Es beginnt mit Demokrit: „Mut steht am Anfang des Handelns. Glück am Ende.“ So führt das Team von Tollwood in diesem Sommer auf sein Motto hin: „Mut und machen“. Denn es gelte auf dem größten Kulturfestival Münchens, die Demokratie zu verteidigen und gemeinsam eine friedliche und nachhaltige Welt zu gestalten. Aber dieses Engagement darf eben durchaus auch Spaß bringen einen guten Monat lang: im neuen Theaterlabor ebenso wie bei artistischen Shows unter freiem Himmel und bei den großen Konzerten im Zelt. Die erwarteten 800000 Besucher können sich entspannen und genießen – können aber gerne selbst mitmachen. Denn, um den Satire-König Harald Schmidt, der beim „Rudelsingen“ mitmischt, zu zitieren: „Mut bedeutet für mich, einfach machen.“
Das neue Theaterlabor

Ein Labor stellt man sich anders vor: keimfrei, hinter Glas, mit vielen Geräten darin. Das neue Theaterlabor hingegen ist kein steriler Ort, es sieht mehr aus wie eine große Gartenlaube mit offenen Seitenwänden. Und doch werden hier Experimente stattfinden, und das in einem recht abgeschlossenen Rahmen. So hat sich Andrey von Schlippe dieses neue Pop-up-Theater ausgedacht, das selbst ein Kunstwerk ist. Kein Wunder, seit 1997 kennt man den Absolventen der Münchner Akademie und Bühnenbildner vor allem als Gestalter des kunstvollen Antlitzes des Tollwood-Festivals, 2023 etwa erschuf er das Eingangskunstwerk „Das Tor zwischen den Welten“.
Nun hat er einen „unkonventionellen Ort“ erfunden, an dem man „Theater auf neue Weise“ erleben kann, einen „Ort der Begegnung und Inspiration“. Hier geht es auch anders zu als sonst auf dem Gelände, wo ein Kommen und Gehen herrscht, und das meist bei freiem Eintritt. Ein Laborbesuch beginnt mit dem Versammeln der etwa 50 Gäste, die einen Einritt von 13,50 bis 18 Euro zahlen. Am Barfußpfad werden sie abgeholt und an den verborgenen Spielort gebracht.

Die Stücke wurden bewusst für den sehr engen Kontakt mit dem Publikum ausgesucht, es sind „Stücke, die keinem klaren Genre zuzuordnen sind“, sagt von Schlippe. Grob könnte man sagen: Es gibt dreimal Objekttheater und dreimal Erzähltheater. Die Gruppe Cia. Dromosofista spielt mit Live-Musik und Gegenständen „Antipodi“, eine Geschichte über die Suche nach dem Gegenstück jedes Menschen (24. bis 29. Juni). Ymedioteatro, die im Winter mit ihrem eigenen Theaterwagen auf Tollwood waren, spielen „EchO“, eine Clown-Show über Beziehungen (1. bis 6. Juli). Und das Wild Theatre setzt archaisch wirkende Fundstücke aus Neuseeland und von Wiener Flohmärkten bei „Stonebelly“ in einer Minimanege in Szene und lässt sie meditativ von einer Reise erzählen (11. bis 16. Juli).
Auch drei Erzähler nehmen die Besucher des Theaterlabors in ihre Welten mit: Idriss Al-Jay öffnet mit traditioneller marokkanischer Erzählkunst ein Fenster in den Orient (19. bis 22. Juni); der Schauspieler Jörg Reimer liest Joachim Ringelnatz’ Geschichten von „Kuttel Daddeldu und Konsorten“ (7. und 8. Juli); und Peter Trabner interpretiert Friedrich Hölderlins „Der Tod des Empedokles“ von Abend zu Abend überraschend anders (17. bis 20. Juli).
Nach den etwa einstündigen Vorstellungen sind die Besucher eingeladen, bei einem Getränk im Theaterlabor zu verweilen und mit den Künstlern über das Erlebte zu sprechen.
Die großen Konzerte

