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30 Jahre Tollwood:Wie aus ein paar Biertischen ein großes Festival wurde

Das Tollwood-Festival ist schnell gewachsen.

(Foto: Bernd Wackerbauer)

Wiener Würstchen als Catering und ein windschiefes Zelt: So begann vor 30 Jahren die Erfolgsgeschichte des Tollwoods im Olympiapark.

"Der Billy Idol spielt auf Tollwood", sagt der Kollege nebenan gerade bass erstaunt, "ich wusste gar nicht, dass der überhaupt noch lebt!" Ja, das sind Reaktionen, wie man sie dieser Tage öfter mal hören kann. Nun sind 30 Jahre eigentlich noch kein besonders hohes Alter.

Für ein Kulturfestival aber irgendwie doch, und besonders dann, wenn es sich um ein Festival handelt, das so ein bisschen die Jugendkultur abdeckt. Oder zumindest abdeckte. Denn heute geht man ja auf Tollwood meist zusammen mit anderen grauhaarigen Herren und Damen zu den Konzerten von grauhaarigen Musikern und freut sich, dass man trotzdem noch irgendwie jung geblieben zu sein scheint. Also mental wenigstens.

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Damals, als alles anfing, war man selbst echt noch jung und erfuhr das erste Mal von Tollwood durch ein Plakat in der Nähe vom Arri, gegenüber der Kunstakademie. Tollwood, na ja, der Name ging so und war eher so halblustig. Aber kulturelle Reizüberflutung war 1988 noch nicht das Problem in München, und so schaute man halt mal rüber in den Olympiapark. Bekannte meinten, es wäre wohl der gleiche Ort, wo im Jahr zuvor das internationale Theaterfestival stattgefunden habe.

Gut so, denn sonst hätte man das allererste Tollwood-Festival vielleicht gar nicht gefunden. Es gab eine Bühne, einige Biertische und ein Gastrozelt, in das bei Regen vielleicht 200 Leute passten. Der Musikkabarettist Georg Ringsgwandl hat später einmal sehr schön beschrieben, wie alles anfing: "Es gab keine Verträge, nur eine dünne Verstärkeranlage und Strom aus verlängerten Verlängerungskabeln, die sicher nie einen Elektriker gesehen hatten. Das Catering bestand aus Wienerwürstel mit Brot, wobei auch das nicht gesagt war."

Herr über dieses Fantasiereich war Uwe Kleinschmidt, Mitbetreiber der legendären Kabarettkneipe MUH, was für "Musikalisches Unterholz" stand, ein großartiger Kleinkunstenthusiast und liebenswerter Chaot. Wegen eines Offenbarungseids, so erinnert sich Hans Well von der Biermösl Blosn, konnte Kleinschmidt nicht selbst als Chef des Ganzen firmieren.

Das Gelände des Tollwood Festivals im Jahr 1988.

(Foto: Falko von Schweinitz)

Dafür hatte er Rita Rottenwallner, eine Studentin, die von einem Bauernhof aus dem Niederbayerischen kam und ihm im MUH mit der praktischen Unaufgeregtheit und dem Realitäts- und Eigensinn, der typisch ist für ihren Volksstamm, unter die Arme griff. Kleinschmidt zog sich krankheitsbedingt bald zurück. Neun Jahre später ist er gestorben, die Rita aber hat sein Erbe so vorbildlich fortgeführt, wie er es sich nur wünschen konnte.

Ja, die Rita Rottenwallner. Sie ist so etwas wie das Phantom des Zeltfestivals, manche glauben gar nicht, dass es sie in echt gibt. Wenn es um öffentliche Auftritte geht, wird sie sofort unsichtbar. Es wird eine Qual für sie gewesen sein, als sie 2010 das Bundesverdienstkreuz entgegennehmen musste. Wer allerdings glaubt, die scheue Rita ließe sich locker über den Tisch ziehen, hat sich sauber getäuscht.