht, und mehr als das: Es ist nicht nur ein Kostüm dieses „ersten modernen Clowns“, dieses „Punk und Nosferatu“, wie ihn das Spiegel-Feuilleton vor 30 Jahren nannte. Alle Form hat bei ihm auch Sinn und Funktion. Man erinnere sich an die Ritterschuhe aus Metall, in denen er einen Bänderriss riskierend auf einer Reihe Bierflaschen balancierte.
Johann Le Guillerm war aber nie nur eine Nummer. Er war nie die Summe seiner Nummern. Er war mehr noch als Direktor, Kulissenbauer, Dompteur, Konstrukteur, Clown, Artist, Autor, Akteur und Zuschauer seiner selbst. Journalisten fanden noch weitere, die verwirrten Gefühle, die seine Künste auslösen, zu greifen versuchende Bezeichnungen: „Schamane des Cirque Nouveau“, „Fabelwesen“, „Eigenbrötler“, „Schrat“, „Derwisch“, „Poltergeist“, „gallischer Krieger“, „Daniel Düsentrieb“ – mithin ein absonderlich attraktives Unikum. Er ist ein ganzer Zirkus. Wobei seine Definition von Zirkus, die er Reportern vorbereitend für seine Interviews schickt, zwei Din-A-4-Seiten umfasst.
Zirkus ist für ihn „ein Ort der Darstellung von Minderheitenpraktiken in einem Raum, der gegensätzliche Perspektiven aufnehmen kann“. Das steht schon ein wenig im Gegensatz zu gängigen folkloristischen Vorstellungen, also von Zelt, roter Clownsnase, Löwenbändiger, Todessalto am Trapez und so weiter. Er geht zurück zu den Anfängen, wo Zirkus etwas war, „was nicht getan wird“, „was nicht mehr getan wird“ oder „was nie getan wurde“ (das sind diese Minderheitenpraktiken). Und das, was erstaunt, lockt Menschen an, die einen Zuschauerraum bilden.

Dieser „Raum der Perspektiven“ kann ein Zirkuszelt sein, mit Platz für 200, 300 Leute. Mit so einem reist Le Guillerm derzeit wieder, so wie er es nach dem Ende der von ihm mitbegründeten legendären Dunkel- und Wunderkammer Cirque O getan hat. Er zog von Ort zu Ort mit seinem sperrigen Konzept. Er betrieb das bis zur Selbstaushungerung, verkaufte Alteisen und Thermoskannen-Kaffee, wurde zu einem Zirkus-Nichts. Und darauf baute er seinen fantastischen neuen Kosmos auf.
Inzwischen ist der Cirque Ici mehr als der berüchtigte Ein-Mann-Zirkus. Alles sei in ein weit größeres Projekt eingebettet als das Zeltstück allein, sagt Le Guillerm. Er nennt es „Attraction“, und es bestehe aus 15 „Facetten“. Dazu gehören neben dem Kulinarik-Erlebnis etwa Ausstellungen an der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft, Land-Art, Architektur oder Performance-Lesungen mit Publikumsbeteiligungen („Le Pas Grand Chose“ – die „nicht-große Sache“).
Diese Vielfalt geht letztlich auf eine Eingebung im Jahr 2021 zurück, als er seine eigenen Überzeugungen, Illusionen und Traditionen auf den Prüfstand stellte und zum Nukleus vordringen wollte, dem Ur-Punkt: „Ich ging von einer Idee aus, dass ich, wenn ich verstünde, woraus das ‚Fast-Nichts‘ besteht, dieses Minimal in jeder komplexeren Sache wiederfinden würde.“

Die Manege habe er aber nie verlassen, sagt Le Guillerm. Das Zelt ist ein Schauplatz für die Erkenntnisse aus allen anderen Experimenten, und zugleich ein Labor zur Entwicklung neuer Ideen. Jeden Tag macht er sich wieder an die Arbeit, der Welt ihre Geheimnisse zu entlocken. Bereits vom Morgen an sei sein Tagesablauf vollständig von der abendlichen Aufführung bestimmt, sagt er: „Jede Geste, jede Handlung verfolgt ein einziges Ziel: präsent, verfügbar und in Form für die Vorstellung zu sein.“ Ob er dabei etwas isst, sagt er nicht, der Artist sieht jedenfalls aus, als wolle er hungrig bleiben.