Die Berufsbezeichnung „Musiker“ greift für einige der Stars im großen Musikarena-Zelt zu kurz. Performance-Künstler trifft es besser etwa für Heilung mit ihrem seltsamen Mix aus Mystik, Schamanen-Trommeln, Gehörn-Kostümen und Chorgesang (1.7.), für Paula Hartmann, die minimalistisch Pop und Poesie verbindet (27.6.), für Alexander Marcus („Hundi“), die Berliner Schlager-Electro-Kunstfigur (Drehbuchautor, Filmer, und so weiter; 4.7.), für den „Loop Daddy“ Marc Rebillet, der von New York aus Youtube-Homevideos im Bademantel und House-Beat-Entertainment betreibt (15.7.); und ebenso für einen hiesigen Entertainment-Meister, Willy Astor, der an einem Tag gleich zweimal Quatsch macht: nachmittags für Familien („Kindischer Ozean“), abends mit Wortwitz und Liedern für Jung- und Dumm-Gebliebene (5.7.).
Den Auftakt der großen Konzerte macht der Finne Samu Haber, den die meisten als Sunrise Avenue-Frontmann kennen, viele aber eher als „The Voice“-TV-Coach 19.6.).
33 Konzerte stehen im großen Zelt an. Die meisten Künstler sind Stars mit großem treuem Gefolge in ihrem Fach, wie die Schweizer „Humpa Humpa“-Truppe FäatschBänkler (28.6.), Jugend-Held Ennio (6.7.), die Techno-Bläser Meute (3.7.), der Operetten-Popper Berq (29.6.), die Gitarren-Gurus Joe Satriani und Steve Vai (8.7.), der Schweizer Liedermacher Faber (18.7.), Lea, deren Lieder wie „Leiser“ man gerne im Radio lauter macht (19.7.), oder die aus Rosenheim nach Australien ausgewanderten Indie-Folk-Stars Amistat (12.7.).

Bei den meisten Abenden spricht eh der Künstlername für sich: Suzie Quattro & Manfred Mann’s Earth Band (22.6.), Ronan Keating (25.6.), The Corrs & Melisse Etheridge (26.6.), Lynyrd Skynyrd (30.6.), BAP (2.7.), das Ehepaar Max Herre & Joy Denalane (7.7.), Revolverheld (9.7.), Wanda (11.7.), Air (spielen ihre legendäres „Moon Safari“-Album, 16.7.) oder Jamie Cullum (20.7.).
Für zwei darf man außer dem Titel Musiker gerne den Ehrentitel „Legende“ nennen: Iggy „Godfather of Punk“ Pop (24.6.) und Patti „Godmother of Punk“ Smith – Lyrikerin, Schriftstellerin, Rockmusikerin, Singer-Songwriterin, Fotografin, Malerin ... (14.7.).
Rudelsingen mit Harald Schmid

In seiner Fernseh- und Theaterkarriere fiel Harald Schmidt selten als großer Sänger auf, vielmehr als galanter Gastgeber und smarter Satiriker. In diesen beiden Eigenschaften kommt der Schauspieler („Traumschiff“) und Moderator nun auch zum Tollwood-Festival: Er wird einen Abend des „Rudelsingens“ begleiten. Denn das soll nicht bloß ein Karaoke-Chor werden, sondern auch die Botschaft des Festivals transportieren. Ulrich Wurschky und Volker Becker leiten die Gäste im Amphitheater mit Gitarre und Keyboard durch bekannte Lieder aus Schlager, Pop und Rock zum Thema Mut – und Harald Schmidt kommentiert dazu am 7. Juli, 19 Uhr, bissig gesellschaftlich brennende Themen, wie in seiner Ur-Sendung „Schmidteinander“, wird versprochen. „Mut bedeutet für mich, einfach machen. Und Mut will ich beim Rudelsingen auf dem Tollwood machen“, sagt er in einer Grußbotschaft.
An den beiden anderen von zwei Abenden sprechen die Moderatorin Caro Matzko (30. Juni) und Pfarrer Rainer Schießler (14. Juli) die einleitenden Worte – ob sie mitsingen, ist nicht bekannt.
Computerspiele in Echt

Tollwood ist schon ganz schön alt, aber immer noch verspielt. 1988 fand das erste Festival im Olympiapark statt. Tetris ist noch älter – und spielt sich auch immer noch prima. Jetzt gibt es eine Version des Computerspieles nicht nur im Museum of Modern Art in New York, sondern auch auf Tollwood, und zwar in echt. Auf dem neuen Areal der „Actual Reality Arcade“ lassen sich Pixel quasi unplugged herumschubsen: mit Sandsäcken nach den Aliens aus „Invaders“ ballern, quer gespannten Schnüren wie Laserstrahlen ausweichen oder bunte Tetris-Teile in eine Wand einpuzzlen (19. bis 29. Juni).
Weitere Spiele in Riesenversionen stehen nachmittags auf dem Amphitheater bereit. Wenn keine Vorstellungen stattfinden, können die Besucher Schach oder Jenga spielen – oder von den Hängematten oder Liegestühlen aus entspannt zuschauen.
Straßentheater und Performances

Man kann der Fantasie auf die Sprünge helfen. Man kann aber auch mit Sprüngen die Fantasie beflügeln, wie die Gruppe „Motionhouse“. Die Akrobaten erschaffen in ihrer Show „Wild“ Bewegungsbilder zwischen Himmel und Erde, die sich mit dem Verhältnis des Großstädters zur Natur auseinandersetzen (10. bis 13. Juli). Dazu bauen die Briten im Tollwood-Amphitheater einen Wald voller hoher Stangen auf.

So wie auch andere Kompanien in der Freiluftspielstätte Gegenstände auf ungewöhnliche Weise einsetzen, um die Fantasie anzustacheln: Die Teatime Company aus den Niederlanden tanzt und turnt in einer Riesenmetallspirale (1. und 2. Juli), Cia. Manolo Alcantara aus Spanien verkünsteln sich als Handwerker mit Holzkisten (3. bis 5. Juli), Cia. Rampante aus Argentinien benutzten Alltagsgegenstände und Masken für ihre Zirkuskunst (18. bis 20. Juli); Fenja Barteldres scheint im Cyr-Reifen (und Teilen davon) die Schwerkraft aufzuheben (15. bis 17. Juli); und das Duo Böhme & Scheffler jongliert zusammen, was der Titel „Comedy & Plates“ andeutet: Humor und Teller (6., 8., 9. Juli).

Und manchmal scheint die Fantasie wirklich so sehr mit den Besuchern durchzugehen, dass sie Dinge für Lebewesen zu halten scheinen, für sehr große Tiere. So geschickt bewegen sich viele Walkact-Künstler mit ihren Riesenpuppen übers Gelände. Diesmal gibt es Papageien, einen roten Elefanten, geisterhafte Windpferde und ein Blauwal-Baby (in Lebensgröße). Und die Franzosen Cie Dynamogene machen mit einer klapprigen Maschine mit Muskelkraft Musik.
Ein wachsendes Kunstwerk

Wer einen Spruch oder seinen Namen an eine Wand schmiert, braucht schon auch Mut – denn nicht jeder Wandbesitzer findet das gut. Anders ist das bei Tollwood: Da ist das Beschriften des Kunstwerkes „Wooden Cloud“ ausdrücklich erwünscht, so fragil es auch wirken mag. Martin Steinert wird aus Kanthölzern zwei in sich wie Yin und Yang verschlungene Spiralen als begehbare Skulptur bauen. Damit ist das Werk am Haupteingang aber nicht vollbracht, erst die Besucher machen es mit ihren darauf geschriebenen Botschaften zu einem „Kunstwerk für Mut, Frieden, Gerechtigkeit und Umwelt“, wie man bei Tollwood hofft, zu einer „Chronik der Entschlossenheit“.
Mit Mut haben auch die beiden Großskulpturen von Franz Jäger zu tun: Denn der Holzbildhauer und Förster bildet aus Holzlatten zwei „raumgreifende Löwen“ als Symbole für Mut und Stärke, die am Haupteingang die Gäste begrüßen. In seinen Workshops (22., 29. Juni, 6., 13., 12. Juli) soll zusammen mit dem Publikum eine ganze Löwenfamilie entstehen, die dann versteigert wird.
Ist Mut messbar? Zumindest im Buchstaben-Kunstwerk von Adam Stubley: Hier wiegen M, U und T zusammen 100 Kilogramm.
Oasen der Ruhe

Orte der Stille findet man im Tollwood-Rummel selten. In diesem Sommer wurde für alle, die dem Trubel entfliehen wollen, eine Ruheoase geschaffen: ein koreanischer Steingarten mit plätscherndem Wasserlauf und Sitzbänken (hinterm Marrakeschzelt in der Nähe des angrenzenden Gartens von Väterchen Timofey, der auch so ein Idyll ist). Für alle, bei denen sich Ruhe dann aber nicht automatisch einstellt, gibt es einen Helfer: Mingyur Rinpoche (Rinpoche ist ein Ehrentitel im tibetischen Buddhismus, der so viel wie Kostbarer bedeutet) bringt den Gästen hier die „Anytime Anywhere Meditation“ bei, die speziell bei einer modernen Lebensweise helfen soll herunterzufahren (9. Juli, 18.30 Uhr). Und in der (Nicht-)Aktion „The Citizen is Present“ haben die Anwesenden die Gelegenheit, sich in Ruhe in die Augen zu schauen (8. und 17. Juli, 16 Uhr).

Wer sie kennt, findet weitere Ruhezonen. Den Barfußpfad. Das „Museum of The Moon“ unter der Erdtrabenten-Leuchte auf dem Andechser Hügel. Oder die Half-Moon-Bar mit ihren Liegestühlen und Sandburgen. Wenn hier keine Tanzkurse oder -partys steigen (Fusion, Swing, Afro Carribbean, Salsa, Latin-Mix), gibt es sonntags Gratis-Yoga-Stunden sowie am Sonntag, 13. Juli, 11 Uhr, ein „Amazonen Gathering“: Flinta-Personen können hier „in wertschätzender Umgebung“ mit kreativen Übungen und kleinen Ritualen loslassen und zu sich selbst finden.
Gastronomie und Bierkultur

In den vielen Imbissbuden kommt der Besucher bekanntlich schnell einmal um die ganze Welt – von Tibet über Georgien nach Mexiko. Es gibt Spezialitäten aus 18 Ländern im indisch angehauchten Raj Dani, in der französischen Brasserie oder einen Watschga (Flammkuchen) beim Südtiroler. Bei einem darf sich der Gast aber ganz bayerisch fühlen: beim Bier. Hier nährt die nach uraltem Reinheitsgebot angesetzte Stammwürze den Stammesstolz, und zwar wie im Vorjahr wieder nicht von einem Hauptsponsor, sondern von 16 Brauereien. Isarkindl, Werksviertelbräu, Simmseer, Karg ... da sind auch für Biersommeliers noch Entdeckungen zu machen.

Diese „Bierkultur“ wird auch mit 50 Veranstaltungen gefeiert, etwa in der Brasserie von Lounge-DJs und Konzerten für Francophile oder im Craft-Biergarten Wuida Hund mit Pub-Quizzes, „Bier und Beats“, Wirtshausmusik und vielen weiteren Konzerten. Eine eigene Kulturinstitution seit Jahren ist freilich das große Andechser Zelt, in dem Wirtin Niko Strnad wieder ein sattes Programm mit bis zu drei Konzerten täglich drinnen und draußen zusammengestellt hat. So werden zum Beispiel Ecco DiLorenzo & His Innersoul (19.6.), Paul Daly mit OB Dieter Reiter (24.6.), Austria Project (25.6.), Gerry & Gary (28.6.), Paul Kowol (30.6.), Dr. Will New Orleans Caravan (2.7.), der Liedermacher Weiherer (6.7.), „The Voice senior“-Gewinner Dan Lucas (11.7.), Bluekilla (14.7.) und Soleil Bantu (15.7.) für ein paar rauschhafte Momente sorgen.
Wann, wie und was?
Tollwood findet von Donnerstag, 19. Juni, bis Sonntag, 20. Juli, auf der Schotterfläche im Olympiapark Süd statt. Geöffnet ist Montag bis Freitag von 14 Uhr an, Samstag, Sonntag und Feiertag von 11 Uhr an; der Markt der Ideen schließt jeweils um 23.30 Uhr, die Gastronomie um 1 Uhr. Die großen Konzerte haben unterschiedliche Startzeiten, die können genauso wie die der weiteren Kulturveranstaltungen dem Kalender auf www.tollwood.de entnommen werden. Informationen und Tickets gibt es unter Telefon 089/3838500.
Die Festivalleitung bittet, mit dem Fahrrad anzureisen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die nächsten Haltestellen sind: Olympiaberg (Stadtbus 144), Infanteriestraße (Metrobus 53, 59; Tram 12, Nachtbus N43/44, Nachttram N20), Heideckstraße (Tram 20/21, Nachttram N20), Olympiazentrum (U3/8, 15 Minuten Fußweg) und Scheidplatz (U2/3/8, von dort Stadtbus 144).

